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Versicherer : Krankenversicherer fürchten die Gesundheitsministerin

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Bild: F.A.Z.

Die Politik entzieht den privaten Krankenversicherer systematisch den Markt, klagt die Branche. Prämien für Millionen Versicherte würden deshalb steigen. Billiger werde höchstens die Auto-Versicherung.

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          Mehr als acht Millionen privat Krankenversicherte müssen sich in diesem Jahr auf steigende Beiträge einstellen. DieKraftfahrt-Versicherung wird dagegen tendenziell billiger. Insgesamt erwarten die Versicherer 2006 ein moderates Wachstum.

          Die Ausgaben der Krankenversicherer hätten im vergangenen Jahr deutlich über den Einnahmen gelegen. „Es ist klar, daß dies durch Beitragsanpassungen in der nächsten Zeit aufgefangen wird“, sagte der Vorsitzende des Verbands der Privaten Krankenversicherer (PKV), Reinhold Schulte, am Donnerstag in Berlin. Die Beitragseinnahmen seien 2005 zwar um 3,4 Prozent auf mehr als 27 Milliarden Euro gestiegen. Die Leistungen hätten sich gleichzeitig aber um 4,8 Prozent erhöht.

          Sorgen bereiten der Versicherungswirtschaft vor allem die anstehende Gesundheitsreform und das neue Vertragsrecht. „Der Kurs der Gesundheitsministerin ist klar: Sie will die private Krankenversicherung in ein gesetzliches Einheitssystem zwingen“, fürchtet GDV-Chef Bernhard Schareck. Die vorgenommene Anhebung der Versicherungspflichtgrenze schon jetzt „tiefe Bremsspuren“ hinterlassen. Im vergangenen Jahr gewannen die Unternehmen knapp 110.000 neue Kunden, 30 Prozent weniger als 2004.

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          Regulierung kommt Abschaffung gleich

          Die Politik entziehe der PKV systematisch den Markt, sagte PKV-Chef Schulte. Wenn die 50 PKV-Anbieter gesetzlich reguliert würden, käme dies ihrer Abschaffung gleich (siehe: Geschäftsmodell in Gefahr).

          Dagegen dürfen sich Autofahrer eher auf sinkende Prämien für die Auto-Versicherung einstellen. „In diesem Jahr ist in der Kraftfahrt ein Prämienrückgang von vier Prozent prognostiziert“, erläuterte der Schadensexperte des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Edmund Schwake. Dies liege an der sinkenden Schadenhäufigkeit, die zu stärkeren Rabatten führe, andererseits an neuen Tarifen der Unternehmen, von denen einige wieder über den Preis Marktanteile gewinnen wollen.

          Über alle Sparten hinweg erwartet der GDV in diesem Jahr ein Wachstum von 1,5 Prozent. Im vergangenen Jahr konnten sich die Assekuranzen mit Beitragseinnahmen von fast 158 Milliarden Euro noch über ein Plus von 3,8 Prozent freuen.

          Lebensversicherer ohne Aktien?

          Vor grundlegenden Änderungen stehen nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Lebensversicherer. Den Entwurf für ein neues Vertragsrecht sieht die Branche kritisch. Die Pflicht, den Versicherten stille Reserven binnen zwei Jahren verbindlich gut zu schreiben, wie er es vorsieht, würde das Leistungsprofil grundlegend verändern. „Am Ende könnte eine Lebensversicherung stehen, die keine Garantie mehr bietet“, warnte Schareck. „Aktien könnten die Unternehmen nicht mehr halten“, sagt er. Stiegen die Aktienkurse rasch an, müßten die Buchgewinne zur Hälfte an die Kunden weitergegeben werden. Bei einem folgenden Börsencrash blieben die Versicherer dagegen auf den Verlusten sitzen. Dabei hat die Branche die Folgen des Börsenkrach jetzt erst überwunden. „Die Finanzlage der Versicherungsunternehmen hat sich weiter verbessert“, sagte Schareck. Fast 1,2 Billionen Euro Kapitalanlagen verwalten die Gesellschaften, mehr als die Hälfte entfallen allein auf die Lebensversicherer. Der Aktienanteil der Anlagen stieg vom Tiefpunkt im Jahr 2003 mit sieben Prozent bis Ende des vergangenen Jahres wieder auf neun Prozent an. Die stillen Lasten seien fast vollständig abgebaut.

          Renaissance der Riester-Rente

          Das Ende der Steuervorteile auf Lebensversicherungen haben die Lebensversicherer auch gut verkraftet. An das Boomjahr 2004 hat die Branche mit weniger als acht Millionen neuen Verträgen - einem Minus von fast 40 Prozent - zwar nicht angeknüpft. Bei den Beitragseinnahmen fiel der Verlust mit 23 Prozent geringer aus. Dafür machte der GDV vor allem das Geschäft mit Einmalanlagen verantwortlich. Aber auch die private Altersvorsorge boomt. „Die Riester-Rente erlebte 2005 eine Renaissance“, sagte Schareck. 1,1 Millionen neuer Verträge kamen hinzu.

          2006 erwarten die Versicherer eine anhaltende Nachfrage nach der Förderrente. Die Branche rechnet mit einem Beitragswachstum von 2,5 Prozent. 2005 nahmen die Firmen 6,9 Prozent mehr ein.

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