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Versicherer : "Die Versicherungsbranche kann sich auch krankreden"

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Die AMB Generali will in Deutschland der ertragreichste Branchenkonzern werden. Mit dem Vorstandsvorsitzenden sprach Helmut Bünder.

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          Walter Thießen strotzt vor Selbstbewußtsein. Von dem Krisengerede in der Versicherungsbranche will der Vorstandsvorsitzende der AMB Generali nichts wissen. "Man kann sich auch krankreden. Wir gehen erhobenen Hauptes in die kommenden Jahre", sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Dem allgemeinen Gejammer über den Wegfall des Steuerprivilegs und dem damit drohenden Verkaufseinbruch bei Lebensversicherungen setzt er für sein Unternehmen ein "gewagtes Zehn-Jahres-Ziel" entgegen: Binnen zehn Jahren soll die AMB die "Nummer eins im Ertrag und in der Vertriebskraft" im deutschen Privatkunden- und Gewerbegeschäft werden: "Wir sind auf einem realistischen Weg dahin."

          Die AMB ist der drittgrößte deutsche Erstversicherer. Zum Konzern gehören bekannte Namen wie die Aachener und Münchener Versicherungen, die Volksfürsorge, die Krankenversicherer Central und Envivas, der Direktversicherer Cosmos, die Rechtsschutzversicherung Advocard und die Badenia-Bausparkasse. Die Aufholjagd zielt in erster Linie auf die Ergebnisse im Neugeschäft. "Die absolute Größe einer Allianz können wir in der Sparte Leben nie erreichen, das ist illusorisch", beschreibt Thießen die Verhältnisse. Aber gemessen am Neugeschäft in laufenden Beiträgen, kann er sich vorstellen, an den Branchenriesen heranzukommen. Im Vertrieb sei der Konzern, der zur italienischen Generali-Gruppe gehört, schon jetzt sehr gut aufgestellt, weil er praktisch alle Varianten abdecke: von der Direktversicherung Cosmos über die Kooperation mit der Deutschen Vermögensberatung AG bis zum eigenen Vertriebsnetz. Zusätzliche Vorteile verspricht sich Thießen von der EU-Vermittlerrichtlinie, die den Verbraucherschutz verbessern soll. Die Vermittlertätigkeit wird dazu von Qualifikationsnachweisen und einer Berufshaftpflicht abhängig gemacht.

          Seinen Optimismus schöpft er aus den überdurchschnittlichen Zuwachsraten, mit denen der Mischkonzern im Jahresverlauf glänzt. Die Zahlen zeigen: Schon vor dem Schlußverkauf in der Lebensversicherung hatte die AMB Ende September einen Anstieg des Neugeschäftes um 27 Prozent erreicht, während die Allianz bis dahin nicht wesentlich über das Vorjahresniveau hinauskam und erst jetzt durchstartet. Auch in der Krankenversicherung wuchsen die AMB-Beitragseinnahmen mit einem Plus von fast 11 Prozent weitaus stärker als im Branchendurchschnitt. Der geplante Personalabbau von insgesamt 1250 Stellen schreitet schneller voran als erwartet. Bis Ostern 2005 werde das Ziel erreicht, meinte Thießen. Nach den herben Verlusten durch den hohen Abschreibungsbedarf während der Börsenkrise hatte der Konzern erst im vorigen Jahr wieder einen bescheidenen Gewinn von 7 Millionen Euro erzielt. Für das laufende Jahr werden mindestens 200 Millionen Euro angepeilt, und für 2005 prognostiziert Thießen "wenigstens 250 Millionen Euro nach Steuern".

          Das weitere Wachstum der AMB will Thießen auf absehbare Zeit aus eigener Kraft bestreiten. Er hält sich die Option von Zukäufen aber weiterhin offen. Die Tochtergesellschaften des Konzerns werden von eigenen Vorständen mit Verantwortung für Ergebnis und Vertrieb geführt. Auch deshalb äußert sich Thießen zurückhaltend zu den Vorgängen um die Badenia-Bausparkasse, die durch den Verkauf von "Schrottimmobilien" ins Gerede gekommen ist. "Der Sachverhalt ist ausreichend juristisch geklärt. Wenn einige nun über die Medien das zu erreichen suchen, was sie vor Gericht nicht geschafft haben, ist das eine andere Sache." Allerdings läßt er keinen Zweifel daran, daß das Unternehmen in Karlsruhe Schadensersatzforderungen zurückweisen wird: Den allgemein erwarteten Rückgang im Lebensversicherungsgeschäft hält Thießen für weniger dramatisch, als viele Unkenrufe glauben machen. Dank Mindestverzinsung, nur hälftiger Versteuerung der Verträge bei Auszahlung nach dem 60. Lebensjahr und ihrer "Risikofreiheit" bleibe die Lebensversicherung ein attraktives Produkt, das auf niedrigerem Niveau weiterhin seine Interessenten finden werde. "Was da jetzt zu hören ist, klingt ein bißchen nach vorweggenommenen Ausreden des Vertriebs", sagte er. Thießens große Hoffnung sind private Rentenversicherungen und die durch staatliche Zulagen geförderte Altersversicherung: "2005 wird das Riester-Jahr." Die Leute hätten das Konzept inzwischen soweit begriffen, daß sich Riester-Verträge sogar über die Cosmos Direktversicherung gut verkaufen ließen. Thießen erwartet 2005 zudem einen Schlußverkaufseffekt, weil sich die Riester-Rente für Männer von 2006 an durch die Umstellung auf die Uni-Sex-Tarife verteuern wird.

          Dem hohen Lob für das Riester-Konzept steht ein skeptisches Urteil über die Rürup-Rente gegenüber. Die steuerliche Abzugsfähigkeit der Beiträge zu dieser Rentenreform soll der privaten Altersvorsorge vom kommenden Jahr an neuen Schub geben. Thießen ist davon überzeugt, daß die Rürup-Rente nur schwer an den Mann zu bringen sein wird. "Wer zahlt Beiträge in eine Rentenversicherung, die man nicht beleihen, verkaufen und kapitalisieren kann?" In der betrieblichen Altersversorgung setzt AMB auf maßgeschneiderte Produkte für kleine und mittlere Unternehmen. "Wir werden durch die Masse der Kleinen wachsen", sagte Thießen.

          Mit einer Klärung der künftigen rechtlichen Rahmenbedingungen für das Krankenversicherungsgeschäft rechnet er erst nach der Bundestagswahl 2006. Gleichwohl bleibe die private Gesundheitsvorsorge ein großer Wachstumsmarkt. "Aber im Moment versuchen alle Parteien, dieses Thema zu vertagen. Weder die Bürgerversicherung noch die Gesundheitsprämie werden jemals Gesetz werden", sagte er voraus. Die Politik habe einfach noch nicht den Mut, den Bürgern zu erklären, daß es auch in der Krankenversicherung nicht ohne Kapitaldeckung und "dramatisch höhere Eigenvorsorge" gehen werde. In der Alterssicherung habe sich diese Einsicht inzwischen durchgesetzt, in der Krankenversicherung werde es "noch drei oder vier Jahre" dauern.

          Der Perfektionist

          Als Walter Thießen vor zweieinhalb Jahren an die Spitze der AMB Generali berufen wurde, war sie tief in der Verlustzone. Seitdem hat er den Konzern kräftig umgekrempelt und still und leise nach vorn gebracht. Der promovierte Mathematiker gilt im Unternehmen als Perfektionist. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem Vertrieb, dessen Erfolg oder Mißerfolg Wohl und Wehe des Konzerns bestimmen. Sechzig- bis siebzigtausend Kilometer legt er jedes Jahr im Auto zurück, um sich vor Ort ein eigenes Bild von der Lage in den Tochtergesellschaften zu machen. Der gebürtige Kaiserslauterer (Jahrgang 1951) hat seine gesamte berufliche Laufbahn in der Assekuranz verbracht. Nach den Lehrjahren beim Deutschen Herold in Bonn wechselte er 1985 zu den Aachener und Münchener Versicherungen, einer der AMB-Tochtergesellschaften. 1993 folgte der erste Vorstandsposten bei der Volksfürsorge in Hamburg. Zusätzlich übernahm er 1996 den Vorsitz in der Geschäftsführung der AMB-Informatik und stieg in den Vorstand der AMB Holding in Aachen auf. (bü)

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