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Versandhandel : Das Aus für Quelle in Deutschland

  • Aktualisiert am

Es gibt keine Rettung mehr Bild: ddp

Der Verkauf der insolventen Versandhausgruppe Primondo mit der Kernmarke Quelle ist gescheitert. Quelle Deutschland mit Sitz in Fürth, der größte Krisenherd, wird abgewickelt. Die Folgen für die Belegschaft werden dramatisch sein.

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          Nach 82 Jahren ist das Aus für den traditionsreichen Versandhändler Quelle beschlossene Sache. Der Verkauf der insolventen Versandhausgruppe Primondo mit der Kernmarke Quelle ist gescheitert. Quelle Deutschland mit Sitz in Fürth, der größte Krisenherd, wird abgewickelt und damit geschlossen (siehe auch Worauf Quelle-Kunden jetzt achten müssen).

          Für die einzelnen Bestandteile der Gruppe mit den gesunden ausländischen Versandaktivitäten von Quelle sowie für den Verkaufsfernsehsender HSE 24 werden separate Verkaufsprozesse gestartet. Die zahlreichen Spezialversender („Peter Hahn“, „Baby Walz“) sollen erst einmal eigenständig weitergeführt werden, stehen aber auch vor dem Verkauf. Der bisherige Wettbewerber Otto prüft den Kauf von Teilen des Unternehmens: „Wir werden jetzt Gespräche mit der Insolvenzverwaltung aufnehmen“, sagte ein Sprecher des Hamburger Unternehmens am Dienstag. Zudem kündigte Otto die Übernahme eines Teils der Auszubildenden von Quelle an.

          Das Scheitern seiner ursprünglichen Pläne teilte der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg am späten Montagabend mit, nachdem der Gläubigerausschuss über diese überraschende Wende informiert worden war. Keiner der vier Interessenten habe bis zum Montag ein Angebot abgegeben. Niemand wolle das defizitäre Deutschland-Geschäft übernehmen. „Nach intensiven Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren sehen Insolvenzverwalter wie Gläubigerausschuss jetzt keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland mehr“, teilte Görg mit.

          Stillgelegt: ein Quelle-Geschäft in der Innenstadt von Fürstenfeldbruck

          Noch Ende vergangener Woche hatte sich Görg zuversichtlich geäußert, die Primondo-Gruppe als Ganze an Investoren bis Ende Oktober verkaufen zu können. Der Primondo-Verbund ist die Dachgesellschaft der Versandhandelsmarken in der Arcandor AG. Nun muss Quelle Deutschland doch abgewickelt werden, weil die Gespräche über eine Finanzierung des Versandgeschäftes von Januar 2010 an gescheitert sind. Quelle-Betriebsratschef Ernst Sindel reagierte schockiert. „Das ist für die betroffenen Menschen und ihre Familien eine Riesen-Katastrophe“, sagte er am Dienstag.

          In der Politik begann unterdessen die Suche nach Schuldigen. Während Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) darauf verwies, „das Menschenmögliche getan“ zu haben, warf die bayerische SPD Seehofer sowie Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eine Mitschuld an der endgültigen Pleite vor. „Das wochenlange Hin und Her zwischen den Herren Seehofer und Guttenberg hat dazu geführt, dass entscheidende Zeit versäumt wurde für die Fertigstellung des wichtigen Quelle-Winterkatalogs“, kritisierte der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Thomas Beyer. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer kündigte an, dass die Staatsregierung für die Region einen Zukunftsplan mit möglichen Infrastrukturmaßnahmen erstellen wolle.

          Finanzierung war nur bis Jahresende gesichert

          Offensichtlich haben alle Bieter zur Bedingung gemacht, den Primondo-Verbund unverzüglich mit gesichertem Factoring zu übernehmen. Dabei geht es um die Finanzierung des Versandgeschäfts. Beim Factoring gibt Quelle die Kundenforderungen gegen Provision an eine Bank weiter, die die offenen Beträge im Gegenzug vorfinanziert. Dieses Factoring aber war nur bis Ende 2009 gewährleistet.

          Die Quelle-Hausbank Valovis wies die Verantwortung dafür der Commerzbank und der BayernLB zu, die sich zuletzt am Factoring beteiligt hatten. „Wir haben immer gesagt, wie machen weiter, auch über den Jahreswechsel hinaus - aber nicht alleine“, sagte eine Valovis-Sprecherin am Dienstag. Insolvenzverwalter Görg hatte die Factoring-Vereinbarungen nach dem Insolvenzantrag im Juni und Anfang September zweimal nur mit Mühe - und staatlicher Hilfe - verlängert. Valovis hatte das Factoring vorher in Eigenregie gemacht, die Commerzbank und die Bayern LB hatten erst auf politischen Druck Teile der mehr als 300 Millionen Euro schweren Finanzierung übernommen. Im Umfeld der beiden anderen Banken hieß es, Commerzbank und Bayern LB hätten nur die Überbrückungsfinanzierung sicherstellen wollen, um den Verkaufsprozess in Gang zu bringen.

          Alle potenziellen Bieter hätten die Aufgabe der rund 1450 Quelle-Shops gefordert, die für das 1927 gegründete Unternehmen die Bestellungen sammelten und stets ein kleines Warensortiment vorrätig hatten, erläuterte Görg. Sie wollten auf das Internet setzen. Das hätte ohnehin mehr Stellen als geplant gekostet. Görg selbst hatte nur ein Drittel der Quelle-Shops und die 109 Quelle-Technik-Center schließen wollen. Zu den aussichtsreichsten Interessenten für Quelle war laut Kreisen der amerikanische Finanzinvestor TPG gezählt worden, der viel Erfahrung im Einzelhandel mitbringt. Der Investor Sun Capital, dem der Quelle- Rivale Neckermann.de gehört, habe sich bereits zuvor aus dem Verkaufsprozess zurückgezogen. Der Quelle-Erzrivale Otto hatte bereits zu Beginn abgewinkt.

          Dramatische Folgen für die Belegschhaft

          Die Folgen für die Belegschaft werden dramatisch sein. Ursprünglich plante Görg den Abbau von 3500 der insgesamt 10.500 Arbeitsplätze in der Primondo-Gruppe, die damit überlebensfähig gewesen wäre. Auf Quelle Deutschland entfällt mit etwa 7000 Mitarbeitern der mit Abstand größte Teil der Belegschaft.

          Am 9. Juni hatte die Arcandor AG in Essen die Insolvenz für sich und unter anderem die Töchter Karstadt, Primondo und Quelle beantragt (Das Ende von Karstadt-Quelle). Der Schritt traf das 1927 gegründete Traditionshaus Quelle mitten in einem tiefgreifenden Umbau, der bereits in den vergangenen Jahren zu scharfen Einschnitten geführt hatte. Das Unternehmen hatte die Bedeutung des Internets für den Handel erst spät erkannt. In den vergangenen Jahren erfolgte dann eilig eine strategische Neuausrichtung.

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