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Verpackungsverordnung : Ab in die Tonne

  • -Aktualisiert am

Ein deutsches Symbol: die Dosen-Debatte Bild: F.A.Z.-Marcus Kaufhold

Von Mai an kann man Einwegflaschen und Dosen überall abgeben. Das wird teuer für den Kunden. Das System ist überflüssig und führt die mit dem „Dosenpfand“ politisch gewollte ökologische Lenkungsmaßnahme ad absurdum.

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          Deutschland schafft die Insel ab: Vom ersten Mai an fallen die sogenannten Insellösungen bei den Einwegflaschen und Getränkedosen weg. Das bedeutet, daß der Kunde die mit dem Zwangspfand in Höhe von 25 Cent belegten Plastikflaschen oder Dosen überall dort abgeben kann, wo solche Einweg-Getränkeverpackungen verkauft werden - vorausgesetzt, der Laden ist mindestens 200 Quadratmeter groß. Also kann man künftig Wasser bei Aldi kaufen und die Flaschen bei Lidl zurückgeben.

          Hört sich gut, bequem und verbraucherfreundlich an. Zumal bislang rund jede fünfte Flasche nicht zurückgebracht wurde und die Discounter nach einer Studie der Handelsforscher von der Gfk allein im vergangenen Jahr rund 100 Millionen Euro durch diesen sogenannten Pfandschlupf eingenommen haben. Doch das Problem ist grundsätzlicher Natur, sagen Kritiker: Das ganze System ist eigentlich überflüssig, kostet nicht zuletzt auch den Verbraucher viel Geld und führt die mit dem "Dosenpfand" politisch gewollte ökologische Lenkungsmaßnahme ad absurdum.

          Umweltfreundlich? Von wegen.

          Ursprünglich sollte mit dem 2003 eingeführten Zwangspfand auf Einwegverpackungen das umweltfreundlichere Mehrwegsystem gestärkt werden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Mehrwegquote sinkt seitdem kontinuierlich. Zwar haben einige Handelsketten die Dose verbannt, bieten nun aber mit wachsendem Erfolg Wasser und Bier in PET-Flaschen an. Die Verbraucherzentrale Bundesverband befürchtet, daß sich der Trend zu Einweg noch weiter fortsetzen wird.

          Nicht besonders umweltfreundlich ist auch der logistische Mehraufwand: Nach einer internen Studie der Metro-Gruppe werden derzeit jährlich 15 Milliarden Einweggebinde im deutschen Handel verkauft. Somit müssen zusätzlich 525 000 Tonnen Plastik- und Blechmüll im Jahr durch die Gegend gefahren werden. Damit kommen durch das Einwegpfand noch einmal jährlich rund 29 200 Lkw-Fahrten hinzu, die Brummis verbrauchen zusätzlich 75 Millionen Liter Diesel und stoßen 235 000 Tonnen Kohlendioxyd aus, rechnen die Metro-Experten vor.

          Zwangspfand bedroht Arbeitsplätze

          Der Einzelhandel klagt unterdessen auch über die gewaltigen Anlaufkosten für das neue Rücknahmesystem. Die Investitionen unter anderem in die Automaten sollen fast zwei Milliarden Euro betragen, mehrere hundert Millionen Euro sollen jährlich durch den Unterhalt des Systems hinzukommen. Und niemand weiß, ob das unter dem Namen DPG Deutsche Pfandsystem GmbH geführte neue Rücknahmesystem überhaupt zum 1. Mai 2006 funktioniert. Darüber hinaus rechnet Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG), damit, "daß 10.000 Arbeitsplätze verlorengehen, wenn das Zwangspfand bleibt". Auch Johann Botella, Chef des Betriebsrates bei Coca-Cola in Berlin, sieht dem neuen System mit großer Skepsis entgegen: "Sowohl bei der Produktion als auch bei der Auslieferung erwarten wir einen deutlichen Personalabbau." Von den 9000 Arbeitsplätzen in seinem Unternehmen könnten bis zu 3000 abgebaut werden. Stark bedroht sind wohl außerdem viele kleine und mittelständische Molkereien und Getränkeproduzenten, die sich die Investitionen in PET-Abfüllanlagen schlicht nicht leisten können.

          "Und vergessen Sie nicht: Überall, wo neue Kosten entstehen, fallen sie am Ende auf den Verbraucher zurück", warnt Wilhelm Wallmann, Vorsitzender der Initiative "Ökologisch Vorteilhafte Getränkeverpackung". In der neu gegründeten Initiative haben sich die Verpackungshersteller Tetra Pak, SIG Combibloc und Elopak zusammengefunden, die von Mai an mit Anke Engelke die Getränkekartons promoten wollen. Denn den Saft in Tüten stuft der Gesetzgeber aufgrund der hohen Recyclingquote als "ökologisch vorteilhaft" ein und hat die Getränkekartons somit nicht mit Pfand belegt.

          Die Zeche zahlt am Ende vermutlich wieder einmal der Verbraucher. Das ist um so ungerechter, weil er ja jetzt schon für das Recycling von Einwegverpackung über den "Grünen Punkt" zur Kasse gebeten wird.

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