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Helmut Bünder (bü.)

Verpackungsrecycling : Die Mülltrickser

Dem Sammelsystem droht der Kollaps Bild: dpa

Wegen vieler Schlupflöcher droht dem Sammelsystem der finanzielle Kollaps. Doch trotz aller Auswüchse ist hierzulande ein Recyclingsystem entstanden, das in der Welt seinesgleichen sucht.

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          Es gehört zu den Besonderheiten der Müllbürokratie, dass Unternehmen große Kunden und Umsätze verlieren, aber ihre Marktanteile trotzdem in die Höhe schießen können. Diese Erfahrung hat das Duale System Deutschland (DSD), besser bekannt als Grüner Punkt, gerade gemacht. Die Supermarktkette Kaufland hatte sich einen anderen Partner für die Entsorgung der Verpackungen über die gelbe Tonne gesucht, ebenso der Sekthersteller Rotkäppchen und einige andere Kunden. In vier Monaten seien 60 Millionen Euro Umsatz verlorengegangen, dennoch sei der DSD-Marktanteil um beinahe vier Punkte auf knapp 50 Prozent gestiegen, rechnete Geschäftsführer Stefan Schreiter vor.

          Die wundersame Entwicklung kommt das Unternehmen teuer zu stehen. Denn die Entsorgungskosten für gelbe Tonnen und Glascontainer werden über eine gemeinsame „Clearingstelle“ zwischen dem Grünen Punkt und seinen Konkurrenten umgelegt – entsprechend ihren Mengenanteilen. Das Geld geht an die Müllunternehmen, die im Auftrag der dualen Systeme den Abfall abfahren und sortieren. Dieses Jahr werden knapp 800 Millionen Euro fällig, jeder Punkt Marktanteil kostet fast 8 Millionen Euro.

          Die Aufsichtsbehörden schauen dem Treiben tatenlos zu

          Neben dem Dualen System Deutschland kümmern sich neun weitere duale Systeme darum, dass leere Joghurtbecher und Konservendosen eingesammelt und verwertet werden. Bezahlt wird das Müllsystem von Herstellern und Handel. Sie sind verpflichtet, eine ordnungsgemäße Entsorgung ihrer Verpackungen sicherzustellen. Dabei zählt jeder Cent, deshalb liefern sich die Systembetreiber einen intensiven Wettbewerb um die „Lizenzverträge“. Um Handel und Industrie möglichst niedrige Preise bieten zu können, müssen die eigenen Kosten herunter. Der einfachste Weg führt durch die Schlupflöcher der Verpackungsverordnung.

          Glaubt man den Mengenmeldungen der dualen Systeme, werden von den Verpackungen ihrer Industrie- und Handelskunden in diesem Jahr nur noch 820.000 Tonnen in der gelben Tonne landen, ein Viertel weniger als 2013. In die Höhe schießt dafür die Abfallmenge, die Supermärkte, Burger-Ketten, Restaurants, Kantinen, Krankenhäuser oder Tankstellen angeblich auf eigene Rechnung abholen und entsorgen lassen. Das ist ein gutes Geschäft, weil die als „Eigenrücknahme“ und „Branchenlösung“ deklarierten Mengen nicht in die Kostenbeteiligung für die gelbe Tonne einfließen. Tatsächlich aber landet auch von diesem Abfallberg ein beträchtlicher Teil in der haushaltsnahen Entsorgung, die gelben Tonnen und Säcke sind so gut gefüllt wie eh und je.

          Die für die Kontrolle zuständigen Aufsichtsbehörden der Länder schauen dem Treiben tatenlos zu. Fast beliebig können die Systembetreiber den Abfall so umdefinieren, wie es am besten passt. Sogar der Grüne Punkt, der laut danach ruft, die Schlupflöcher zu stopfen, schwenkt jetzt um: Für das zweite Quartal hat er ebenfalls Zehntausende Tonnen aus der teuren haushaltsnahen Entsorgung abgemeldet – und seinen Kostenanteil auf einen Schlag auf nur noch 42 Prozent gedrückt. Diese Müllrechnung kann auf Dauer nicht aufgehen. Dem Sammelsystem droht der finanzielle Kollaps. Wenn sich die Entwicklung fortsetzt, wird in diesem Jahr ein dreistelliger Millionenbetrag fehlen. Die gelben Tonnen würden trotzdem nicht stehen bleiben. Im Notfall sind Städte und Gemeinden verpflichtet, neben dem Restmüll auch den Verpackungsabfall wegzuschaffen. Aber ein solches Szenario wäre vermutlich der Anfang vom Ende des privatwirtschaftlich organisierten Verpackungsrecyclings. Die kommunalen Unternehmen trommeln längst für einen Systemwechsel, der ihnen ein neues Geschäftsfeld erschlösse.

          Die städtischen Müllgebühren kennen nur eine Richtung

          Bundesumweltministerin Barbara Hendricks beschränkt sich vorerst auf eine Notoperation. Schärfere Regeln sollen den Mülltricksern das Handwerk legen und einen Systemzusammenbruch verhindern. Spannend wird es im Herbst, wenn die SPD-Politikerin den lange erwarteten Entwurf für ein Wertstoffgesetz vorlegt: Die gelbe Tonne wird damit zum gemeinsamen Sammelbehälter sowohl für alte Verpackungen als auch für alle übrigen Haushaltsabfälle aus Kunststoff und Metall. Dann müssen auch die Müllzuständigkeiten zwischen privat und kommunal neu definiert werden: Denn die Oberhoheit über alles, was nicht Verpackungsmüll ist, vom ausgedienten Kochtopf bis zum Kinderspielzeug, haben bisher die Städte und Gemeinden – und die werden deshalb nicht einfach auf ihren Anteil an der Wertstofftonne verzichten.

          Den meisten Verbrauchern dürfte es ziemlich egal sein, wer die Abfuhr übernimmt – solange ihre Kosten nicht steigen und das Recycling funktioniert. Doch gerade deshalb ist Vorsicht geboten. Die städtischen Müllgebühren kennen fast überall nur eine Richtung: steil nach oben. Dagegen haben sich die Kosten für die gelbe Tonne, die die Verbraucher beim Einkauf ihrer Produkte mitbezahlen, binnen weniger Jahre halbiert. Trotz aller Auswüchse, die ein harter Wettbewerb manchmal hervorbringt, ist dabei in Deutschland ein Recyclingsystem entstanden, das in der Welt seinesgleichen sucht. Den Blick auf diese Erfolge darf auch das Zocken um die gelbe Tonne nicht verstellen, wenn es in der Politik um die Zukunft der dualen Systeme geht.

          Helmut Bünder
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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