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Geschäft mit Verschwörungstheorien : Die Angstindustrie

Start-Up-Fieber unter Verschwörungstheoretikern

Psychologen wissen: Wer eine Meinung öfter hört, ist eher geneigt, ihr zu glauben. Wiederholungen machen steile Thesen zwar nicht wahrer, aber glaubwürdiger. Die Glaubwürdigkeit der Quelle ist mit der Zeit egal. Und wer im Netz nur noch bestimmte Portale aufruft, der wird gar nicht mehr mit abweichenden Fakten konfrontiert. Die Theorien werden immer leichter zugänglich, und die neuen Unternehmer profitieren. Internetportale sind schnell und billig gegründet, unter den Verschwörungstheoretikern ist eine Art Start-up-Fieber ausgebrochen. Längst haben auch andere als Jochen Kopp erkannt, dass sich mit den Sorgen der Bürger Geld verdienen lässt – wenn man sie nur weiterhin ordentlich schürt.

Auf dem Portal MMnews mischen sich seit 2008 Nachrichtenmeldungen mit angeblichen Insidereinsichten wie dieser: „Da wird noch großer Terror, auch mit Flugzeugen kommen. Das wird dann als der Hauptgrund für den Crash des Finanzsystems und der Pleite der meisten Staaten publiziert werden. Ich schätze, dass das alles noch im Januar 2015 ablaufen wird“, schreibt ein Autor. „Chefredakteur und Herausgeber“ der Seite, auf der zahlreiche Werbeanzeigen zu finden sind, ist Michael Mross. Auf seiner Homepage lässt der 57 Jahre alte gebürtige Kölner wissen, dass er bis 2008 als Börsenfachmann unter anderem im Nachrichtensender N24 aufgetreten sei. Inzwischen sei MMNews mit „1,5 Millionen Besuchern pro Monat“ das „größte Wirtschaftsblog Europas“, wie Mross auf Anfrage mitteilt. Zum Umsatz schweigt der Mann, der sich selbst als „Verfechter der freien Marktwirtschaft, des Kapitalismus und des freien Wortes“ bezeichnet. Mross bestreitet, Artikel zu verbreiten, „welche einen rechtspopulistischen Hintergrund haben oder gar antisemitisch sind“. Auch der Vorwurf der Verschwörungstheorie sei unbegründet, „auch wenn MMnews natürlich über das hinausgeht, was man allgemein in Medien liest“, teilt Mross mit.

Einen Klick weiter verbreitet das „Compact“-Magazin mit angeschlossenem Online-Portal steile Thesen. Die jüngste Ausgabe zeigt die Bundeskanzlerin verhüllt in einem Kopftuch auf der Titelseite. „Mutti Multikulti. Merkels Migrationspolitik“ steht daneben in dicken Lettern. Andere Ausgaben haben Titel wie „Krieg gegen Russland“ oder „Die Kriegslügen der USA“. Gerade baut „Compact“ über Youtube ein Video-Magazin auf. Ende 2014 veranstaltete der Verlag eine „Friedenskonferenz“ zum Thema Russland mit mehreren hundert Teilnehmern und einer Teilnahmegebühr von 69 Euro. Der „Tagesspiegel“ fasste zusammen: „Im Grunde vertreten die Redner nur immer wieder die These, Amerika versuche, Russland in einen Krieg zu verwickeln, um dessen Ressourcen an sich zu reißen und schließlich die Weltherrschaft zu erlangen.“

Und wenn all die düsteren Prophezeiungen wahr werden? Auch darum kümmern sich findige Unternehmer. Der selbsternannte „Krisenexperte“ Gerhard Spannbauer zum Beispiel preist in seinem Online-Shop unter anderem eine „Gewehrarmbrust mit Stahlkugelfunktion“ (143,10 Euro), Pfefferspray und Elektroschocker an. Dann kann der Ernstfall ja kommen.

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