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Geschäft mit Verschwörungstheorien : Die Angstindustrie

Und das mit Artikeln wie diesen: Kopp-Autor Gerhard Wisnewski hält es in einem aktuellen Beitrag für möglich, dass hinter den Mordanschlägen von Paris nicht Islamisten, sondern „Werkzeuge der amerikanischen Global-Strategie“ stecken. Er stellt einen gedanklichen Zusammenhang zu den „inszenierten Anschlägen auf das World Trade Center“ 2001 her. Stoßrichtung des Artikels: Anschläge wie in New York und Paris nutzt der Westen, um Stimmung gegen den Islam zu machen, um seinen „Kampf der Kulturen“ führen zu können. „Ein gegen den Islam geeintes Europa ist exakt der Baustein für ein Weltreich von amerikanischen Gnaden, wie es den Vereinigten Staaten wohl vorschwebt“, schreibt der Autor. Die „plötzlich erschienene“ Pegida-Bewegung passt da bestens in dieses Weltbild einer westlichen Verschwörung gegen den Islam.

Eigenartig nur, dass in einem anderen Beitrag Gründe aufgezählt werden, für Pegida auf die Straße zu gehen, und gegen die angebliche Islamisierung gepoltert wird. Was denn nun? Ist Pegida Teil einer westlichen Weltverschwörung oder eine unterstützenswerte Bewegung gegen die „Islamisierung Deutschlands“? Die Kopp-Kunden scheinen solche Widersprüche nicht zu stören. Jochen Kopp gibt zu Protokoll, seine Autoren seien in „ihren Ansichten frei“, er schätze „kritische Geister“. Und die Begriffe „rechtspopulistisch“ oder „verschwörungstheoretisch“ werden nach Kopps Wahrnehmung als „Totschlagargument gebraucht, um Andersdenkende pauschal zu diskreditieren“.

Menschen erkennen oft Muster, wo keine sind

Alles ist miteinander verbunden, alles geplant und nichts so, wie es scheint. So wurde die Weltsicht einmal von einem Forscher charakterisiert, die momentan an Aufmerksamkeit gewinnt. Neu ist dieses Phänomen allerdings nicht. Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat schon vor Jahren festgestellt, dass Menschen häufig Muster erkennen, wo gar keine sind. Manche leben das im Spielcasino aus, wo sie beim Roulette rote und schwarze Zahlen abzählen, sich gewagte Strategien ausdenken und am Ende trotzdem verlieren. Andere sehen geheime Verbindungen und Verschwörungen in den Zufällen der Welt. Und das nicht erst seit diesem Jahr.

„Schon im alten Rom existierte die Vorstellung, dass sich Menschen treffen und gemeinsam Böses aushecken“, sagt Michael Butter, Amerikanistik-Professor an der Universität Tübingen. In allen Epochen der Geschichte findet man Verschwörungstheorien, sagt der Wissenschaftler, der sich mit diesem Thema seit Jahren befasst. Mal wurden die Hexen für alles Böse verantwortlich gemacht, mal die Kommunisten, mal die „jüdische Hochfinanz“. Nicht nur im Westen, gerade in der arabischen Welt seien Verschwörungstheorien oft fest verankert. Umfragen haben gezeigt, dass Verschwörungstheorien zum 11. September dort oft geglaubt werden.

Vor allem in Amerika hat Butter eine Veränderung ausgemacht: Drehten sich die Theorien früher darum, dass Verschwörer die Machtübernahme planen und ihnen diese erst noch gelingen muss, würden heute die Mächtigen selbst für die Verschwörer gehalten. Die Politiker und Wirtschaftsführer zum Beispiel. Auch deshalb fühlten sich heute eher die Menschen am Rand der Gesellschaft von den Theorien angezogen. „Vor allem diejenigen, die den Anschluss verloren und nach einfachen Erklärungen suchen“, sagt der Forscher. Ob heute tatsächlich mehr Menschen konspirativen Theorien anhängen oder ob das Internet die Sichtbarkeit dieser Menschen einfach nur erhöht hat, will Butter jetzt erforschen. Fest steht für ihn: „Zurzeit gibt es in Europa viele Bewegungen wie Pegida, die nicht direkt verschwörungstheoretisch sind, aber in der Lage, solche Leute aufzunehmen.“

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