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Vereinbarung mit Merlin : Tiktok einigt sich mit Indie-Musikern

Tom Smith von den Editors: Auch ihr Label PIAS gehört zu Merlin. Bild: EPA

Tiktok-Nutzer können fortan Musik von Indie-Labels nutzen. Das freut die Plattenfirmen, aber auch die Werbebranche – und lenkt den Blick auf den Streaming-Dienst der Chinesen.

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          Das Videonetzwerk Tiktok hat mit der Lizenzplattform Merlin eine Vereinbarung über die Nutzung des gesamten Katalogs ihrer Mitglieder getroffen. Merlin fungiert als Rechtevertreter für mehr als zehntausend unabhängige Musikunternehmen und verhandelt in deren Namen unter anderem die Lizenzverträge mit Streamingdiensten wie Spotify. Nach eigenen Angaben macht das Repertoire der Merlin-Mitglieder gut 15 Prozent des Marktes für Musikaufnahmen aus.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Vereinbarung zwischen Tiktok und Merlin für die Lizensierung der Werke gelte „mit sofortiger Wirkung“ heißt es. Wenn ein Tiktok-Nutzer das Lied eines Indie-Künstlers verwendet, fließt nun Geld an jenes Label, das die Rechte an dem Stück hält. Das wiederum schüttet das Geld an die am Werk beteiligten Künstler aus.

          Auf dem zum chinesischen Unternehmen Bytedance gehörenden Netzwerk Tiktok erstellen meist junge Nutzer mehrheitlich einminütige Videos. Musik spielt dabei eine zentrale Rollen: Sogenannte „Lipsync“-Videos, in denen Nutzer zu einem unterlegten Lied Playback singen, haben erheblich zur Bekanntheit und Beliebtheit des Netzwerks beigetragen.

          Tiktok will Geschäftsmodell legitimieren

          Tiktok ist das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt und verzeichnet nach Schätzungen etwa 800 Millionen aktive Nutzer im Monat. Die Plattform sei ein gutes Beispiel dafür, dass sich die „Möglichkeiten, Musik zu hören, zu erleben und zu nutzen, ständig weiterentwickeln“, sagte Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) gegenüber der F.A.Z. Nun komme es darauf an, „mit den neuen Partnern am Markt entsprechende Übereinkünfte über Lizenzzahlungen für die Nutzung der Musik zu erzielen.“

          „Die Labels haben das große Potential von Tiktok erkannt“, sagt Mark Mulligan Branchenkenner vom britischen Beratungsunternehmen Midia Research. Auch die drei großen Plattenlabels – Universal Music, Sony und Warner – befänden sich in Gesprächen mit Bytedance über eine Lizensierungs-Vereinbarung wie jene, die nun bekanntgegeben wurde. Laut Mulligan erfolgt die Kooperation mit Merlin aber auch vor dem Hintergrund, dass Tiktok versucht, das eigene Geschäftsmodell zu legitimieren.

          Damit erschließt sich das Netzwerk auch neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Denn viele Unternehmen zögerten bislang, auf Tiktok zu werben, weil sie wegen der ungeklärten Musikrechte juristische Streitigkeiten fürchteten. Das habe Marken und Influencer sehr eingeschränkt, sagt Jörn Mecher, Gründer der Influencer-Marketing-Agentur Intermate, der F.A.Z.

          Streamingdienst mit Tiktok-Elementen

          Deshalb könnte es sich um einen „enorm wichtigen Schritt für das Influencer-Marketing auf Tiktok“ handeln, wenn die Musikrechte endlich geklärt seien. Allerdings ist von Werbern auch zu hören, dass die junge Nutzerschaft und die fehlenden Möglichkeiten, die Werbebotschaften zielgenau zu adressieren, ebenfalls Hindernisse sind.

          Zwei jüngst bekannt gewordene Personalien unterstreichen Tiktoks neuen Kurs. So war Ole Obermann, der seit vergangenem Herbst bei Bytedance für den Bereich Musik zuständig ist, zuvor in leitender Funktion für Warner Music tätig und kümmerte sich dort etwa um die Lizenzvereinbarungen mit Spotify und Co. Im Dezember folgte ihm dann Tracy Gardner. Sie arbeitete ebenfalls zuvor für Warner Music und ist bei Bytedance nun zuständig für die Lizenzverhandlungen mit Labels.

          Die musikalischen Ambitionen von Bytedance beschränken sich indes nicht nur auf die populäre Video-Plattform. Mitte November 2019 hatte die „Financial Times“ von Plänen für einen eigenen Musik-Streamingdienst berichtet. Ein solcher wird gegenwärtig in Indien und Indonesien unter dem Namen Resso getestet. Im Kern sei Resso ein gewöhnlicher Streamingdienst, sagt Mulligan. Allerdings gibt es einige Elemente, die an Tiktok erinnern und bei Spotify, Apple Music oder Amazons Musikdienst nicht angeboten werden. Nutzer können etwa die Texte der Lieder in Echtzeit mitlesen und direkt animierte Bilder oder Videos erstellen.

          Kein schneller Sprung nach Amerika

          Tiktok ist in Indien und Indonesien sehr populär. Dass der Test dort stattfindet, hat auch einen anderen Grund: Das Wachstum im Streamingbereich dürfte in den großen westlichen Märkten 2020 abflauen. Im Gegensatz gebe es gerade in Asien und Südostasien riesiges Potential, sagt Mulligan. Da sich die großen westlichen Dienste dort allerdings schwer täten, sei Resso ein alternativer Weg für die Labels, ihr Repertoire in bevölkerungsreichen Märkten wie Indien und Indonesien anzubieten.

          Die Vereinbarung mit Merlin dürfte entsprechend auch für Resso gelten. Für eine groß angelegte Expansion bedarf es freilich noch einer Einigung mit Universal Music, Sony und Warner. Ein Dienst ohne den riesigen Pool an populären Werken, an denen die drei Konzerne die Rechte halten, hätte kaum Aussichten auf Erfolg. Dass Bytedance schon in diesem Jahr etwa in Amerika den etablierten Diensten Konkurrenz machen will, glaubt Mulligan allerdings nicht. „Zunächst dürfte sich Bytedance eher auf den asiatischen und südasiatischen Markt konzentrieren“, ist der britische Fachmann überzeugt.

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