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Verbindungen zur Mafia : Schenker in schiefem Licht

In Italien im Visier: Güterwaggon der Deutsche-Bahn-Tochter DB Schenker Bild: dpa

Die Tochter der Deutschen Bahn wird in Italien unter staatliche Sonderverwaltung gestellt. Sie soll einem Mafia-Unternehmen jahrelang Aufträge gegeben haben.

          3 Min.

          Das Logistikunternehmen der Deutschen Bahn hat die Kontrolle über seine Tochtergesellschaft in Italien teilweise verloren. Diese ziemlich kuriose Lage ist entstanden, weil die italienische Staatsanwaltschaft dem Speditionsunternehmen Schenker in Italien vorwirft, sich nicht ausreichend gegen die Unterwanderung durch die Mafia zu schützen. Daher haben zwei Richter am Dienstag angeordnet, Schenker in Italien unter Sonderverwaltung zu stellen. Laut Artikel 34 des Anti-Mafia-Gesetzes können staatliche Zwangsverwalter die Kontrolle über Firmen übernehmen, wenn sie eine Bedrohung durch die Mafia sehen.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Die Ermittler haben bei Schenker offenbar erhebliche Lücken in den Kontrollen entdeckt, mit denen sich große Unternehmen in Italien normalerweise gegen das organisierte Verbrechen schützen. Es geht um ein Mitglied der Ndrangheta aus Kalabrien namens Nicola Bevilacqua, der 1952 in der kalabrischen Kleinstadt Nicotera in der Provinz Vibo Valentia geboren wurde und in der Region Como lebt. Er wurde in der Vergangenheit wegen Mafiaverbindungen und schwerer Erpressung verurteilt und gilt laut italienischen Medienberichten als Mitglied der Unter-Organisation Ndrina Mancuso, die auch über Vertretungen in der Lombardei verfügt.

          Die Unterwanderung soll über dessen Frau Anna Fiuto erfolgt sein. Sie führt das kleine Speditionsunternehmen Anna Fiuto Autotrasporti, das laut dessen Webseite heute 3 Büromitarbeiter und 26 Fahrer beschäftigt. Laut der Vorwürfe der italienischen Ermittler hat Schenker dem Unternehmen über fünf Jahre Transportaufträge im Wert von 2 Millionen Euro gegeben. Der Richter, der die Sonderverwaltung anordnete, warf dem deutschen Unternehmen Fahrlässigkeit vor. „Einige Führungskräfte haben die Tätigkeit verurteilten Person und des mit ihr verbundenen Unternehmens zumindest fahrlässig erleichtert“.

          Die Schenker-Zentrale in Deutschland bestätigte am Mittwoch, dass die italienische Tochtergesellschaft unter „vorläufige“ gerichtliche Verwaltung gestellt wurde. „Das behördliche Verfahren ist präventiv darauf ausgerichtet, die Nutzung oder Infiltration von Unternehmen durch externe Akteure zu verhindern“, teilte Schenker mit. Es handele sich aber nicht um ein strafrechtliches Verfahren gegen Schenker Italiana oder sein Management. Von den Vorwürfen habe man erst „im Zusammenhang mit dem Vorgang“ erfahren. „Wir unterstützen die Behörden in vollem Umfang“, heißt es in einer Erklärung. In Unternehmenskreisen wird hinzugefügt, dass Schenker mit Tausenden von Subunternehmen arbeite.

          Strafrechtliches Verfahren könnte folgen

          Die Staatsanwaltschaft in Mailand bestätigt, dass kein Strafverfahren gegen Schenker laufe. „Es ist aber durchaus möglich, dass ein strafrechtliches Verfahren noch folgt“, sagt Rodolfo Dolce, ein Anwalt für internationales Wirtschaftsrecht, der in Mailand und Frankfurt arbeitet. Die Sonderverwaltung sei ein scharfes Instrument im Rahmen des Anti-Mafia-Gesetzes, das auch mildere Möglichkeiten biete. Die Sonderverwaltung sehe vor, dass das Management eines Unternehmen quasi ersetzt werde. Das wird in Schenker-Kreisen anders dargestellt: Dort heißt es, dass man weitgehend normal weiterarbeiten könne, die staatlichen Verwalter müssten lediglich in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

          Die Sonderverwaltung kann laut Gesetz ein Jahr dauern und um ein weiteres Jahr verlängert werden. Schenker Italien hat sein Hauptquartier in der Kleinstadt Peschiera Borromeo bei Mailand. 1400 Beschäftigte arbeiten für Schenker in der Zentrale und in 34 Filialen. Der Jahresumsatz beträgt rund 700 Millionen Euro. Federico Girgenti leitet die italienischen Schenker-Tochtergesellschaft seit fast zehn Jahren. Vor 22 Jahren schloss er sich dem Unternehmen an.

          Die Affäre kam offenbar schon 2020 ins Rollen, nachdem Schenker die Entdeckung von 30 Kilogramm Kokain in einem LKW eines Subunternehmens den Behörden gemeldet hatte. Das Rauschgift wurde im März 2020 im Hafen von Dover in Großbritannien beschlagnahmt. Laut italienischen Medienberichten zeigten sich einzelne Mitarbeiter gesprächig: Die Verbindungen zu dem Mafiosi Bevilacqua bestünden „seit langem“, hieß es. Daher herrschten auch Risiken, dass die Transporte von Schenker in den Drogenhandel verwickelt würden.

          Die Sonderverwaltung wurde von zwei Staatsanwälten in Mailand sowie der Anti-Mafia-Behörde DDA beantragt und richterlich genehmigt. Mehrere Vertreter von Schenker hätten „extreme Nachgiebigkeit in ihren Beziehungen zu einer Person mit dieser kriminellen Vergangenheit gezeigt und dessen Aktivitäten erleichtert“, schrieben die Richter in der Verfügung. Bei einer Abhöraktion soll ein Schwager von Bevilacqua gesagt haben, das dieser und seine Mitstreiter Schenker systematisch infiltrieren wollten. Bevilacqua habe aufgrund seines Einflusses auch Preissenkungen zu seinen Gunsten durchsetzen können. Unter Sonderverwaltung wurde auch zweites, ein italienisches Speditions- und Logistikunternehmen namens Aldieri gestellt. Dabei geht es um ähnliche Vorwürfe.

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