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Verantwortung der Unternehmen : Ein Preisschild für die Natur

Schön, aber labil: Nimmt die Natur Schaden, soll das finanziell kompensiert werden. Bild: Ullstein

Unternehmen sollen mehr für den Schutz der biologischen Vielfalt tun. Dafür wirbt eine neue Initiative vor der Weltnaturkonferenz in Montreal, denn die Schäden gingen in die Billionen.

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          Rund die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandprodukts, mehr als 44 Billionen Dollar, hängen nach Angaben des Weltwirtschaftsforums von der Natur ab, von Wäldern, Meeren und anderen natürlichen Lebensräumen mitsamt den dort – noch – vorhandenen Pflanzen und Tieren. Doch jeden Tag gibt es rund 150 Arten weniger.

          Katja Gelinsky
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin

          Dieser Verlust von Natur führt zu Risiken und Verlusten auch für die Wirtschaft. Die Schäden gehen in die Billionen, schätzt der Ökonom und Präsident der internationalen Wirtschaftsuniversität ESMT, Jörg Rocholl. Umgekehrt bietet naturverträgliches unternehmerisches Handeln Umsatzchancen in Höhe von 10 Billionen Dollar sowie Aussichten auf nahezu 400 Millionen neue Arbeitsplätze, so das Weltwirtschaftsforum. Für Unternehmen steht also viel auf dem Spiel, wenn von nächster Woche an auf der Weltnaturkonferenz in Montreal Vertreter von mehr als 190 Staaten über ein neues globales Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt verhandeln.

          Ziel ist eine neue Wirtschaftsordnung

          Eine neue Initiative will deshalb die Kräfte für naturverträgliches Wirtschaften bündeln und stärken. „Wir rufen zum Schulterschluss von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf, um die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich natur-positives, das heißt ressourcen- und naturschonendes unternehmerisches Handeln lohnt“, heißt es in der „Frankfurter Erklärung“, die am Dienstag zunächst in Berlin vorgestellt wurde.

          Die Politik wird aufgefordert, „klare Rahmenbedingungen“ festzulegen. Zu den Kernforderungen gehört die Schaffung einer „klugen, wissensbasierten Nachhaltigkeitsregulatorik“, die Unternehmen Anreize bietet und ihnen Planungssicherheit gibt. Außerdem müsse die Politik einheitliche und verpflichtende Standards zur Biodiversitäts-Berichterstattung schaffen. Zu den weiteren Forderungen gehören, entwaldungsfreie Lieferketten sicherzustellen sowie der „so­for­tige Abbau“ umweltschädlicher Investitionen.

          Initiatoren und Erstunterzeichner des Aufrufs zum Weltnaturgipfel sind neben dem Wirtschaftswissenschaftler Rocholl vor allem namhafte deutsche Naturwissenschaftler wie der Geschäftsführer der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, Christof Schenck, und Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

          Gelingt eine Trendwende?

          Auch verschiedene NGOs zählen zu den Unterstützern. Flankiert wird die Initiative von mehreren CEOs unterschiedlicher Branchen, etwa von Astrid Teckentrup, Vorsitzende der Geschäftsführung von Procter & Gamble in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Alexander Birken, CEO der Otto Group, KfW-Chef Stefan Wintels, Vonovia-Vorstand Rolf Buch oder Schaeffler-CEO Klaus Rosenfeld. Die Banken- und Unternehmenschefs unterzeichneten die Erklärung aber nicht sogleich, da noch keine Zeit gewesen sei, die Forderungen zu prüfen. Lutz Diederichs, Deutschlandchef der Bankengruppe BNP Paribas, sagte wie die anderen Vertreter aus der Wirtschaft, Unternehmen und Finanzinstitute seien „als essentielle Partner aufgerufen, sich am Erhalt der biologischen Vielfalt zu beteiligen“.

          In Deutschland gibt es verschiedene Unternehmensinitiativen zum Schutz der Biodiversität, eine der ersten weltweit war „Biodiversity in Good Company“. Unter den mehr als 330 Unternehmen und Finanzinstituten, die den Aufruf des internationalen Netzwerks „Business for Nature“ für eine verpflichtende Biodiversitäts-Berichterstattung unterzeichneten, sind aber nur eine Handvoll deutsche Unternehmen, etwa RWE und Tchibo.

          In Berlin forderten die Initiatoren der „Frankfurter Erklärung“, auf der Weltnaturkonferenz müsse eine Trendwende ge­lingen – hin zu einer Wirtschaftsordnung, die für die Nutzung der Natur einen angemessenen Preis aufruft. Ziel sei es, in interdisziplinärer Zusammenarbeit ein System der Bepreisung zu entwickeln, kündigte Rocholl an. „Was kostet es, wenn ein Quadratkilometer Regenwald verlorengeht?“ Mit der Destabilisierung der Tropenzone nehme auch die Gefahr von Pandemien massiv zu, mahnte der Biologe Schenck. Corona habe gezeigt, was das für die Wirtschaft bedeute, er­gänzte Rocholl.

          Negative Folgen und Risiken verpflichtend offenlegen

          Die Ziele, die in Montreal zum Schutz der Natur vereinbart werden sollen, betreffen die Wirtschaft in mehrfacher Hinsicht: So soll die Privatwirtschaft helfen, die gewaltige Finanzierungslücke zu schließen, die es im internationalen Naturschutz gibt – jährlich mindestens 700 Milliarden Dollar. Außerdem ist der Abbau naturschädlicher Subventionen geplant. Die Verhandler streben außerdem Regularien zur Berichterstattung von Unternehmen über Risiken für die Artenvielfalt und die Ökosysteme an. Noch besteht allerdings nicht einmal über die Grundzüge der zu vereinbarenden Ziele von Montreal Einigkeit.

          Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), die die Bundesregierung vertreten wird, zählt den Abbau naturschädlicher Subventionen, zu den „Kernanliegen“ Deutschlands auf der Weltnaturkonferenz. Die Höhe öffentlicher Finanzmittel mit negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt beziffert das Bundesumweltamt auf rund 65 Milliarden Euro jährlich.

          Von Kürzungen solcher Subventionen wären vor allem die Landwirtschaft sowie Unternehmen im Baugewerbe und im Verkehrssektor betroffen. Lemkes Forderungen nach naturverträglichen Finanzströmen und Geschäftstätigkeiten werden auch von den EU-Umweltministern geteilt. In einem Positionspapier zur Weltnaturkonferenz heißt es, durch das neue Rahmenabkommen müsse sichergestellt werden, dass Unternehmen und Finanzinstitutionen negative Folgen und Risiken für die Biodiversität offenlegten und darüber hinaus auch vermieden oder minderten.

          Beim Bundesverband der Deutschen Industrie sieht man mögliche Vereinbarungen zur Unternehmensverantwortung gelassen. „In Deutschland gibt es bereits sehr strenge Vorschriften für Unternehmen zum Schutz der Natur und weitgehende Kompensationspflichten“, so BDI-Vertreterin Catrin Schiffer.

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