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Vegan leben : Nichts vom Fleisch

Von Veganz, mit dem er sich einst die Räumlichkeiten teilte, hat sich Reichel emanzipiert. Und auch Jan Bredack organisiert seine Expansion. In seiner Strategie sind die Supermärkte nur Mittel zum Zweck. „Ich mache sie nur in Ballungsräumen, sie kosten im Jahr immerhin 600000 bis 1 Million Euro“, sagt er. Bredack strebt mit seiner Marke in den Lebensmitteleinzelhandel, er will seine Produkte der Masse zugänglich machen. „Der Sortimentsmanager bei Edeka hat einen Meter frei für vegane Waren. Aber er kennt die Produkte nicht. Also fragt er uns: ,Könnt ihr uns Waren liefern?‘“, sagt Bredack. Im vergangenen Jahr hat sein Unternehmen 12 Millionen Euro Umsatz erzielt, bis 2018 sind 100 Millionen angepeilt. Die Nachfrage vom Markt sei so groß, dass er nicht anders könne, als zu expandieren. „Wir haben keine Vision mehr, sondern eine Strategie. Wir brauchen Investoren“, sagt er.

Die großen Ketten können sich der Entwicklung nicht verschließen. Kaiser’s hat in 130 Filialen Veganz-Regale aufgestellt. Edeka baute lang auf Eigenentwicklung: „Unter der Eigenmarke ,Edeka Bio‘ haben wir bereits mehrere vegane Artikel erfolgreich eingeführt, darunter Bolognese, Mini-Frikadellen und Schnitzel auf Sojabasis“, sagt eine Sprecherin. Die Kundenresonanz sei so groß, dass Edeka das Sortiment ausbauen wolle. In 50 Testmärkten sammelt der Konzern Erfahrungen mit einer „Vegithek“ – an Bedientheken können Kunden frische vegane und vegetarische Produkte auswählen. In dieser Woche verkündete Edeka nun eine Vertriebskooperation mit Veganz. Die 4000 selbständigen Edeka-Kaufleute können künftig aus dem Veganz-Sortiment mit mehr als 200 verschiedenen Produkten auswählen, was sie in die eigenen Regale aufnehmen. Ende Juni wird es losgehen.

Ästhetik und Hedonismus wichtig

Die Dogmatiker haben den Pragmatikern das Feld überlassen. Vegane Kochbücher werben nicht mehr mit traurigen Sojaschnitzeln, sondern mit dem gestählten Body des veganen Fitnessmodels Attila Hildmann, der mehrere Kochbestseller geschrieben hat. Auch bei der Firma Biovegan regiert der Pragmatismus. Seit Nicol Gärtner 2008 mit ihrem Mann den elterlichen Betrieb übernommen hat, wächst er jährlich um 50 Prozent. Die Mitarbeiterzahl stieg von 6 auf 50. Gerade hat das Ehepaar in die vollautomatische Herstellung in einer ökologischen Produktionsstätte investiert. „Viele Tofu-Hersteller kommen an die Grenzen ihrer Produktionskapazitäten und müssen große Aufträge ablehnen“, sagt Gärtner. Wie ihr Mann hatte sie zuvor in anderen Unternehmen Führungsaufgaben. Ihre biologisch-veganen Backmittel sind gefragt. „Früher waren vegane Backzutaten eine braune Masse. Das darf nicht sein“, sagt sie. Ästhetik statt erhobenem Zeigefinger, Hedonismus statt Aktionismus.

Und wo die Nachfrage nicht von selbst ins Laufen kommt, hilft der Vegetarierbund Deutschland nach. Er hat die Kaffeehauskette Starbucks überzeugt, einen veganen Sandwich anzubieten. Die Deutsche Bahn hat auf sein Betreiben ein veganes Pastagericht im Programm. Der Verband bietet Fortbildungen für vegan-vegetarische Köche an. Mit einer eigenen Unternehmensberatung unterstützt er Restaurants und Schuhläden, die sich dem Thema öffnen. „Wir haben uns vom Köcheln in der eigenen Suppe verabschiedet“, sagt Geschäftsführer Sebastian Zösch. Veganismus wird massentauglich. Die Frage, wie man sich ohne tierische Produkte überhaupt ernähren kann, verschwindet schleichend aus dem Alltag.

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