https://www.faz.net/-gqe-9e0ki

Legales Marihuana : Amerikanische Brauereien investieren statt in Bier jetzt in Gras

  • Aktualisiert am

Auch in der Schweiz gibt es inzwischen eine Produktion von legalem Cannabis, hier in der Stadt Sierre. Bild: EPA

Legales Cannabis ist in Nordamerika längst ein Milliardenmarkt. Nun will auch die Getränkeindustrie mitmischen – und steigt vor der Legalisierung des Mega-Marktes Kanada im großen Stil ins Geschäft ein.

          3 Min.

          Brauereien und Spirituosenkonzerne in den Vereinigten Staaten entdecken neben Alkohol eine neue Droge für sich. Cannabis gilt zwar gemeinhin nicht gerade als Aufputscher, doch ausgerechnet dieses Rauschmittel soll die schwächelnde Branche wieder auf Trab bringen. Denn während die Nachfrage nach vielen großen Biersorten schwindet, boomt dort das Geschäft mit legalem Marihuana. In etlichen Bundesstaaten – darunter der Milliarden-Markt Kalifornien – ist Marihuana bereits erlaubt. Im Oktober soll mit Kanada ein weiteres Eldorado eröffnen.

          „Im Laufe des vergangenen Jahres sind wir dazu gekommen, den Cannabis-Markt und sein gewaltiges Potenzial besser zu verstehen“, sagt Vorstandschef Rob Sands vom Spiritousen-Riesen Constellation Brands. Der amerikanische Konzern, der Biermarken wie Corona und Modelo verkauft, stieg bereits im Oktober 2017 beim kanadischen Marihuana-Produzenten Canopy Growth ein. Constellation war damit der Vorreiter der Branche – und hat einen guten Riecher bewiesen.

          „Unser exklusiver Cannabis-Partner“

          Mitte August legten die Amerikaner kräftig nach und gaben bekannt, weitere rund vier Milliarden Dollar in Canopy Growth zu stecken. Damit soll der Anteil an den Kanadiern auf 38 Prozent ausgebaut werden. „Durch diese Investition wählen wir Canopy Growth als unseren exklusiven globalen Cannabis-Partner“, verkündete Constellation-Chef Sands. Sein Unternehmen, zu dessen Portfolio auch diverse Weinsorten und hochprozentigere Kaliber wie Svedka Vodka oder High West Whiskey zählen, liegt mit der Beteiligung voll im Trend.

          Kurz vor Constellations Mega-Investment bei Canopy hatte bereits der weltweit fünftgrößte Brauereikonzern Molson Coors angekündigt, groß im Cannabis-Geschäft mitmischen zu wollen. Das Unternehmen aus Denver hat die kommende Legalisierung in Kanada im Blick und startet mit seiner dortigen Tochter eine Gemeinschaftsfirma mit dem nach eigenen Angaben führenden kanadischen Marihuana-Produzenten Hydropothecary.

          „Wir bleiben im Kern ein Bier-Unternehmen, freuen uns aber, ein separates neues Projekt mit einem zuverlässigen Partner zu gründen“, erklärte Frederic Landtmeters, der Chef von Molson Coors Canada. Laut amerikanischen Medien schaut sich auch Diageo, der Konzern hinter Weltmarken wie Johnnie Walker und Smirnoff, nach kanadischen Cannabis-Partnern um.

          Doch was führt die Branche nun im Schilde? Geht es am Ende darum, Bier oder Schnaps mit Cannabis zu mixen?

          Tatsächlich stehen vor allem alkoholfreie Cannabis-Getränke im Fokus. Coors und Hydropothecary wollen solche Drinks gezielt für den kanadischen Markt entwickeln, wo Marihuana Mitte kommenden Monats als Genussmittel zugelassen werden soll und trinkbare Cannabis-Produkte ab 2019 legalisiert werden dürften. Der Rivale Heineken brachte mit seiner amerikanischen Marke Lagunitas bereits im Juli ein Sprudelwasser in Kalifornien heraus, das Cannabis enthält. In Nevada soll indes wirklich bald ein Cannabis-Bier auf den Markt kommen – allerdings ohne Alkohol.

          Der Bierkonsum lässt zu wünschen übrig

          Dass sich die Industrie nach Alternativen umschaut, hat gute Gründe. Denn der Bierkonsum in Nordamerika lässt aus Sicht der Hersteller zu wünschen übrig. Insbesondere die jüngere Kundschaft ist von Bud, Miller, Coors und Co. nicht mehr so angetan – wenn schon Alkohol, dann sind hier eher Wein oder Spirituosen gefragt. Die einzige Nische im amerikanischen Biermarkt, die in den letzten Jahren ordentlich wuchs, umfasst die „Craft Beers“ kleinerer Mikrobrauereien, die dadurch auch schon zu begehrten Übernahmezielen der Industrieriesen geworden sind.

          In Nordamerika ist Marihuana längst ein Milliardenmarkt: Eine Person kassiert in Las Vegas Geld für legales Cannabis.
          In Nordamerika ist Marihuana längst ein Milliardenmarkt: Eine Person kassiert in Las Vegas Geld für legales Cannabis. : Bild: dpa

          Experten sehen das boomende Cannabis-Geschäft als große Chance für Bier- und Spirituosenhersteller. „Die Cannabis-Revolution ist in vollem Gange, während die Alkohol-Industrie bislang weitgehend abseits steht“, meint Spiros Malandrakis vom Marktforscher Euromonitor. Nun sei es an den Brauereien, die Chance zu nutzen: „Die Marihuana-Industrie könnte den nächsten Wachstumszyklus antreiben oder eine bereits in die Defensive geratene Branche abwürgen.“ Es habe eine Neuorientierung begonnen, die Antworten auf die existenziellen Fragen der Industrie liefern könnte.

          Euromonitor schätzt das jährliche Volumen legaler Marihuana-Verkäufe in Kanada auf 7,5 Milliarden Dollar. „Die Aufwärmphase ist zu Ende – jetzt geht es richtig los“, freut sich Canopy-Chef Bruce Linton. In den Vereinigten Staaten, wo Cannabis inzwischen in 30 Bundesstaaten als Genussmittel oder als Medikament erlaubt ist, dürfte das Marktvolumen in diesem Jahr 10 bis 11 Milliarden Dollar erreichen. Das Analysehaus Arcview geht davon aus, dass der Markt bis 2021 auf ein Volumen von 24 Milliarden Dollar steigt und die Marihuana-Industrie den Vereinigten Staaten 400.000 Jobs und 4 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bescheren wird.

          Weitere Themen

          Dax steigt auf Rekordhoch Video-Seite öffnen

          Trotz Corona : Dax steigt auf Rekordhoch

          Der Höhenflug an den Aktienmärkten hält an. Befeuert von soliden Firmenbilanzen stieg der Dax bis zum Freitagnachmittag um 1,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 15.431,09 Punkten.

          Topmeldungen

          Sieht sich als Volkstribun: Markus Söder (CSU, l.), hier am 11. April mit Armin Laschet (CDU) in Berlin

          Söders Ambitionen : Die Zerstörung der CDU?

          Macron in Frankreich, Kurz in Österreich und Trump in Amerika haben vorgemacht, wie man jenseits der etablierten Parteistrukturen an die Macht kommt. Manches spricht dafür, dass Bayerns Ministerpräsident etwas Ähnliches vor hat.
          Moderne Demokratie: Was hört er aus der CSU? Jawoll, Chef! Dein Wille geschehe!

          Fraktur : Unionsvölker, hört die Signale!

          Nach Söders Diagnose ist die CDU-Führung taub wie eine Nuss. Die Schwesterpartei der CSU braucht eine Abteilung Horch und Guck.
          Nie wieder Zettelchaos versprechen die digitalen Helfer.

          Im Vergleich : Das sind die besten Notiz-Apps

          Klassischer Klebezettel oder doch eine App? Es gibt viele Wege, Herr über das Chaos im Büro zu werden. Wir haben sechs beliebte virtuelle Helfer getestet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.