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Konzern gewinnt in Amerika : Beschäftigte stimmen gegen Amazon-Gewerkschaft

Auf verlorenem Posten: Ein Gewerkschaftsvertreter warb in Bessemer für die Einführung der Gewerkschaftsvertretung. Bild: AP

Der Versuch, bei Amazon in Amerika eine Gewerkschaft zu etablieren, ist gescheitert – der Konzern war mit seiner Verhinderungsstrategie erfolgreich. Doch das letzte Wort könnte noch nicht gesprochen sein.

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          Die mit Spannung verfolgte Abstimmung über die möglicherweise erste Gewerkschaft von Amazon-Mitarbeitern in Amerika ist zugunsten des Online-Händlers ausgegangen. Nach der Auszählung der Stimmen von Beschäftigten in einem Verteilzentrum des Konzerns im Bundesstaat Alabama steht eine klare Mehrheit gegen die Gründung einer solchen Gewerkschaft zu Buche.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Amazon hat mit einer aggressiven Kampagne gegen die Gewerkschaftspläne gekämpft und versucht, die Mitarbeiter in Alabama zu einem entsprechendem Votum zu bewegen. Es ist trotzdem eine Überraschung, dass das Ergebnis so eindeutig ausgefallen ist, zumal auch die Befürworter einer Gewerkschaft einflussreichen Beistand hatten. Sogar Präsident Joe Biden hat signalisiert, er unterstütze die Bildung einer Amazon-Gewerkschaft. Das letzte Wort ist indessen noch nicht zwangsläufig gesprochen, denn die unterlegene Seite will gegen das Ergebnis vorgehen.

          Die Handelsgewerkschaft RWDSU, der sich die Amazon-Mitarbeiter angeschlossen hätten, hat angekündigt, eine Beschwerde bei der für Arbeitsrecht zuständigen Behörde National Labor Relations Board (NLRB) einreichen zu wollen. Sie hat dem Online-Händler „illegales und ungeheuerliches Verhalten“ während der Kampagne vorgeworfen, für das er zur Verantwortung gezogen werden sollte. Er habe „eine Atmosphäre von Verwirrung, Zwang und/oder Angst vor Vergeltung geschaffen“. Unter anderem hat sie kritisiert, dass Veranstaltungen mit Teilnahmepflicht abgehalten worden seien, in denen Amazon-Vertreter über die Nachteile einer Gewerkschaft gesprochen hätten.

          Deutlicher Ausgang der Abstimmung

          Dem Votum in Alabama wurde eine potentiell wegweisende Bedeutung zugemessen, auch Beschäftigte in anderen Lagern haben Interesse an der Gründung einer Gewerkschaft bekundet. Amazon beschäftigt in ganz Amerika rund 950.000 Mitarbeiter und hat allein im vergangenen Jahr inmitten der Pandemie mehrere Hunderttausend zusätzliche Personen eingestellt. Der Online-Händler ist der zweitgrößte private Arbeitgeber des Landes hinter der Supermarktkette Walmart.

          An dem Standort in Alabama sind rund 5800 Mitarbeiter beschäftigt. Etwa 3200 von ihnen haben an der Abstimmung teilgenommen. Sie konnten bis zum Montag vergangener Woche ihre Stimme abgeben. Danach haben Wahlaufseher des NLRB die Stimmen auf ihre Gültigkeit geprüft, und beide Seiten hatten Gelegenheit, einzelne Stimmen anzufechten, was offenbar auch in einigen hundert Fällen geschah. Die eigentliche Auszählung begann am Donnerstag, am Ende wurden 1798 Stimmen gegen eine Gewerkschaft gezählt und 738 dafür. Angesichts dieses klaren Abstandes dürften die angefochtenen Stimmen nicht mehr relevant sein.

          Hintergrund der Gewerkschaftsinitiative in Alabama war Unzufriedenheit in Teilen der Belegschaft über die Arbeitsbedingungen in dem Lager. Mitarbeiter beklagten sich über schwer einzuhaltende Produktivitätsvorgaben, die das Unternehmen streng kontrolliere. Es wurde auch die Hoffnung geäußert, eine Gewerkschaft könne höhere Löhne durchsetzen. Amazon hat dagegen gehalten, seine Mitarbeiter schon heute im Branchenvergleich sehr gut zu bezahlen und ihnen auch umfangreiche Sozialleistungen zu bieten. Der Konzern hat seinen Mindestlohn in Amerika vor zwei Jahren auf 15 Dollar in der Stunde angehoben – das ist mehr als das Doppelte der gesetzlichen Untergrenze im Land. In seiner Kampagne gegen eine Gewerkschaft hat Amazon argumentiert, angesichts der guten Bezahlung gebe es keinen Grund für die Mitarbeiter, 500 Dollar für Gewerkschaftsbeiträge auszugeben. Amazon wird auch in Deutschland oft wegen seiner Arbeitsbedingungen kritisiert, die Gewerkschaft Verdi ruft hier regelmäßig zu Streiks auf.

          Der Konzern profitierte im vergangenen Jahr massiv durch geschlossene Läden und Lockdowns auf der ganzen Welt – Einkaufen verlagerte sich noch weiter ins Internet. Der Umsatz von Amazon stieg um 38 Prozent auf rund 386 Milliarden Dollar, der Gewinn verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahr auf mehr als 21 Milliarden Dollar.

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