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„Größer als Enron“ : Investor wirft General Electric Milliardenbetrug vor

Harry Markopolos wirft General Electric Milliardenbetrug vor. Bild: Bloomberg

Harry Markopolos war einer der ersten, der vor dem Betrüger Bernard Madoffs warnte. Jetzt sorgt er mit schweren Vorwürfen gegen den Siemens-Konkurrenten General Electric für Aufsehen.

          Harry Markopolos ist damit bekannt geworden, dass er schon sehr früh auf Unregelmäßigkeiten in Bernard Madoffs Investmentfirma hingewiesen hat. Er wurde aber lange nicht ernst genommen, und Madoff wurde erst nach einiger Zeit als Milliardenbetrüger entlarvt. Später half Markopolos, Unregelmäßigkeiten im Devisenhandel von Banken aufzudecken.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jetzt sorgt er abermals mit schweren Vorwürfen für Aufsehen: Er beschuldigt den amerikanischen Mischkonzern General Electric (GE) des Milliardenbetrugs. Auf einer speziellen Internetseite mit der Adresse „gefraud.com“ schreibt er, GE habe „einen größeren Betrug als Enron“ begangen, also der im Jahr 2001 im Zuge eines Bilanzskandals zusammengebrochene Energiekonzern. Dieses betrügerische Verhalten habe dazu geführt, dass GE heute „am Rande der Insolvenz“ stehe.

          GE wies die Vorwürfe in scharfer Form zurück, aber die Börse zeigte sich alarmiert. Der Aktienkurs fiel am Donnerstag zeitweise um fast 12 Prozent auf weniger als 8 Dollar. Die GE-Aktie hat in den vergangenen Jahren erheblich an Wert verloren. Vor drei Jahren kostete sie noch mehr als 30 Dollar. GE war einmal das wertvollste amerikanische Unternehmen und kam in der Spitze im Jahr 2000 auf eine Marktkapitalisierung von fast 600 Milliarden Dollar. Im Moment beträgt der Börsenwert nur noch rund 70 Milliarden Dollar. Im Vorjahr fiel das Unternehmen aus dem Dow-Jones-Index der dreißig führenden amerikanischen Industriewerte.

          175 Seiten langer Bericht

          Markopolos hat seine Vorwürfe in einem 175 Seiten langen Bericht ausführlich beschrieben. Er beziffert das Volumen des Betrugs darin auf 38 Milliarden Dollar und sagt, dies sei wohl „nur die Spitze des Eisbergs“. Diese Summe entspricht mehr als der Hälfte der gegenwärtigen Marktkapitalisierung des Konzerns. Unter anderem vertritt er die Auffassung, dass GE seine Rückstellungen in einer Versicherungssparte um 18,5 Milliarden Dollar aufstocken müsste. Weiter spricht er von Unregelmäßigkeiten im Geschäft mit der Ausrüstung der Öl- und Erdgasindustrie, wo GE nach seiner Auffassung höhere Verluste hätte verbuchen müssen. Er sagt, der Konzern habe eine „lange Geschichte“ von Bilanzbetrug, die bis in die neunziger Jahre zurückreiche – also in eine Zeit, in der er noch vom legendären Jack Welch geführt wurde.

          GE nannte die Anschuldigungen in einer Stellungnahme „völlig falsch und irreführend“. Das Unternehmen stehe hinter seiner Bilanzierung und halte zum Beispiel die gegenwärtigen Rückstellungen im Versicherungsgeschäft für ausreichend. „Wir werden uns nicht von dieser Form von gegenstandsloser und eigennütziger Spekulation ablenken lassen.“ Markopolos arbeite mit Hedgefonds zusammen und werde von diesen auch entlohnt.

          Rückstellungen zu niedrig?

          Dies gab Markopolos gegenüber dem „Wall Street Journal“ auch zu. Er sagte, der Hedgefonds wette auf einen fallenden Aktienkurs von GE und würde ihn an etwaigen Gewinnen beteiligen. Um welchen Hedgefonds es sich handelt, verriet er nicht. Dem Fernsehsender „CNBC“ sagte er zu seiner Rechtfertigung: „Ich muss bezahlt werden. Ich habe eine Familie zu versorgen.“

          Markopolos hat nach eigenen Angaben seinen Bericht an die Börsenaufsicht SEC gegeben und Informationen, die nicht im dem Bericht enthalten seien, mit Strafverfolgungsbehörden geteilt. Schon bevor er mit seinen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen ist, war bekannt, dass GE sich Untersuchungen der SEC und des Justizministeriums wegen seiner Bilanzierungspraktiken gegenübersieht. Dabei geht es ebenfalls zum Teil um das Versicherungsgeschäft.

          Zudem beschäftigen sich die Behörden mit Abschreibungen in der Energiesparte. In seiner Versicherungssparte hatte das Unternehmen Anfang 2018 die Finanzmärkte schon mit der Ankündigung schockiert, Rückstellungen von 15 Milliarden Dollar zu bilden, weil sich Versicherungsleistungen als erheblich teurer herausgestellt hatten als gedacht. Nach Ansicht von Markopolos sind aber noch deutlich höhere Rückstellungen nötig.

          GE blickt auf turbulente Zeiten zurück. Der einst vom Glühlampenerfinder Thomas Edison gegründete und lange Zeit für Kontinuität an der Spitze bekannte amerikanische Traditionskonzern hat mehrere Führungswechsel hinter sich. 2017 trennte er sich zunächst vom langjährigen Vorstandschef Jeffrey Immelt, nur etwas mehr als ein Jahr später musste auch dessen Nachfolger John Flannery gehen. Mittlerweile wird der Konzern von Lawrence Culp geführt. GE kämpft in einigen seiner Sparten mit Schwierigkeiten und hat einen größeren Konzernumbau angestoßen, zu dem der Rückzug aus mehreren Geschäftsfeldern gehört.

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