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US-Fondsgesellschaft : KKR bietet 11 Milliarden Euro für Telecom Italia

Telecom Italia erreicht mit seiner Kernmarke „Tim“ heute nur noch einen Bruchteil seiner früheren Bewertungen. Bild: Bloomberg

Die amerikanische Fondsgesellschaft will das angeschlagene Unternehmen sanieren und den Großaktionär Vivendi verdrängen. Wie reagiert die Regierung von Mario Draghi?

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          Der ehemalige Staatsmonopolist Telecom Italia ist wieder in das Visier von Finanzgesellschaften geraten. Diesmal greift die amerikanische Fondsgesellschaft KKR nach dem Unternehmen und bietet für 100 Prozent des Kapitals rund 10,8 Milliarden Euro in bar. Die Offerte entspricht einer Prämie von 44 Prozent auf den Schlusskurs vom vergangenen Freitag.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Der Verwaltungsrat von Telecom Italia nahm das Angebot von KKR am Sonntagabend zur Kenntnis, wie es in einer Erklärung hieß. Es handele sich um eine „unverbindliche“ Offerte, denn erst solle für vier Wochen eine eingehende Unternehmensprüfung („due diligence“) erfolgen. Das Angebot sei auch an die Bedingung geknüpft, dass die Aktionäre von mindestens 51 Prozent des Kapitals sowie die mit Sondervollmachten ausgestattete Regierung zustimmen, teilte der Verwaltungsrat mit. KKR habe seine Interessenbekundung als „freundlich“ bezeichnet, heißt es, die Fondsgesellschaft hoffe auf die Zustimmung des Managements und des Verwaltungsrates.

          Sechstgrößter Telekomanbieter Europas

          KKR hat dem Vernehmen nach schon Kontakt mit der Regierung aufgenommen. Die Amerikaner, die auch größter Aktionär des Springer-Verlages sind, betonten dabei, dass langfristige Infrastrukturinvestitionen zu ihren Schwerpunkten gehören. Dabei dürfte KKR aber auch der vergleichsweise niedrige Preis anziehen: Telecom Italia erreicht mit seiner Kernmarke „Tim“ heute nur noch einen Bruchteil seiner früheren Bewertungen. Am Freitag notierte die Aktie bei 0,35 Euro und gab dem Unternehmen eine Marktkapitalisierung von 7,5 Milliarden Euro, nachdem das Papier in den vergangenen Tagen wegen der Übernahmespekulationen erheblich gestiegen war. Vor gut zwanzig Jahren war die Aktie mal 6 Euro wert. Das Unternehmen gilt mit seinen rund 52.000 Mitarbeitern heute als sechstgrößter Telekomanbieter Europas.

          Wie die Annäherung der Amerikaner aufgenommen wird, hängt weitgehend von zwei Akteuren ab: Zum einen von der italienischen Regierung, die über eine Art „goldene Aktie“ verfügt und zudem über die staatliche Beteiligungsgesellschaft Cassa Depositi e Prestiti (CDP) 9,8 Prozent der Aktien hält. Sie hat vor allem Interesse an einem schnellen Netzausbau in einem Land, das immer noch an erheblichen Funklöchern leidet. Darüber hinaus führt kein Weg am französischen Medienkonzern Vivendi vorbei, der mit knapp 24 Prozent größter Aktionär von Telecom Italia ist. Ein Vivendi-Sprecher teilte am Sonntag mit, dass man langfristiger Aktionär bleiben und mit der Regierung weiter zusammenarbeiten wolle. Meldungen, dass Vivendi mit der Fondsgesellschaft CVC an einem Gegenangebot arbeite, seien falsch, sagte der Sprecher.

          KKR betont langfristiges Interesse

          Für das Telecom-Italia-Management wird die Lage zunehmend ungemütlich. Nicht nur der Großaktionär Vivendi ist unzufrieden mit seiner Leistung, die zu zwei Gewinnwarnung innerhalb von drei Monaten führten. Der Versuch, die Telekom-Inhalte durch Fußballübertragungen in Zusammenarbeit mit dem Anbieter DAZN attraktiver zu machen, hat bisher kaum gefruchtet. Vor allem der Vorstandsvorsitzende Luigi Gubitosi gilt als schwer angezählt. Elf der fünfzehn Verwaltungsratsmitglieder haben für den kommenden Freitag daher eine Sondersitzung beantragt. Der Nettogewinn ist im dritten Quartal gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 60 Prozent auf 200 Millionen Euro gefallen. Bis zum Jahresende erwartet Telecom Italia einen Rückgang des Umsatzes sowie des Ergebnisses vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen.

          KKR betont, dass sein Ansatz nicht mit den kurzfristig orientierten Aktivistenfonds vergleichbar sei. Solch ein Fonds war in Gestalt des amerikanischen Hedgefonds Elliot vor einigen Jahren an Telecom Italia beteiligt, er verlor die Übernahmeschlacht gegen Vivendi jedoch und zog sich wieder zurück. KKR betont jetzt sein langfristiges Interesse. Das habe sich auch am Einstieg die Gesellschaft Fibercop gezeigt. Sie ist in Italien für die letzte Meile bis zum Telekom-Kunden verantwortlich. In diesem Jahr zahlte KKR 1,8 Milliarden Euro für einen Anteil von 37,5 Prozent an der Gesellschaft, die mit einem Aktienkapital von 4,7 Milliarden Euro bewertet wurde und Schulden von 3 Milliarden Euro hat. Telecom Italia hält 58 Prozent an Fibercop, die Gesellschaft Fastweb, hinter der der Tim-Wettbewerber Swisscom steht, besitzt 4,5 Prozent.

          Fibercop soll eigentlich mit einer anderen Netzgesellschaft namens Openfiber zusammengeschlossen werden, um die zerstückelten Netze Italiens zu vereinheitlichen. Doch die Pläne sind bisher nicht realisiert worden. Telecom Italia will die Hand auf dem Netz behalten, und die EU-Kommission versucht den staatlichen Einfluss einzugrenzen. Die italienische Regierung ist nicht nur an Telecom Italia beteiligt, sondern neben dem australischen Investor Macquarie auch mehrheitlich an der Gesellschaft Openfiber, die vor allem den Netzausbau in dünn besiedelten Gebieten vorantreiben soll.

          Unterdessen befürchten italienische Politiker und Gewerkschaften nun einen Verkauf von Telecom Italia ins Ausland und einen Kahlschlag in der Belegschaft. Der Abgeordnete Stefano Fassina von der sozialdemokratisch geprägten Partei PD forderte die Regierung am Wochenende auf, dem Spiel der Marktkräfte nicht nachzugeben. „Es geht nicht nur um ein großes Unternehmen mit 40.000 Beschäftigten in Italien, sondern auch um das nationale Interesse für den digitalen Wandel und die Sicherheit der Nation", sagte er.

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