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Untreueverdacht : Siemens-Vorstand festgenommen

  • Aktualisiert am

Die Siemens-Affären weiten sich aus Bild: dpa

Siemens-Vorstand Johannes Feldmayer, der als der zweite Mann hinter Vorstandschef Klaus Kleinfeld gilt, soll in Millionenzahlungen an Arbeitnehmervertreter verwickelt sein. Angeblich wird auch gegen den ehemaligen Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann ermittelt.

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          Die Affären des Elektronikkonzerns Siemens um Korruption und Beraterverträge weiten sich aus. Am Dienstag wurde das Siemens-Vorstandsmitglied Johannes Feldmayer verhaftet. Der in Untersuchungshaft sitzende Feldmayer gilt als der zweite Mann hinter dem Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld. Der Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth steht im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Siemens und den Bundesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB), Wilhelm Schelsky.

          Schelsky ist seit Mitte Februar in Haft. Mit dem ehemaligen Betriebsrat von Siemens und selbständigen Unternehmensberater hatte Feldmayer 2001 für Siemens einen Vertrag für Beratung, Training und Schulung von Mitarbeitern und Betriebsräten geschlossen. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwochsausgabe) wird auch gegen den ehemaligen Finanzvorstand und Aufsichtsratsvorsitzenden Karl-Hermann Baumann ermittelt.

          Untreue zum Nachteil des Unternehmens

          Nach den bisherigen Untersuchungen besteht nach Angaben der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth der Verdacht, „dass in den Jahren 2001 bis 2005 aus dem Vermögen der Siemens AG Zahlungen an eine Unternehmensberatungsgesellschaft geflossen sind, ohne dass hierfür werthaltige Gegenleistungen erbracht wurden“. Beschuldigte, die in dieser Zeit in unterschiedlichen Funktionen für Siemens tätig gewesen seien, sollen für diese Zahlungen verantwortlich sein.

          Johannes Feldmayer

          Die Staatsanwaltschaft verdächtigt sie deshalb der Untreue zum Nachteil des Unternehmens. Namen und Anzahl der Beschuldigten nennen die Ermittler nicht. Ein Sprecher von Siemens sagte, der von den Staatsanwälten erwähnte Haftbefehl sei gegen Feldmayer vollzogen worden. „Wir kooperieren weiterhin vollumfänglich mit den Ermittlern“, fügte er hinzu. Er bestätigte nochmalige Durchsuchungen an den Siemens-Standorten München, Nürnberg und Erlangen am Dienstag.

          Schelsky hat 14,75 Millionen Euro erhalten

          Die Affäre um den Vertrag mit Schelsky steht nach bisherigen Erkenntnissen nicht im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal in der Kommunikationstechniksparte Com. In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Zu den Beschuldigten gehören zwei ehemalige Zentralvorstände. Siemens hat den Umfang zweifelhafter Beraterverträge von Com und zum geringen Teil von anderen Geschäftssparten auf 426 Millionen Euro beziffert.

          Den Vertrag mit Schelsky hatte Feldmayer 2001 als damaliger Vorstand der Siemens-Sparte Automatisierungs- und Antriebstechnik in Nürnberg abgeschlossen. Im vergangenen Monat war bekannt geworden, dass Schelsky von 2002 bis 2004 von Siemens 14,75 Millionen Euro erhalten hat. Mit dem Unternehmensberater war eine pauschale Vergütung vereinbart worden. Für darüber hinaus gehende Leistungen legte er Rechnungen vor.

          Feldmayer leitete die Strategieabteilung

          Solche zusätzlichen Abrechnungen stießen im vergangenen Jahr im Unternehmen auf Misstrauen, wie von Siemens zu hören ist. Schelsky sei verlangte Nachweise für Leistungen schuldig geblieben. Ende 2006 wurde der Vertrag mit ihm gekündigt. Die IG Metall hegt seit längerem den Verdacht, Siemens habe die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger, an deren Spitze Schelsky steht, mit Geld unterstützt, um sich das Wohlwollen des Berufsverbands zu sichern. Seit einigen Wochen wird spekuliert, dass die Staatsanwälte in Nürnberg auch diesem Verdacht nachgehen.

          Der verhaftete Feldmayer zählte bis 2004 zu den engsten Anwärtern auf den Vorstandsvorsitz von Siemens, ehe Kleinfeld zum Nachfolger Heinrich von Pierers bestimmt wurde. 2003 wurde er Mitglied des Zentralvorstands. Zwischenzeitlich leitete Feldmayer die Strategieabteilung des Konzerns. Nun ist der 50 Jahre alte Vorstand für einige Sparten sowie den größten Teil von Europa mit Deutschland zuständig. Eine Entscheidung, ob sein Amt wegen des Haftbefehls ruhe, sei noch nicht gefallen, sagte ein Sprecher von Siemens. Sollte die Untersuchungshaft länger dauern, müsse über einen Ersatz nachgedacht werden.

          Vor dem Landgericht Darmstadt wurde unterdessen am Dienstag der Prozess gegen zwei ehemalige Manager der Kraftwerkssparte von Siemens fortgesetzt. Sie haben gestanden, dass Mitarbeiter des italienischen Energiekonzerns Enel von 1999 bis 2002 knapp sechs Millionen Euro Schmiergeld erhalten haben. Demnächst soll in dem Prozess auch der für das Kraftwerksgeschäft zuständige Zentralvorstand Uriel Sharef befragt werden.

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