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Unterstützung für die Rettung : Großindustrie pro Euro

Einer, der die unterschiedliche Perspektive von Konzernen und Eigentümer-Unternehmen in dieser Frage besonders gut kennt, ist Udo Vetter, Ende 50, gelernter Apotheker. Er ist Vizepräsident im Familienunternehmer-Verband und Gesellschafter eines Unternehmens in Ravensburg, das Spritzen auffüllt - „aseptische Abfüllung von Injektionsinstrumenten“, wie er es nennt. Das Unternehmen produziert zu 90 Prozent in Deutschland, zu 6 Prozent in den Vereinigten Staaten. Kunden sind Pharma-Unternehmen in Deutschland und Amerika. „Für uns ist besonders wichtig, hier in Deutschland unsere Stabilität zu behalten“, sagt Vetter.

Machte seinem Ärger Luft: BDI-Chef Keitel

Zugleich ist Vetter aber auch Aufsichtsratsmitglied bei der börsennotierten Gerresheimer Group in Düsseldorf. Auch ein Dienstleister für die Pharmaindustrie - der aber deutlich mehr Werke im europäischen Ausland hat und deshalb auch über den Euro etwas anders denkt: „Die Perspektive eines Unternehmens mit vielen Werken im europäischen Ausland kann sich von der eines deutschen Mittelständlers natürlich unterscheiden“, sagt Vetter.

Das von den Großunternehmen angeführte Argument, nach einem Zerfall des Euro entstünden wieder teure Währungsrisiken für exportorientierte deutsche Unternehmen, zerbröselt rasch als Ideologie. Flugs kontert der Mittelstand: „Einige unsere Mitgliedsunternehmen machen mehr als 50 Prozent ihrer Umsätze in Asien“, sagt Verbandspräsident Goebel und nennt das Hanauer Edelmetall und Technologie-Unternehmen Heraeus als Beispiel. „Die Erfahrung ist: Währungsrisiken lassen sich absichern. Das ist höchstens eine Frage der Kosten.“

Keine Europa-Feinde

Und genau diese Kosten wollen die Großunternehmen sich vom Steuerzahler subventionieren lassen: nicht nur die Absatzmärkte in Südeuropa, auch die Absicherungskosten der Währungsrisiken - im Jargon Hedging genannt - sollen ihnen von den Rettungsschirmen abgenommen werden.

BDI-Chef Keitel konnte zuletzt die Meinungsverschiedenheiten über die Eurorettung nicht mehr unter der Decke halten und machte seinem Ärger offen Luft. In einem Brief an die Spitzenverbände seiner Organisation hatte Keitel Position gegen einen Euro-Austritt Griechenlands bezogen - und dazu aufgerufen, die umstrittene Euro-Rettungspolitik mit aller Kraft zu unterstützen. Keitel ärgerte sich zunehmend darüber, dass der Mittelstand der Großindustrie die Europropaganda nicht abnimmt. Die Verbände „Die Familienunternehmer - ASU“ und „Stiftung Familienunternehmen“ warfen dem Industrie-Präsidenten „Realitätsferne“ vor. Sie warnten sogar, Keitels Weg führe „in den Abgrund“. Auch sie sprechen sich nicht gegen den Euro aus. Schon gar nicht wollen sie Europa-Feinde sein. Aber eine kritischere Haltung zur Rettungspolitik fänden sie wichtig.

Längst geht es um mehr als um den üblichen Zwist im Lager unterschiedlich aufgestellter Lobby-Organisationen Das Tabu der Großunternehmen, nichts Böses über die Euro-Rettung zu sagen, ist gebrochen. Auch in den Wirtschaftsverbänden gibt es Euro-Kritiker, hört man auf einmal - selbst im BDI. Der Streit hat erst begonnen.

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