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Alnatura-Gründer Götz Rehn : Der Körner-König

Aus der Waldorfschule in den Einzelhandel: Alnatura-Gründer Götz Rehn sieht sein Unternehmen als „Lern- und Arbeitsgemeinschaft“. Bild: Max Kesberger

Alnatura ist Deutschlands beliebteste Biomarke. Erfunden hat sie ein Anthroposoph. Moment mal - sind das nicht diese Waldorfschulen-Typen, denen jegliche Geschäftstüchtigkeit fehlt?

          Anthroposophen – sind das nicht die zarten Seelen von der Waldorfschule, die immer lieb zueinander sind und so gerne „stricken, häkeln, Flöte spielen“? So hat Ferdinand Piëch, der VW-Patriarch, einst über seine anthroposophisch angehauchten Verwandten gelästert. Ihnen fehle die Härte für eine Karriere im Konzern, glaubte er. Inzwischen haben sie ihn gestürzt. Waldorf-Kinder, das ist eine Lehre aus dem Fiasko, sollte man nicht unterschätzen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer wissen will, woran das liegt, sollte Götz Rehn besuchen, den Gründer der Biosupermarkt-Kette Alnatura. Denn es waren nicht zuletzt die Werte aus seiner Zeit an der Waldorfschule, die Rehn, ein baumlanger Mann mit markanten Gesichtszügen, in seinem Unternehmen verkörpert sehen wollte. „Ich habe mich schon mit 21 Jahren entschieden, etwas Sinnvolles zu machen“, sagt er. „Etwas in der Wirtschaft, das die Erde nicht zerstören und den Menschen Beachtung schenken sollte.“

          Im Gegensatz zu den meisten großen Plänen, die Einundzwanzigjährige so schmieden, wird aus Rehns Vorhaben Wirklichkeit. Er schreibt eine Doktorarbeit über „Modelle der Organisationsentwicklung“. Sie bringt Psychologie, Betriebswirtschaftslehre und die anthroposophische Weltanschauung, deren zentraler Begriff die Entwicklung ist, unter einen Hut. Dann macht er eine Mini-Karriere im Lebensmittelkonzern Nestlé, eine Art Anschauungsunterricht in der unternehmerischen Wirklichkeit.

          Nicht das Produkt sondern die Fertigung

          Bald darauf begegnet er zum ersten Mal Götz Werner, dem Gründer der Drogeriemarktkette DM, der schon länger mit der Anthroposophie liebäugelt und sich auf Anhieb für Rehns Thesen zu Personalführung und Unternehmenskultur begeistert.

          Werner gibt Rehns Karriere den entscheidenden Impuls. Zwar habe er schon damals gewusst, dass er selbst zum Gründer werden musste, sagt Rehn, um seinen Vorsatz vom sinnvollen Wirtschaften einlösen zu können. Aber nicht, was sein künftiges Unternehmen herstellen, anbieten, liefern sollte. Wie wäre es mit einer ökologischen Textilhandelskette? Oder doch lieber ein vegetarisches Restaurant? „Mir ging es nicht um den Gegenstand. Sondern um die Konzeption des Unternehmens.“

          Das widerspricht den gängigen Empfehlungen für angehende Gründer – Marktlücke erkennen, das richtige Produkt haben – so fundamental, dass es krachend schiefgehen oder eben doch gelingen musste. Rehn hatte als Gegenbild zu den üblichen Hierarchien eine sich selbst führende Organisation entworfen, in seinen eigenen Worte eine „Arbeits- und Lerngemeinschaft“.

          Rentabilität und Anthroposophie

          Werner bringt ihn mit dem damaligen Chef der Supermarktkette Tegut in Fulda zusammen, der nicht nur von der Anthroposophie überzeugt ist, sondern – Anfang der achtziger Jahre – auch schon von der zunehmenden Nachfrage nach ökologisch hergestellten Lebensmitteln. So kommt zur Form, die schon in Rehns Kopf vorgezeichnet ist, der Inhalt der Neugründung.

          Mit seinem Konzept dominiert Rehn heute den deutschen Markt für Biolebensmittel. Gemeinsam mit den Wettbewerbern Basic und Denn’s gibt Alnatura auf dem Markt, auf dem Schätzungen zufolge immerhin acht Milliarden Euro im Jahr umgesetzt werden, den Ton an.

          Jahrzehntelang waren Rehn und Werner enge Partner in diesem Geschäft. Bis zur Hälfte des Umsatzes, so die groben Schätzungen, machte Alnatura bisher mit dem Verkauf seiner Produkte in DM-Filialen. Doch dass auch gemeinsame Waldorf-Ideale keine Garantie für kuschelige Geschäftsbeziehungen sind, zeigt die Tatsache, dass DM jüngst aus schnöden Rentabilitätsgründen entschied, für Bio-Lebensmittel nicht mehr ausschließlich auf Produkte von Alnatura zu setzen, sondern eine Eigenmarke in die Regale zu stellen.

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