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Übernahme von Unternehmen : Für Firmen werden Rekordpreise bezahlt

  • -Aktualisiert am

Übernahme durch Bayer: Die amerikanische Sparte von Merck hat sich der Chemieriese Bayer einverleibt. Bild: AFP

Bayer und ZF Friedrichshafen zeigen, worum es bei Firmenkäufen momentan häufig geht: Um an die Weltspitze zu kommen. Besonders oft schlugen deutsche Käufer dieses Jahr in Amerika zu.

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          Ein starkes Übernahmejahr neigt sich dem Ende zu. In diesem Jahr ist mehr als 1600 Mal die Mehrheit an einem Unternehmen in andere Hände gegangen, wobei mindestens ein deutscher Partner beteiligt war.

          Das ist allein von der Menge her gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung der Transaktionen um mehr als 22 Prozent. Das Transaktionsvolumen, also die Summe der gezahlten Preise, beläuft sich in diesem Jahr auf 237 Milliarden Euro – und damit 100 Milliarden Euro mehr als 2013. Das Jahr 2014 liegt mit beiden Werten – sowohl der Anzahl als auch dem Volumen – deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.

          Axel Gollnick, geschäftsführender Gesellschafter der auf Übernahmen spezialisierten Beratungsgesellschaft Angermann M & A International, Hamburg und Kronberg bei Frankfurt, sieht zwei wesentliche Preistreiber am Markt. Zum einen ist es das niedrige Zinsniveau. Das ermöglicht eine preiswerte Refinanzierung. „Die gezahlten Vielfachen (Multiples) auf den Ertrag vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sind die Kehrseite des Zinses“, sagt Gollnick. Wenn es grenzüberschreitend um große Übernahmen geht, werden durchweg zweistellige Multiples aufgerufen. Bei kleineren Übernahmen wird das Acht- bis Neunfache des Ebitda gezahlt.

          Der zweite Grund sind die Synergien, die mit Übernahmen gehoben werden. Das sind auch weiterhin Kostenvorteile, aber seltener als früher. Weil auf der Kostenseite viel ausgereizt ist, haben es auch Private-Equity-Fonds schwer, neue Unternehmen zu kaufen. Sie suchen vor allem Objekte, die sie übernehmen, effizienter strukturieren und dann wieder mit Gewinn verkaufen. Die meisten aktuellen Übernahmen werden mit Vorteilen auf der Vertriebsseite begründet.

          Selten sind so viele Übernahmen damit gerechtfertigt worden, durch den Kauf eines Unternehmens eine führende Stellung am Markt auszubauen oder zu erlangen. Die Rekorde sind nur so gepurzelt. Der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer wird durch die Übernahme der Consumersparte der amerikanischen Merck & Co. der zweitgrößte Hersteller von rezeptfreien Medikamenten auf der Welt.

          Das deutsche Unternehmen ZF Friedrichshafen wird durch die Übernahme der amerikanischen TRW zu einem der drei größten Automobilzulieferer der Welt. Fresenius wird durch den Kauf von Rhön-Klinikum (43 Krankenhäuser) zum größten privaten Klinikbetreiber Europas. Hapag-Lloyd ist nach der Übernahme des Containergeschäfts der chilenischen Compañia Sud Americana de Vapores die viertgrößte Containerreederei der Welt. Diese Transaktionen stehen für viele weitere, bei denen deutsche Firmen ihre globale Stellung verbesserten, weil sie im Ausland zugekauft haben.

          „Fundamentale Hinwendung zu den Vereinigten Staaten“

          Vor allem die Vereinigten Staaten waren ein beliebtes Kaufziel. Der Anteil Amerikas als Zielland liegt wie in den vergangenen Jahren bei knapp 20 Prozent. Aber es waren viele Großübernahmen darunter, die jeweils mehrere Milliarden Euro kosteten. Daher ist der Anteil der deutschen Investitionen in den Vereinigten Staaten vom Volumen her stark gestiegen.

          Rick van Aerssen, Partner und Leiter der Praxisgruppe Gesellschaftsrecht/M&A der internationalen Anwaltskanzlei Freshfields, geht davon aus, dass in diesem Jahr deutsche Unternehmen in den Vereinigten Staaten 70 Milliarden Euro investieren. Er sieht darin eine gewisse Abwendung vom alternden Europa mit seinen politischen Risiken („wenn Frankreich kippt ...“) hin zu einem jungen und politisch stabilen Land. „Das ist eine fundamentale Hinwendung zu den Vereinigten Staaten.“

          Das Land habe eine junge Bevölkerung, stabile politische Verhältnisse und zudem preiswerte Energie. „Selbst Chemieunternehmen, die wegen der hohen Fixkosten immer zuerst daran denken, eine neue Anlage an eine alte anzubauen, scheuen sich nicht mehr, in Amerika auf der grünen Wiese zu bauen“, beobachtet van Aerssen.

          Um Afrika machen Investoren einen Bogen

          Bisher hat auch das Währungsverhältnis Investitionen in Amerika erleichtert. Diese Phase ist mit schwächerem Euro allerdings vorbei. Auch Investitionen deutscher Unternehmen in Asien nehmen zu. Um Afrika machen deutsche Investoren bisher allerdings einen Bogen, während „wir dort viele Übernahmen aus anderen Ländern sehen“, sagt van Aerssen.

          Aber auch im Inland wechselten viele Firmen ihren Eigner. Darunter so bekannte Namen wie die Telekommunikationsgesellschaft E-Plus, die Rhön-Kliniken, ein großes Zeitungspaket von Springer, die Mitteldeutschen Fahrradwerke, der Kindernahrungshersteller Alete und nicht zuletzt der Warenhauskonzern Arcandor, der für den symbolischen Preis von einem Euro eine neue Bleibe bei dem österreichischen Unternehmer René Benko fand, aber bekanntlich noch lange keine Ruhe. Die Umstrukturierung dauert an.

          Weitere große Übernahmen

          Für 2015 erwarten Marktbeobachter weitere Großübernahmen. Einige Unternehmenskäufe wurden bereits bekanntgegeben, sind aber noch nicht abgeschlossen. Dazu gehören der Erwerb des amerikanischen Laborausrüsters Sigma-Aldrich durch die deutsche Merck KGaA. Auch die Familie Reimann baut ihr Kaffeeimperium weiter aus, indem sie ihm die amerikanische Mondolez-International Coffee-Sparte hinzufügt und damit künftig auch Jacobs Kaffee verkaufen wird.

          Siemens hat mehrere Eisen im Feuer, sowohl als Käufer wie auch als Verkäufer. Geplant ist die Übernahme der börsennotierten Dresser-Rand-Group (Kompressoren, Turbinen) aus Amerika für fast 6 Milliarden Euro. Andererseits sind Verkäufe der Sparten Hörgeräte, Krankenhausinformationssysteme und Sicherheit geplant. Die Immobilienübernahme „Deutsche Annington kauft Gagfah“ ist ebenfalls noch nicht vollzogen, und ob Edeka die Supermärkte Kaiser’s von Tengelmann zum 30. Juni 2015 ohne Auflagen erwerben darf, muss sich noch herausstellen.

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