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Christopher Street Day : Unternehmen machen mit als Bekenntnis zur Mitarbeitervielfalt

Christopher Street Day ist für viele Unternehmen ein Anlass, sich zur Vielfalt am Arbeitsplatz zu bekennen Bild: Bosch

Christopher Street Day ist ein Anlass, sich zur Vielfalt am Arbeitsplatz zu bekennen. Die Zahl der Firmen, die eigene Teilnehmergruppen auf die Umzüge schicken, steigt.

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          Tanzende Männer in Frauenklamotten, mit Schmetterlingsflügeln oder pinkfarbenen Federboas, manche auch maskiert, dazwischen endlos Fahnen, Wimpel und Luftballons in Regenbogenfarben, eine Mischung aus Party und Karnevalsumzug für Schwule – so wird der Christopher Street Day oft wahrgenommen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Der ursprüngliche politische Hintergrund, nämlich der Kampf gegen Diskriminierung von Homosexuellen, veranlasst indes auch immer mehr Unternehmen sich auf dem CSD zur Vielfalt zu bekennen, auch mit eigenen Teilnehmergruppen. Solche „Botschafter“ sind dann meist nicht schrill verkleidet, sondern tragen Shirts mit dem Firmenlogo und einem passenden Slogan. „We are invented for life too“ heißt es etwa auf den T-Shirts der 99 Mitarbeiter von Bosch, die an diesem Samstag an der CSD-Parade in Stuttgart teilnehmen.

          Bieder oder aufmüpfig? Für Außenstehende mag der Bosch-Spruch langweilig klingen, doch in Wahrheit spiegelt sich darin auch ein Stück Trotz. „Sie sind nicht Teil der Schöpfung“, urteilte ein Kollege im Intranet nämlich, nachdem Bosch das erste Mal am CSD vertreten war. Da bietet es sich geradezu an, mit dem international verwendeten Werbeslogan des Technologie-Konzerns, „Invented for life“, zu spielen.

          Den Shitstorm hatten sie kommen sehen. „Wir haben eineinhalb Jahre diskutiert, ob die Teilnahme am CSD das richtige Zeichen ist“, berichtet Mathias Reimann, Sprecher des RBGay-Netzwerks von Bosch. Aber dann hat man sich für dieses deutliche Signal entschieden, dass es die bunte Vielfalt eben nicht nur beim CSD gibt, sondern auch bei Bosch. An diesem Samstag laufen sie nun wieder mit bei der CSD-Parade in Stuttgart, so wie auch die Kollegen von Daimler oder Vodafone oder der ENBW, so wie Mitarbeiter von Bayer, Ikea oder SAP am gleichen Tag beim CSD in Berlin, oder wie Beschäftigte von Siemens, BMW oder der Allianz am vergangenen Wochenende in München. Der Versicherungskonzern ließ sogar die Allianz-Arena in den Farben des Regenbogens leuchten, dem Symbol der Bewegung für die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgener und Intersexuellen (LGBTI).

          Wahrgenommen werden sie aber häufig nicht, die Kollegen, deren sexuelle Orientierung nicht ins Schema F passt, obwohl es je nach Schätzung zwischen drei und zehn Prozent der Menschen sein dürften. Auch wenn gesetzliche Regelungen Gleichberechtigung versprechen, traut sich beispielsweise jeder dritte Schwule noch immer nicht, offen über seine Homosexualität zu sprechen, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2017 zeigt.

          Wird die sexuelle Orientierung doch ein Thema am Arbeitsplatz, ist es oft ziemlich schwierig. Von scheelen Blicken bis zu Prügeln reicht das Repertoire der Diskriminierung. Mathias Reimann weiß aus seiner Arbeit im RBGay-Netzwerk auch, dass manche Führungskraft Angst hat, nach einem Outing nicht mehr für voll genommen zu werden, und ganz junge Kollegen wiederum haben Sorge, dass ihre Karriere leiden könnte.

          Unverkrampfter Umgang mit dem Thema

          Reimann selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es nicht so sein muss. Er leitet eine Abteilung von 300 Mitarbeitern im Bereich Autonomes Fahren. Irgendwelche Probleme hat ihm seine offen gelebte Homosexualität noch nie bereitet: „Mein unverkrampfter Umgang mit dem Thema hat mir vielleicht geholfen“, sagt er. Aber das liegt eben auch nicht jedem. Für viele, das ist Reimann durchaus bewusst, ist dagegen schon die scheinbar harmlose Frage über die Erlebnisse am Wochenende oder im Urlaub eine Tortur.

          Auch umgekehrt ist die Sache nicht einfach. Wie soll man umgehen mit jenem Mitarbeiter, der Tag für Tag paillettenbesetzte Stöckelschuhe zu Jeans und Hemd trägt? Und was passiert, nachdem der Vorgesetzte seinem Team ganz nüchtern, ingenieur-like erklärt: Kollegin XY ist jetzt übrigens Kollege Soundso? Die Charta der Vielfalt hat Bosch natürlich unterschrieben, wie 2950 andere deutsche Unternehmen auch, und bereits zuvor gehörte ein wertschätzendes und vorurteilsfreies Arbeitsumfeld zum Wertekanon des Stiftungsunternehmens. „Aber das hilft im Arbeitsalltag halt wenig“, sagt Reimann: „Wir brauchen daher ein paar Rollenmodelle.“ Die Teilnahme von Bosch-Kollegen am CSD könnte immerhin mehr Aufmerksamkeit auf das Thema sexuelle Orientierung lenken, das so oft tot geschwiegen wird.

          Wettbewerb um Talente

          Die Überzeugung, dass es sinnvoll ist, mit solchen Veranstaltungen die Farben des Regenbogens in die Arbeitswelt zu tragen, bricht sich häufiger Bahn. Seit vier, fünf Jahren hätten sich immer mehr Unternehmensnetzwerke für CSD-Paraden angemeldet, die quer durch Deutschland im Sommer stattfinden, sagt Christoph Michl, Geschäftsführer des CSD Stuttgart. „Wir haben natürlich kein Alleinvertretungsrecht für das Thema“, räumt Michl ein: „Aber als Veranstalter, der viele Leute anlockt, sind wir ein Sprachrohr geworden. Und wir sind gern ein Sparringspartner für die Unternehmen.“

          Neben Berlin sei Stuttgart ein Wegbereiter für die Einbeziehung der Wirtschaft in die politische Demonstration. Nachdem Mitarbeiter von Bosch und Daimler sich beteiligten, seien andere ins Nachdenken gekommen, zum Beispiel auch die Zulieferer dieser Konzerne. Als weltlich aufgeschlossene Arbeitgeber präsentieren sich die Polizei, die Stadt Stuttgart und sogar Kirchen, bis hin zur Diözese Rottenburg-Stuttgart auf dem bunten Demonstrationszug. Am Rande der Parade buhlen derweil auch eine Zeitarbeitsfirma, die Deutsche Bahn und deren Konkurrent Go Ahead um die Aufmerksamkeit der CSD-Teilnehmer. „Es geht wohl darum, sich als offen und tolerant zu präsentieren“, sagt Michl über die Motivation dieser Unternehmen: „Und das ist wichtig im Kampf um die besten Köpfe.“

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