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Unternehmen in Krisenzeiten : Stabile Pfeiler

  • -Aktualisiert am

Ein Transparent mit der Aufschrift „Danke“ hängt vor dem Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Bild: dpa

In Zeiten des Kampfes gegen das Coronavirus steht die Mehrzahl der oft verdammten Konzerne nicht mehr für Einfluss oder Lobbyismus, sondern für zwei zwischenzeitlich fast vergessene Eigenschaften: Stabilität und Sicherheit.

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          Der Nestlé-Chef bewirbt zusammen mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Lebensmittelampel.

          Politik und Wirtschaft Hand in Hand, vor laufenden Kameras. Im vergangenen Sommer war das vor allem eines: ein ungelenker Werbeauftritt einer Ministerin, erwartungsgemäß heftig attackiert aus der Internet-Kommune. Heute interessiert diese Debatte niemanden mehr. Ein Luxusproblem, die Welt hat andere Sorgen. „Ohne Konservierungsmittel“ hat seinen Reiz verloren. Alle hoffen, dass die Konservierungsmittel ihren Dienst tun.

          Das Bild von Unternehmen hat sich gewandelt, besser: zurechtgerückt. In Zeiten des Kampfes gegen das Coronavirus steht die Mehrzahl der oft verdammten Konzerne nicht mehr für Einfluss oder Lobbyismus, sondern für zwei zwischenzeitlich fast vergessene Eigenschaften: Stabilität und Sicherheit. Große Organisationen die den Laden, frei nach Angela Merkel, am Laufen halten.

          Das Handeln von Adidas ist erbärmlich

          Selbst in einer Gesundheitskrise, wie sie kein Lebender erinnert, sind die Supermarktregale in Deutschland immer noch voller, als sie es in der DDR je waren. Die gescholtenen Nahrungsmittelkonzerne und Handelsunternehmen sind groß und erfahren genug, um die Versorgung von Millionen Menschen auch in einer solchen Ausnahmesituation zu sichern. Die Versorgung funktioniert, das Mobilfunknetz funktioniert, die Post kommt, die Heizung ist warm. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit. BASF produziert neuerdings Desinfektionsmittel, Bosch entwickelt in Windeseile einen Virentest, die Telekom liefert freiwillig mehr Datenvolumen, der Medizintechnikhersteller Dräger produziert in drei Tagesschichten die so dringend gebrauchten Beatmungsgeräte, der Energieversorger ENBW verzichtet auf Stromsperren.

          Die Initiativen sind kaum noch zu zählen. Viele tausend namenlose Beschäftigte, die sich nicht im Homeoffice verkriechen können, produzieren unverdrossen. Unternehmen wollen Geld verdienen, aber sie haben eben auch eine soziale Funktion – und diese zeigt ihre Wirkung gerade jetzt in der Krise.

          Deshalb ist das, was Adidas nun tut, ein Tabubruch. Der Konzern nutzt ein Notgesetz, das eigentlich für notleidende kleine Händler gedacht ist, und zahlt von einem auf den anderen Tag seine Ladenmieten nicht mehr. Während andere Unternehmen Verzicht üben und sich überlegen, wie sie ihre Ressourcen in dieser besonderen Stunde sinnvoll einbringen, haben die Erbenverwalter von Adolf Dassler den Schuss nicht gehört und halten nicht mal einen Monat still. Das ist erbärmlich.

          Es zeigt sich, wie wichtig große Unternehmen sind

          Politik und Bürger in Deutschland machen bisher in dieser Krise die Erfahrung, dass sie auf „ihre“ Konzerne zählen können. Wer sonst auch als die forschungsstarken Pharma-

          unternehmen oder die oft verteufelte Biotechnologie sollte die ersehnte medizinische Lösung bringen? Die vermeintliche Geldgier von Investoren wie Dietmar Hopp zeigt sich jetzt in anderem Licht. Die Millionen, die er bei vollem Risiko in die Tübinger Firma Curevac gesteckt hat, könnten ihm jetzt viel Geld bringen, noch mehr aber zählt: Sie könnten viele Leben retten. Das Hoffen auf eine Lösung aus den Laboren offenbart auch diesen besonderen Kleingeist, der in Schönwetterzeiten als Fortschrittsskepsis daherkommt. Was würde wohl passieren, wenn sich herausstellt, dass ein neues Medikament nur auf Basis gentechnisch veränderter Substanzen hergestellt werden könnte – wie groß wäre dann noch der Widerstand?

          Auch die klassischen Medien übrigens, von denen so mancher meint, sie wären überflüssig, stabilisieren in diesen Zeiten das Land. Die Zugriffszahlen auf ihre Berichte und Analysen im Netz steigen schwindelerregend. Das tun sie, weil die Menschen diesen Medien vertrauen.

          Aber natürlich führt eine Krise von solchem Ausmaß auch viele Großunternehmen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Autohersteller, Touristikunternehmen, die Lufthansa: Viele rufen jetzt nach dem Staat, und der ist gut beraten, seine Hilfen genau abzuwägen. Der unsägliche Vorstoß von Adidas wird den wirklich notleidenden Unternehmen da noch weh tun. Trotzdem zeigt sich gerade jetzt, wie wichtig große funktionierende Unternehmen sind – Kleinbetriebe allein können eine Wohlstandsgesellschaft in so einer Krise nicht stützen.

          Allen Aufrührern, die diese Gesellschaft grundstürzend ändern wollen, die das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft verachten und immer wieder Lunte an das Fundament dieser Gesellschaft legen, sei gesagt: Wir können uns glücklich schätzen, dass sie ist, wie sie ist.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

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