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Supreme Court : Unternehmen in den USA zahlen Reisekosten für Abtreibungen

Der Oberste Gerichtshof hat den seit fast 50 Jahren bestehenden verfassungsrechtlichen Schutz der Abtreibung aufgehoben Bild: dpa

Die Aufhebung des nationalen Rechts auf Abtreibung in den USA bewegt auch die Wirtschaftswelt. Es gibt Hilfsangebote, die aber Risiken haben.

          2 Min.

          Die Aufhebung des nationalen Rechts auf Abtreibung durch den Obersten Gerichtshof in Washington am Freitag bewegt auch die Wirtschaftswelt. Die Entscheidung wird dafür sorgen, dass Abtreibung in einer ganzen Reihe amerikanischer Bundesstaaten weitgehend verboten sein wird. Da Amerikaner oft über ihre Arbeitgeber krankenversichert sind, stellt das Urteil Unternehmen vor die Frage, ob sie es als zusätzliche Leistungen anbieten, etwaige Kosten zu erstatten, falls Frauen aus ihrer Belegschaft für Schwangerschaftsabbrüche in andere Bundesstaaten reisen.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Genau das hat am Freitag eine ganze Reihe von Unternehmen angekündigt oder auch bekräftigt, darunter die Großbank JP Morgan Chase , der Unterhaltungskonzern Walt Disney und Meta , die Mutterholding des sozialen Netzwerks Facebook. In einigen Fällen wurden auch konkrete Summen genannt, der Sporthändler Dick’s Sporting Goods sagte zum Beispiel, er werde bis zu 4000 Dollar zahlen. Der Internetkonzern Google ließ seine Mitarbeiter wissen, sie könnten „ohne Begründung“ einen Standortwechsel beantragen. Manche Unternehmen haben solche Leistungen schon im Mai angekündigt, nachdem ein Entwurf der Urteilsbegründung an die Öffentlichkeit geraten war.

          Aus einigen Unternehmen kam scharfe Kritik an der Entscheidung der Richter. Meta-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg sprach in einem Eintrag auf ihrem Facebook-Profil von einem „riesigen Rückschlag“, der „die Gesundheit und das Leben von Millionen von Mädchen und Frauen“ in Gefahr bringe. „Das droht den Fortschritt, den Frauen in der Berufswelt gemacht haben, rückgängig zu machen und Frauen wirtschaftliche Macht zu nehmen.“

          Aaron Levie, Mitgründer und Vorstandschef des Softwareunternehmens Box, twitterte: „Unser Land bewegt sich bei fast jeder möglichen Gelegenheit rückwärts.“ Der Jeanshersteller Levi Strauss teilte mit, er lehne alle Schritte ab, die den Zugang zur Abtreibung einschränken, und appellierte an andere Unternehmen, sich öffentlich für den Erhalt von Abtreibungsrechten einzusetzen. Jeremy Stoppelman, Mitgründer und Vorstandschef der Onlineplattform Yelp, forderte Unternehmen auf, sich dafür starkzumachen, dass ein nationales Recht auf Abtreibung vom Kongress gesetzlich festgeschrieben wird. Das ist bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen freilich sehr unwahrscheinlich.

          Bei solcher Kritik handelte es sich aber eher um vereinzelte Stimmen. Womöglich weil Abtreibung in den USA ein emotional besonders aufgeladenes Thema ist, hielten sich viele Unternehmen mit inhaltlichen Äußerungen zum Urteil des Supreme Courts zurück und konzentrierten sich auf praktische Konsequenzen wie Reisekostenerstattung. Selbst dabei waren sie in ihren Formulierungen oft sehr vorsichtig und vermieden es zum Beispiel, das Wort Abtreibung zu verwenden. Disney sprach von Reiseleistungen für „medizinische Situationen“ wie „Familienplanung (inklusive Entscheidungen im Zusammenhang mit Schwangerschaften)“.

          Meta wiederum untersagte es seinen Mitarbeitern nach einem Bericht der „New York Times“, das Urteil auf internen Kommunikationsplattformen zu thematisieren, was für Ärger in der Belegschaft sorgte. Ein Softwareentwickler schrieb auf Linkedin, entsprechende Kommentare würden schnell entfernt. Das gelte sogar für Links zu Sheryl Sandbergs Eintrag, „aus Angst, den wenigen Mitarbeitern zu nahe zu treten, die mit diesem Wahnsinn einverstanden sind“.

          Das Angebot, Reisekosten zu erstatten, ist für Unternehmen nicht ohne Risiko. In manchen Bundesstaaten wie Texas sehen striktere Gesetzesvorhaben vor, gegen diejenigen vorzugehen, die bei Abtreibungen helfen. Ein texanischer Politiker hat zum Beispiel unlängst schon die Citigroup wegen ihrer Reisekostenhilfen vor „strafrechtlicher Verfolgung“ gewarnt.

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