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Unter Druck : Die nervöse Deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Muss Anshu Jain bald gehen? Bild: dpa

In Deutschlands einzigem Geldhaus von Weltrang hält ein neues Lebensgefühl Einzug: von allen Seiten verfolgt. Muss Bank-Chef Anshu Jain bald gehen?

          So viel Demut war nie im Leben des Anshu Jain. Der Mann, der nur die Sterne als Ziel akzeptierte und einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat, mahnt plötzlich intern, den Ehrgeiz zu zügeln, und bittet nach außen um Geduld. Die verzagten Worte passen so gar nicht zu dem Antreiber, der als Investmentbanker seine Truppen einst an die Weltspitze gepeitscht hat. „Das waren andere Zeiten“, sagt Jain heute.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der plötzliche Defensivgeist hat seine Gründe: Die Deutsche Bank, dieser auf seiner Tradition ruhende Koloss, ist verunsichert wie lange nicht. Verfolgt von der Justiz, angefeindet in der Öffentlichkeit, vorgeführt von Politikern und Regulierern, welche die Axt an ihr Geschäftsmodell legen - so zumindest empfinden es die Deutsch-Banker, wenn sie in Momenten des Selbstmitleids darüber klagen, dass die Konkurrenz in Übersee nur darauf lauert, wie sie in der Heimat waidwund geschossen werden. Regelten früher die Herren in den Frankfurter Doppeltürmen, was Sache ist im Finanzwesen, haben heute andere sie am Wickel. Das ist neu. Das tut weh.

          So viel Nervosität war nie in einem Haus, das sich an lichteren Tagen als „Europas einzige Bank von Weltrang“ brüstet. Den Konzern an die Spitze zu führen, nicht weniger hat Anshu Jain versprochen, als er vor bald zwei Jahren angetreten ist als Ko-Chef neben Jürgen Fitschen. Der ein oder andere Skandal kam ihm dabei in die Quere.

          Anshu Jain im Kreuzfeuer

          Fast täglich steht die Deutsche Bank in den Schlagzeilen. Dass er im neuem Amt gefordert ist, nicht nur als Stratege, sondern auch als Staatsmann, das ahnte Jain - so ist es nun mal üblich für einen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, der in Deutschland stets mehr ist als ein gewöhnlicher Konzernchef.

          Jain wusste auch um die Vorbehalte, die ihm entgegen schlugen: Ein Investmentbanker, noch dazu ein Inder, übernimmt die Macht, hieß es. Und alle, denen dies von Anfang an nicht behagte, sehen sich in ihrem Urteil bestätigt, nach dem was an Skandalen aufgepoppt ist: Wer hat der Deutschen Bank die Strafen für den Hypotheken-Schrott in Amerika eingebrockt? Die Investmentbanker. Wer hat sich am Libor-Zins vergriffen und wurde mit 80 Millionen Euro belohnt? Investmentbanker. Wer hat an den Devisenkursen gefingert? Investmentbanker. Und wer war all die Jahre deren Anführer? Anshu Jain.

          Gewiss, der oberste Chef zu jener Zeit hieß Josef Ackermann, nur hilft es Jain heute wenig, ständig auf die Altlasten zu verweisen: Ackermann ist zurück in der Schweiz. Der Inder steht im Feuer. Er muss Milliarde um Milliarde rüberschieben für Vergleiche und Strafzahlungen, muss sich rechtfertigen, was es kostet an Geld wie Energie, das Haus von der Vergangenheit zu reinigen.

          Die Händler etwa, die als Libor-Missetäter gefeuert wurden, haben sich vor Gericht gewehrt und recht bekommen. Sie an selber Stelle wieder einzusetzen, mag sich niemand vorstellen, also verhandelt die Bank die Konditionen für einen freiwilligen Abschied - umsonst ist so etwas für den Arbeitgeber nie zu haben.

          Hunderte von Angestellten wurden inzwischen zur internen Aufklärung vernommen, 60 Millionen Dokumente haben die hauseigenen Ermittler überprüft: Wenn ein Bereich aufgestockt wird, dann die Compliance-Abteilung, hierfür wird Personal gesucht. Und die Banker, die seit Jahrzehnten brav ihren Dienst tun, beschweren sich allmählich, dass sie behandelt werden, als seien sie Mitglieder einer Verbrecherbande.

          Hinter jeder Ecke eine böse Fratze

          Niemand weiß, wie lange dieses Reinemachen dauert und vor allem: ob die zwei Milliarden Euro, die noch im Topf für Rechtshändel vorgehalten werden, wirklich reichen - man denke nur an den sich quälend hinziehenden Streit mit den Kirch-Erben, wo zu allem Überfluss Jains Partner in der Doppelspitze, Jürgen Fitschen, bedroht ist, wegen angeblich falscher Aussagen auf der Anklagebank zu landen - was dieser weit von sich weist.

          Läuft Jain heute durch die Bank, für die er angetreten ist, ihr den Stolz zurückzugeben, muss er sich fühlen wie in der Geisterbahn: Hinter jeder Ecke eine böse Fratze. Alles Geister der Vergangenheit, schon wahr, aber nicht minder schrecklich. „Die Bank ist hochgradig verunsichert“, berichten Großkunden, Konzernchefs, die es sich nicht verkneifen können, mitzumachen bei dem Spiel, das in diesen Tagen mal hämisch, mal mitfühlend ausgetragen wird: Steht Anshu Jain das alles durch? Übersteht er die Skandale?

          Dass ihn das alles Kraft kostet, leugnet der Bankchef nicht: die Verteidigung nach außen, der Kampf nach innen. Wenn er etwas gelernt hat auf dem neuen Posten, dann die Fähigkeit, auch mal zu verlieren: und über Niederlagen nicht zu verzweifeln. Hinfallen, aufstehen, weiter rennen. Anders geht es nicht.

          Man darf sich einen Großkonzern, gerade in solchen Phasen des Umbaus, nicht als eine homogene Einheit vorstellen: Da gibt es Frustrierte, Verletzte, Rivalen sowieso; genügend Leute jedenfalls - auch im oberen Führungskreis -, die im Zweifel gegen die Doppelspitze arbeiten. „Wir sind irritiert, was für ein Spiel von manchem gespielt wird“, rügt ein Aufsichtsrat.

          Und so gesellt sich zur internen Jagd auf potentielle Schurken, die mit ihrer Gier das Haus in Verruf gebracht haben, nun die Fahndung nach Intriganten in den eigenen Reihen, die mit vertraulichen Informationen Stimmung machen, mit ungünstigen Zahlen etwa oder harschen Briefen der Finanzaufsicht, die dem Aufsichtsrat der Bank Versäumnisse vorwerfen und Anshu Jain, ihn formell tadelnd, unter Beobachtung stellen. Eine strafbare Handlung hat Fitschen diese vermeintlichen Akte der Illoyalität genannt.

          Zu europäisch, zu traditionell

          Am Dienstag, wenn sich die Aufsichtsräte zu ihrer nächsten Sitzung treffen, wird darüber zu reden sein, so ist aus ihrem Umfeld zu hören. Sollte jemand Verrat nachzuweisen sein, hat er sein Recht auf Karriere verwirkt, dann rollen Köpfe. Die Kontrolleure sind empört, die handelnden Akteure gewarnt. Aufsichtsratschef Paul Achleitner, bei dem die Topleute regelmäßig zum Rapport antreten, hat denen, charmant wie er ist, klargemacht, welcher Weg ins berufliche Glück führt und welcher nicht. Dumm nur, dass der Deutschen Bank derweil die amerikanische Konkurrenz enteilt; JP Morgan, Goldman Sachs und wie sie alle heißen. Nun rächt sich, dass „the Deutsche“ in den Vereinigten Staaten, dem mit Abstand wichtigsten Markt, längst nicht so stark ist wie sie sollte, zumal die Wirtschaft dort schneller wächst als in Europa: Plus 3,7 Prozent lautet die Prognose der Deutsche-Bank-Volkswirte, für die Heimat sehen sie nicht mal die Hälfte. Die Deutsche Bank lebt aber zu zwei Dritteln von Europa - so großspurig die globalen Ambitionen in der Vergangenheit auch vorgetragen wurden.

          Mit Ideen fürs Geschäft, mit pfiffigen Deals ist die Bank lange nicht mehr aufgefallen. Das muss sich ändern, hat der Vorstand erkannt: Demnächst soll nun eine Offensivstrategie fürs Digitale, übers Online-Banking und simple Digitalapplikationen hinaus, verkündet werden - auch als Signal für den Aufbruch. Denn das Investmentbanking, jahrelang Hauptprofitbringer, schwächelt. Und in den Filialen ist wenig zu reißen, solange die Zinsen so niedrig sind und die Sparer - aus Banksicht - enttäuschend wenig Finanzprodukte kaufen.

          Für das vorige Quartal hatte Jain daher einen Milliardenverlust zu berichten. Wer in den Zahlen für 2013 Trost sucht, der wird erst fündig, wenn er tief genug eintaucht, alle Altlasten ausblendet: Mehr als acht Milliarden Euro operativer Gewinn stehen dann zu Buche - auf diese Zahl beruft sich Jain: „Das ist das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte der Bank.“ Sicherer, schlanker, profitabler sei der Konzern geworden: „Wir haben das Kapital hochgefahren, Risiken und Kosten vermindert.“ Endgültig messen lasse sich der Erfolg erst 2015, schließlich heißt die Strategie, mit der die Doppelspitze angetreten ist, „2015plus“.

          Die Angelsachsen sind für Jain

          Nur, wie stehen die Chancen für Jain, deren Früchte selbst zu ernten? Der Libor-Skandal könne ihm nicht mehr gefährlich werden, heißt es in der Bank. Da nun alle Mails zu diesem Komplex untersucht sind, sei Jains Unschuld bewiesen - wie von Paul Achleitner vorhergesagt.

          Um weiteren Schaden abzuwenden, hatte der Aufsichtsratsvorsitzende sein Urteil sofort rausgehauen, nachdem die Sache ruchbar wurde: Es gibt keinerlei Hinweise, lautet die seither ständig benutzte Formel, dass Vorstände (also vor allem Jain) in „unangemessener Weise involviert“ waren in die Machenschaften. Das gelte heute erst recht, betonen sie jetzt in der Bank. Und solange keine neuen bösen Geister auftauchen, wird Achleitner seinen Vorstand stützen, daran lässt er keinen Zweifel.

          Einen Aufstand missmutiger Großaktionäre muss er nicht fürchten fürs Erste. Die größten Fans des Anshu Jain finden sich noch immer unter den angelsächsischen Investoren, die als wichtigste Eigentümer der Deutschen Bank den Ton vorgeben und einst geholfen haben, den Inder an die Spitze zu setzen: „Anshu Jain ist brillant, eine große Persönlichkeit im Finanzsektor“, sagt einer dieser Milliardenjonglierer aus Amerika. Gründe, von Jain abzurücken? Nicht die Spur. „Er leistet Großartiges.“

          Am Ende entscheide über sein Schicksal aber die deutsche Gesellschaft. „Wollen sie eine globale Bank, die an der Weltspitze mithält, brauchen sie Anshu Jain. Wenn nicht, dann kann den Job auch ein anderer machen.“

          Nur ein Versäumnis, das kreidet der Großaktionär dem von ihm bewunderten Banker an: „Um die Deutschen zu überzeugen, muss er deren Sprache lernen.“

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