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Unter Druck : Die nervöse Deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Hunderte von Angestellten wurden inzwischen zur internen Aufklärung vernommen, 60 Millionen Dokumente haben die hauseigenen Ermittler überprüft: Wenn ein Bereich aufgestockt wird, dann die Compliance-Abteilung, hierfür wird Personal gesucht. Und die Banker, die seit Jahrzehnten brav ihren Dienst tun, beschweren sich allmählich, dass sie behandelt werden, als seien sie Mitglieder einer Verbrecherbande.

Hinter jeder Ecke eine böse Fratze

Niemand weiß, wie lange dieses Reinemachen dauert und vor allem: ob die zwei Milliarden Euro, die noch im Topf für Rechtshändel vorgehalten werden, wirklich reichen - man denke nur an den sich quälend hinziehenden Streit mit den Kirch-Erben, wo zu allem Überfluss Jains Partner in der Doppelspitze, Jürgen Fitschen, bedroht ist, wegen angeblich falscher Aussagen auf der Anklagebank zu landen - was dieser weit von sich weist.

Läuft Jain heute durch die Bank, für die er angetreten ist, ihr den Stolz zurückzugeben, muss er sich fühlen wie in der Geisterbahn: Hinter jeder Ecke eine böse Fratze. Alles Geister der Vergangenheit, schon wahr, aber nicht minder schrecklich. „Die Bank ist hochgradig verunsichert“, berichten Großkunden, Konzernchefs, die es sich nicht verkneifen können, mitzumachen bei dem Spiel, das in diesen Tagen mal hämisch, mal mitfühlend ausgetragen wird: Steht Anshu Jain das alles durch? Übersteht er die Skandale?

Dass ihn das alles Kraft kostet, leugnet der Bankchef nicht: die Verteidigung nach außen, der Kampf nach innen. Wenn er etwas gelernt hat auf dem neuen Posten, dann die Fähigkeit, auch mal zu verlieren: und über Niederlagen nicht zu verzweifeln. Hinfallen, aufstehen, weiter rennen. Anders geht es nicht.

Man darf sich einen Großkonzern, gerade in solchen Phasen des Umbaus, nicht als eine homogene Einheit vorstellen: Da gibt es Frustrierte, Verletzte, Rivalen sowieso; genügend Leute jedenfalls - auch im oberen Führungskreis -, die im Zweifel gegen die Doppelspitze arbeiten. „Wir sind irritiert, was für ein Spiel von manchem gespielt wird“, rügt ein Aufsichtsrat.

Und so gesellt sich zur internen Jagd auf potentielle Schurken, die mit ihrer Gier das Haus in Verruf gebracht haben, nun die Fahndung nach Intriganten in den eigenen Reihen, die mit vertraulichen Informationen Stimmung machen, mit ungünstigen Zahlen etwa oder harschen Briefen der Finanzaufsicht, die dem Aufsichtsrat der Bank Versäumnisse vorwerfen und Anshu Jain, ihn formell tadelnd, unter Beobachtung stellen. Eine strafbare Handlung hat Fitschen diese vermeintlichen Akte der Illoyalität genannt.

Zu europäisch, zu traditionell

Am Dienstag, wenn sich die Aufsichtsräte zu ihrer nächsten Sitzung treffen, wird darüber zu reden sein, so ist aus ihrem Umfeld zu hören. Sollte jemand Verrat nachzuweisen sein, hat er sein Recht auf Karriere verwirkt, dann rollen Köpfe. Die Kontrolleure sind empört, die handelnden Akteure gewarnt. Aufsichtsratschef Paul Achleitner, bei dem die Topleute regelmäßig zum Rapport antreten, hat denen, charmant wie er ist, klargemacht, welcher Weg ins berufliche Glück führt und welcher nicht. Dumm nur, dass der Deutschen Bank derweil die amerikanische Konkurrenz enteilt; JP Morgan, Goldman Sachs und wie sie alle heißen. Nun rächt sich, dass „the Deutsche“ in den Vereinigten Staaten, dem mit Abstand wichtigsten Markt, längst nicht so stark ist wie sie sollte, zumal die Wirtschaft dort schneller wächst als in Europa: Plus 3,7 Prozent lautet die Prognose der Deutsche-Bank-Volkswirte, für die Heimat sehen sie nicht mal die Hälfte. Die Deutsche Bank lebt aber zu zwei Dritteln von Europa - so großspurig die globalen Ambitionen in der Vergangenheit auch vorgetragen wurden.

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