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Ungarisches Unternehmen : Auf dem Weg zum Auto ohne Lenkrad und Gaspedal

Sitz der ungarischen Softwareschmiede NNG Bild: NGG

In Budapest profitiert der Softwareanbieter NNG von seinem standardisierten Assistenten im Auto. Trotz des ungewöhnlichen Standortes liefert das Unternehmen eine Erfolgsgeschichte.

          Es ist ein riesiger Komplex aus mehreren Gebäudeteilen auf einem Hügel im dritten Bezirk der ungarischen Hauptstadt. Auf mehreren tausend Quadratmetern arbeiten hier Heerscharen von jungen Softwareingenieuren. Manche von ihnen spielen Tischtennis und haben dabei Ideen, andere erbauen sich an anderen Freizeitaktivitäten. NNG entwickelt Navigationssoftware. Die Schmiede war einer der Pioniere dafür und wurde vor vierzehn Jahren gegründet. Heute gehört sie zu den führenden Akteuren in diesem Feld. Die Perspektiven sind aus der Sicht des Managements glänzend: „Jetzt kommt die Welle, in der Navigation nicht mehr eine Option für Fahrzeughersteller, sondern ein Standard ist“, sagt Stefan Werner, stellvertretender Präsident für den Vertrieb von NNG. Zudem spielt dem Unternehmen eine immer stärkere Ausrichtung hin zum assistierten Fahren in die Hände. Im Gegensatz zu früher ist die Automobilfertigung abhängig von Software. NNG hat ursprünglich mit Automobilzulieferern zusammengearbeitet. Jetzt ist sie direkter Partner von Herstellern.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Ursprünglich dachten die Gründer, dass die Funktionen aus der Spieleindustrie für 3D-Anwendungen auch in der Zielsuche hilfreich sein könnten. In Sandalen, kurzen Hosen und mit vielen Kabeln wurde programmiert, so wie das in der IT-Welt oft der Fall ist. Auf der Computermesse Cebit in Hannover brachten die Entwickler ihr Produkt unter die Leute. Gepunktet haben sie mit der Fähigkeit, nur wenig Speicherplatz zu benötigen. Das brachte den Durchbruch, erinnert sich das Management. Die portable Schiene war das Fundament. Dann wurde die Konkurrenz stark. Nach den durch den Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelösten Turbulenzen der Weltwirtschaft vor zehn Jahren beschlossen die Gründer die Flucht nach vorn und in direkten Kontakt mit den Fahrzeugherstellern zu gehen. Das hat sich gelohnt. Wie Stefan Werner sagt, gibt es seither ein jährliches Wachstum von mehr als 10 Prozent. Geschuldet sei dies der Integrationsmöglichkeit von NNG. Schließlich suchen Hersteller ein System, das in vielen Ländern arbeitet. Globale Lösungen seien rar auf dem Markt. Durch einen Kern in der Software, der modular anwendbar ist, vermag dies NNG zu leisten.

          „Dann sind Kontrollfunktionen von außen steuerbar“

          „Wir können eine Lösung aus einer Hand bieten“, sagt Werner. Das sei für den Endabnehmer praktisch, weil der Druck zu umfangreichen Tests da ist. Schließlich habe eine Navigationssoftware zahlreiche Funktionen. Manche Wettbewerber sind aber auch Partner. „Denn wir integrieren nicht nur Software, sondern dazugehörige Dienstleistungen und Karten.“ Wie Werner sagt, sind Wetterinformationen, ein Überblick über Parkmöglichkeiten und Verkehrsdaten wichtige Daten, die in die Software einfließen. Im autonomen Fahren seien Wetterprognosen wichtig, weil dies die Sicherheit für den Fahrer erhöht. So kann ihm der Bildschirm anzeigen, früher mit dem Auto wegzufahren, um ein Unfallrisiko zu minimieren. Für einen Elektromobilisten ist es außerdem wichtig, über die Temperatur Bescheid zu wissen, weil sein Bewegungsradius davon abhängt. Zudem seien Wetterdaten wichtig, um die Emissionsziele im Schadstoffausstoß zu erreichen.

          Werner weist aber auch darauf hin, dass die starke Digitalisierung des Fahrzeugs zu einer größeren Verwundbarkeit führt. „In dem Augenblick, in dem das Fahrzeug verbunden ist mit dem Internet, ist es angreifbar. Dann sind Kontrollfunktionen von außen steuerbar.“ Es sei ein beträchtliches Risiko. Daran arbeiten die Ungarn. Die Gründer der Gesellschaft, David Wiernik und Jacob Halperin, leben in Israel, führend in der Sicherheitstechnik, was dem Unternehmen Impulse gibt. Schließlich müssen Hersteller immer mehr von der Software verstehen und über Sicherheit informiert sein.

          Rasche Chancen im Segment Nutzfahrzeuge

          Wie Werner findet, sieht beim Thema Sicherheit die Cebit etwas altbacken aus. Hingegen lobt er den neuen Messen-Hotspot in Las Vegas mit Consumer Electronics, wo Cybersicherheit entsprechend gewürdigt wird. Auch schnelle Datenkommunikation im Fahrzeug ist ein Thema für die Entwickler. Der Standard der Datenkommunikation in Büros werde Einzug ins Auto halten bis zum Jahr 2020, glaubt Werner. Überdies arbeitet das Unternehmen daran, dass Fahrzeug-Lenker die Funktionen trotz der Digitalisierung wieder schneller verstehen – in einem gewissen Sinn eine Rückbesinnung auf früher.

          Trotzdem glaubt der Manager, dass Autos irgendwann ohne Lenkrad und Gaspedal fahren werden. Entsprechend wird sich die Gesellschaft ändern – wie auch die Welt der Hersteller mit ihrer Motorenausrichtung. So wie im Haushalt nach energieeffizienten Lösungen gesucht wird, passiere das in der mobilen Welt. Deshalb sind die Wachstumsaussichten für solche Spezialisten weiterhin ungebrochen. Vor allem im Segment Nutzfahrzeuge sieht Werner rasche Chancen, das autonome Fahren schneller durchzusetzen.

          In weiten Teilen der Welt kontrollieren die Entwickler nach seinen Angaben ein Fünftel des Marktes. Ihr Umsatz wurde seit dem Jahr 2013 auf rund 100 Millionen Euro verdoppelt. Über die Gewinnmarge gibt es allerdings keine Informationen. Derzeit arbeiten rund tausend Mitarbeiter für die Ungarn, wo es aus Sicht des Managements gute Standortbedingungen gibt. Im vergangenen Jahr wurden 200 Mitarbeiter eingestellt. NNG kann sich aus einem Fundus von exzellent ausgebildeten Universitätsabsolventen in Szeged und Budapest bedienen. Über die Gehälter schweigt das Management. Im Schnitt werden in der Branche nach Angaben des ungarischen Statistikamts KSH rund 500.000 Forint Bruttogehalt im Monat gezahlt. Das sind bei derzeitigen Wechselkursen rund 1600 Euro und damit wesentlich weniger als in Deutschland. Doch sie erfreuen sich attraktiver Nebenleistungen und können weiterhin bei Tischtennis ihren Visionen nachhängen.

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