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Umweltverschmutzung : Biedermänner und Brandstifter

  • -Aktualisiert am

Die Quelle der Luftverschmutzung: Brandrodung in Indonesien Bild: dpa

In Indonesien brennen Plantagenkonzerne und ihre Lieferanten Ödland ab, um Monokulturen zu pflanzen. Dabei entstehen riesige Rauchwolken, der Haze. Er hängt über den Nachbarländern und quält die Menschen.

          6 Min.

          Anika, Melina, Sarah und ihre Freundinnen wollten noch einmal so richtig feiern. Schließlich haben sie die Grundschule hinter sich gelassen und wechseln nun aufs Gymnasium. Zur Zeugnisvergabe vergangenen Freitag hatte die deutsch-europäische Schule in Singapur für sie ein großes Abschlussfest geplant. Die Feier währte dann nur knapp zehn Minuten, die Kinder sangen die Schulhymne und mussten sofort zurück in die Klassenzimmer: Denn giftiger Rauch hing über der südostasiatischen Metropole.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Schüler ein paar hundert Kilometer im Norden erwischte es härter. Bei ihnen in Malaysia fiel am Montag die Schule sogar ganz aus. Betriebe schlossen. Denn die Rauchwolke hatte sich durch eine leichte Drehung des Windes über den Norden der malaysischen Peninsula verschoben. Nachdem bis zum Wochenende Singapurs Hochhäuser und Touristenattraktionen im Giftnebel versunken waren, verschwanden nun die Petronas-Türme in Kuala Lumpur im grauen Einerlei. Hier lagen die Schadstoffkonzentrationen sogar noch höher als in den Tagen zuvor in Singapur.

          Kommt der Haze, gibt es kein Entrinnen. Die Wolke trifft jeden, der unter ihr lebt. Mit ihr kommen brennende Augen, Hustenreiz, Kopfschmerzen. Die riesige Rauchfahne entsteht, wenn Plantagenbesitzer die weiten Torfmoorebenen in der Provinz Riau im indonesischen Sumatra in der Trockenzeit anzünden, um den Boden für ihre Monokulturen vorzubereiten. An dieser Arbeitspraxis scheinen die vergangenen Jahrzehnte spurlos vorübergegangen.

          Brandrodung ist billig und effektiv

          Brandrodung ist ein billiger, effektiver Weg, den Boden für die Ausbeutung herzurichten: Gut zehn Liter Diesel zum Preis von 50.000 Rupiah (3,82 Euro) werden gebraucht, um ein Hektar abzubrennen. Plantagenkonzerne besitzen Hunderttausende Hektar in Riau. Ihr Palmöl fließt in Shampoo, in Süßigkeiten, Kuchen oder Putzmittel. Akazien sind Rohstoff für die Papierherstellung.

          Riau ist eine der Regionen der Erde, in der die Abholzung am schnellsten voranschreitet: Lag die bewachsene Fläche 1982 noch bei 78 Prozent, sind es heute nur noch gut 25 Prozent. 60.000 Hektar bepflanzt beispielsweise der Plantagenkonzern Asia Pacific Resources International (April) jährlich mit Nutzbäumen. 140 Millionen Setzlinge zieht das Unternehmen dafür Jahr für Jahr. Angesichts des steigenden Nahrungsmittelkonsums in Schwellenländern wie China und Indien peilt Indonesien bis 2020 eine Verdoppelung der Palmölproduktion an.

          Jeden Sommer wirken Flächen der Region wie nach einem Bombenangriff. Anfang der Woche standen nach indonesischen Angaben gut 3.700 Hektar in Riau in Flammen. Verbrannte Holzstummel recken sich in den Himmel. Die Erde ist schwarz, die Wasserlachen sind schwarz, kein Vogel zwitschert, der Rauch beißt in den Augen. „Wir brennen den Urwald auf unseren eigenen Feldern ab, um dort Kautschukbäume oder Ölpalmen zu pflanzen“, sagt Tengku Masyrull, einer der Ältesten des Dorfes Teluk Binjai in Riau.

          Die Plantagen bringen viel mehr Geld als Fischfang oder Schwalbenzucht, von denen die gut 3.000 Menschen hier bislang leben. Dass die Bauern auch als Lieferanten für Konzerne zündeln, sagt er nicht. Satellitenbilder der Singapurer zeigen in diesen Tagen gut 150 Brandherde im Nachbarland. Aus ihnen entstehen Schwelbrände in der Fläche, die kaum zu löschen sind. Greenpeace schätzt, die Hälfte der Brände wüte in geschützten Wald- und Torfmoorgebieten, die andere auf trockengelegten Flächen, auf denen Unternehmen über Konzessionen verfügten.

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