https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/umwelthilfe-stellt-mercedes-an-den-pranger-14048748.html

Hohe Stickoxid-Werte : Umwelthilfe stellt Mercedes an den Pranger

Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Deutsche Umwelthilfe erhebt abermals starke Vorwürfe gegen Daimler. Der Konzern ist empört und spricht von einer „Kriminalisierung der Autohersteller“ durch den Verein.

          2 Min.

          Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fährt schweres Geschütz gegen Daimler auf. Das Mercedes-Modell C220CDi Blue Tec, ein Diesel nach der Euro-6-Norm, soll nach dem Willen des Vereins künftig nicht mehr fahren dürfen. Dazu hat die DUH beim Kraftfahrtbundesamt den Antrag gestellt, dass die Typgenehmigung für diesen Mercedes widerrufen wird und alle schon zugelassenen Autos zurückgerufen werden. Die Begründung: Dieses Automodell  stoße deutlich mehr Stickoxide aus als erlaubt, und es gebe „ein starkes Indiz“ dafür, dass es bei dem Auto eine Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung gebe.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Die Reaktion bei Daimler war Empörung: „Das ist der Versuch der Umwelthilfe, Autohersteller zu kriminalisieren. Dagegen werden wir uns mit allen Mitteln zur Wehr setzen“, kündigte ein Sprecher des Stuttgarter Konzerns an. Es gehe dem Verein überhaupt nicht um sachliche Auseinandersetzung, so die Einschätzung bei Daimler. Ein Indiz dafür: Für Expertengespräche habe die Umwelthilfe zahlreiche Vorbedingungen gestellt. Die konkreten Vorwürfe der Umwelthilfe weist Daimler vehement zurück: „Fahrzeuge von Mercedes-Benz entsprechen in vollem Umfang den jeweils zum Zeitpunkt der Zulassung geltenden, landesspezifischen Vorschriften“, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Mehr noch: Seit jeher sei Mercedes Vorreiter in der Dieseltechnologie und habe gesetzliche Vorgaben oft früher erfüllt als gefordert. 

          In dem von der Umwelthilfe angeprangerten Fall geht es um eine vom niederländischen Umweltministerium  in Auftrag gegebenen Untersuchung durch das Prüfinstitut TNO an 16 Fahrzeugen. Bei Temperaturen zwischen 7 und 10 Grad  und bei Stadtverkehrs-Geschwindigkeiten seien bei dem Mercedes mit rund 800 Milligramm je Kilometer etwa des zehnfache des erlaubten Grenzwerts an Stickoxiden gemessen wurden. Bei Daimler legt man Wert auf die Feststellung, dass die gemessenen Emissionsschwankungen mit den TNO-Experten diskutiert wurden – und „für plausibel befunden“ wurden. „Diese sind keinerlei Hinweis auf Manipulationen“, betont Daimler aber auch in einem Schreiben an die Umwelthilfe.

          Umwelthilfe: Abgasnachbehandlung muss auch bei niedrigen Temperaturen funktionieren

          Die Erklärung für die hohen Stickoxid-Werte liegt demnach in der Physik: Bei niedrigen Temperaturen kann die Abgasnachbehandlung zu Motor-Schäden führen, heißt es bei Daimler. Deshalb sei es gesetzlich ausdrücklich zugelassen, die Nachbehandlung zu verringern, „um den Motor vor Beschädigung oder Unfall zu schützen und um den sicheren Betrieb des Fahrzeugs zu gewährleisten“, wie es in der EU-Richtlinie 715/2007 Artikel 5 Absatz 2a heißt. „Das ist eine Schutzbehauptung“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch: „Die Autohersteller können ja auch nicht einfach sagen, bei Regen funktioniert die Bremse nicht.“ In Absatz 1 der gleichen Regel heiße es, dass das Auto grundsätzlich so zu konstruieren sei, das unter normalen Bedingungen eine funktionierende Emissionsminderung zu erreichen sei. Und Temperaturen von sieben bis zehn Grad entsprächen schließlich der „für Mitteleuropa typischen Jahresdurchschnittstemperatur“.

          Das Kraftfahrtbundesamt war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Dem Amt liegt schon ein Antrag der Deutschen Umwelthilfe vor, die Typgenehmigung für den Opel Zafira zu widerrufen, ohne dass es dazu bisher ein Reaktion gibt. Außerdem hat der Verein die französischen Behörden wegen Renault alarmiert.

          Abgesehen vom rechtlichen Vorstoß beim Kraftfahrbundesamt hat die Umwelthilfe zudem alle Städte und Länder sowie die Bundesregierung zu Sofortmaßnahmen aufgefordert. Dazu gehört nach Ansicht der Umwelthilfe ein Einfahrtverbot in Umweltzonen mit den genannten Mercedes-Autos, wenn es kälter als zehn Grad ist. Der Verkehrsgerichtstag habe bestätigt, dass kurzfristige Fahrverbote verhängt werden könnten, sagte Resch dieser Zeitung. Schützenhilfe  von der grün-roten Landesregierung Baden-Württembergs hat die Umwelthilfe aber nicht zu erwarten: „Wir gehen nicht davon aus, dass die Unternehmen im Land betrügen“, sagte der grüne Umweltminister Hermann, zu dem Thema in der Landespressekonferenz befragt.

          Weitere Themen

          Die unvollendete Bauausstellung

          FAZ Plus Artikel: Bauaustellung IBA : Die unvollendete Bauausstellung

          In Heidelberg endet nach zehn Jahren die Internationale Bauausstellung IBA. Sie beschäftigte sich mit der Frage, wie der Wandel zur Wissensgesellschaft eine Stadt verändert. Antworten sollen auch 20 Projekte geben, an denen meist noch gebaut wird.

          Topmeldungen

          Will nicht gehen: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann

          Feldmann und Frankfurt : Die Stadt bin ich

          Die Weigerung Peter Feldmanns, als Frankfurter Oberbürgermeister zurückzutreten, zeigt die Schwächen der Hessischen Gemeindeordnung auf. Kommt Feldmann als doppelter Sieger aus der Affäre?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Kapitalanalge
          Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
          Sprachkurse
          Lernen Sie Englisch
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung im Projektmanagement