https://www.faz.net/-gqe-8dluf

Theorie der Obsoleszenz : Waschmaschinen enttäuschen

Elektroschrott: Viele Elektrogeräte haben in deutschen Haushalten eine kurze Lebensdauer. Bild: dpa

Das Umweltbundesamt beklagt den schnellen Austausch von Elektrogeräten. Das liegt jedoch nicht an den vermeintlichen Sollbruchstellen der Geräte, sondern am Konsumverhalten der Deutschen.

          Die Hersteller von Elektrogeräten sind skrupellos: In ihre Geräte bauen sie verborgene Schwachstellen ein. Die Folge: Nach einer festgelegten Lebensdauer – am besten kurz nach dem Ende der Garantiezeit – geben Waschmaschine oder Notebook ihren Geist auf. Eine Reparatur lohnt sich nicht. Und so schafft sich die Industrie beständig ihre eigene Nachfrage.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Soweit die Theorie von der geplanten Obsoleszenz. Von Kritikern der Wegwerfgesellschaft wird sie immer wieder gerne herangezogen, wenn es darum geht, zu erklären, warum Elektrogeräte offenbar allzu schnell kaputtgehen. Richtig nachweisen konnte das der Industrie bislang noch kaum jemand. Auch nicht das Umweltbundesamt (UBA), das am Montag eine neue 315 Seiten starke Untersuchung zur Nutzungsdauer und zur Umweltwirkung von Produkten veröffentlichte. „Eine gezielte kurze Produktlebensdauer, die die Hersteller mittels eingebauter Mängel erzeugen – die sogenannte geplante Obsoleszenz – kann in der aktuellen Studie nicht nachgewiesen werden“, stellte die Behörde klar.

          Deswegen ist in den Augen des Amtes aber noch längst nicht alles ökologisch Sonnenschein. „Viele Geräte haben eine zu kurze Lebensdauer“, beklagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. „Wir müssen über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nachdenken – eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte.“ Und das Problem liegt nicht nur im frühen technischen Knock-out, wie die vom Öko-Institut und der Universität Bonn im Auftrag des Umweltbundesamtes erarbeitete Untersuchung zeigt. Die meisten elektronischen Geräte werden immer kürzer genutzt. Konsumenten ersetzen sie, obwohl sie noch gut funktionieren. So sank die durchschnittliche Nutzungsdauer von Haushaltsgroßgeräten wie Waschmaschinen, Trocknern oder Kühlschränken beim ersten Nutzer von 2004 bis 2012/13 von 14,1 auf 13 Jahre. bei Fernsehern gar von 5,7 Jahren 2007 auf 4,4 Jahre 2010.

          Unter ökologischen Gesichtspunkten „nicht hinnehmbar“

          Warum die Deutschen so handeln, dafür gibt es viele Gründe. Im Bereich der Unterhaltungselektronik und Informationstechnik (IT) lösen sehr oft Technologiesprünge einen Neukauf aus. Selbst bei Haushaltsgroßgeräten wie Kühlschränken ist der Studie zufolge bei einem Drittel der Befragten der Wunsch nach einem besseren Gerät ausschlaggebend. Gleichzeitig sei der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die aufgrund eines Defekts bereits innerhalb der ersten fünf Jahre ersetzt wurden, drastisch gestiegen: von 3,5 Prozent im Jahr 2004 auf 8,3 Prozent im Jahr 2013. Eine Befragung im Rahmen der Studie förderte zu Tage, dass rund ein Drittel der Konsumenten mit der Lebensdauer der Produkte unzufrieden war.

          Unter ökologischen Gesichtspunkten sei das „nicht hinnehmbar“, findet das Umweltbundesamt. Und nennt ein Ergebnis, das der Industrie nicht gefallen dürfte, weil es ein wesentliches Kaufargument konterkariert: In allen untersuchten Produktgruppen belasten demnach die kurzlebigen Produkte die Umwelt deutlich stärker als Geräte mit langer Nutzungsdauer. Als Beispiel wird die Waschmaschine angeführt: Energieaufwand und Treibhausgaspotential bezogen auf den gesamten Lebensweg liegen bei einer fünfjährigen Maschine um rund 40 Prozent höher als bei einem 20-jährigen Gerät. Dabei sei eine mögliche bessere Energieeffizienz schon berücksichtigt, heißt es. Und gerade diese bessere Energieausnutzung führen vor allem Hausgerätehersteller gerne als Kaufanreiz für umweltbewusste Verbraucher an.

          Das Problem lösen will das UBA mit mehr Transparenz. Den Produkten sei nicht anzusehen, für welche Lebensdauer sie konzipiert worden seien, und auch der Preis sei nicht immer ein zuverlässiger Indikator. Krautzberger plädierte für eine „Kennzeichnung, die beispielsweise die voraussichtliche Lebensdauer eines Geräts in Nutzungsstunden angibt“. Die Industrie begrüßte die Studie. Der Branchenverband ZVEI sah seine Auffassung bestätigt, wonach es keine absichtlich eingebauten Sollbruchstellen in Hausgeräten gibt, die die Lebensdauer begrenzen. „Elektrogeräte sind langlebig“, hieß es. Zudem folge bei vielen Geräten eine Zweitnutzung. Die vom Umweltbundesamt vorgeschlagene Kennzeichnung bewerteten die Lobbyisten kritisch. „Eine verlässliche Kennzeichnung setzt voraus, dass die Haltbarkeit hinreichend genau messbar ist. Dies ist jedoch derzeit nicht gegeben.“

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.