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Überraschungskandidat aus den Niederlanden : Peter Terium wird neuer RWE-Chef

  • -Aktualisiert am

Peter Terium Bild: Essent

Im Kandidatenrennen hat sich auf der Zielgeraden ein in der deutschen Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannter Läufer durchgesetzt. Nach F.A.Z.-Informationen wird Essent-Chef Peter Terium neuer Vorstandsvorsitzender von RWE.

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          Die Suche nach dem künftigen Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns RWE ist beendet. Im Kandidatenrennen hat sich auf der Zielgeraden mit gutem Vorsprung ein in der deutschen Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannter Läufer durchgesetzt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider holt nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Peter Terium, den Vorstandsvorsitzenden der niederländischen RWE-Tochtergesellschaft Essent, als Nachfolger von Jürgen Großmann nach Essen zurück.

          Das ist eine Überraschung – sogar bis in den Vorstand von RWE hinein. Der Schachzug, den Schneider in enger Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsratskollegen und Allianz-Vorstandsmitglied Paul Achleitner vorbereitet hat, erinnert an den Wechsel an der Spitze des Eon-Vorstands im Jahr 2003.

          Schon Monate vor dem eigentlichen Stabwechsel hatte Hermann-Josef Strenger, der damalige Aufsichtsratsvorsitzende des Energieversorgers und Manfred Schneiders Vorgänger an der Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, den Stinnes-Vorstandsvorsitzenden Wulf Bernotat als Nachfolger der von Ulrich Hartmann und Wilhelm Simson gebildeten Doppelspitze präsentiert. Kaum jemand hatte Bernotat damals auf der Kandidatenliste gehabt.

          Peter Terium (rechts) wird Nachfolger des RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann (Foto von 2008)

          Peter Terium erfüllt viele Anforderungen

          Dasselbe gilt nun für Peter Terium. Angesichts der seit längerem in der Öffentlichkeit diskutierten Pattsituation zwischen den beiden amtierenden RWE-Vorstandsmitgliedern, die als Großmanns Nachfolger in Frage kämen, könnte sich die Wahl des 47 Jahre alten Niederländers als glücklich erweisen. Denn sowohl dem für die operative Führung zuständigen Rolf Martin Schmitz als auch dem für Strategie, Fusionen und Zukäufe sowie Forschung und Entwicklung verantwortlichen Leonhard Birnbaum fehlt im Aufsichtsrat von RWE die breite Zustimmung aus den beiden Aktionärslagern.

          Jeden der beiden kann man sich als RWE-Chef vorstellen. Aber der zuvor bei McKinsey sehr erfolgreiche Birnbaum kommt bei den kommunalen Aktionären nicht an. Und dem in der deutschen Energiewirtschaft angesehenen Schmitz fehlt nach Ansicht der Kapitalmarktvertreter die internationale Ausstrahlung, die der neue RWE-Chef für seine Herausforderungen in den nächsten Jahren braucht.

          Terium hingegen erfüllt viele Anforderungen. Nicht umsonst hätte der frühere RWE-Chef Harry Roels seinen Landsmann schon 2007 gern als seinen Nachfolger gesehen. Terium ist länger als die amtierenden Vorstandsmitglieder im Konzern tätig und hat sich in verschiedenen Führungsaufgaben zunächst unter Roels und danach unter Großmann bis an die Essent-Spitze hochgearbeitet. Das 2009 für 8,5 Milliarden Euro gekaufte Unternehmen war zehn Jahre zuvor durch die Fusion von kommunalen und regionalen Versorgern geschaffen worden. Terium leitete das RWE-Team, das diesen schwierigen Kauf vorbereitete. Und er musste als designierter Essent-Chef in den niederländischen Kommunen und Provinzen manches Vorurteil gegenüber dem deutschen Dickschiff RWE ausräumen.

          Terium begann als Chefcontroller für Sturany

          2002 hatte der damalige RWE-Finanzvorstand Klaus Sturany den niederländischen Steuerfachmann vom Verpackungsmittelhersteller Schmalbach-Lubeca abgeworben. Nach Stationen im niederländischen Finanzministerium und bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte Terium zwölf Jahre für Schmalbach-Lubeca gearbeitet.

          Im RWE-Konzern arbeitete der mit einer Brasilianerin verheiratete Vater zweier Kinder zunächst als Chefcontroller für Sturany. Er machte im Unternehmen schnell auf sich aufmerksam, als er 2004 im Vorstand von RWE Umwelt dafür sorgte, dass der teure Ausflug in das Entsorgungsgeschäft beendet wurde. 2005 wurden ihm die Leitung und der Ausbau der Handelsaktivitäten des Konzerns übertragen. Es folgte der Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden von RWE Supply & Trading, 2009 übernahm er im Gasgeschäft die Verantwortung für den Aufbau der Vertriebsorganisation für ganz Europa.

          Über Terium wird vor dem 8. August noch diskutiert

          RWE-Führungskräfte beschreiben ihren niederländischen Kollegen als ruhigen, kühlen Schnelldenker. Er sei entscheidungsstark und habe bewiesen, dass erauch gute, aber schwierige Manager führen könne. In den zurückliegenden Tagen hat er sich schon einflussreichen Aufsichtsräten der Kapitalvertreter vorgestellt.

          Ehe Terium vom Aufsichtsrat am 8. August in den Vorstand bestellt und zum designierten Nachfolger von Großmann erklärt werden kann, wird über ihn noch in einigen Gremien diskutiert und dabei sicher auch die Frage behandelt werden, ob Terium der geeignete RWE-Sprecher für die deutsche Politik ist. Im Ausland ist er schon als Vertreter der „neuen“ RWE aufgetreten: Vor kurzem hat er in Amsterdam den Aufbau der ersten flächendeckenden Ladeinfrastruktur für Elektroautos in den Niederlanden angekündigt und dabei die Entwicklungsarbeit von RWE gepriesen.

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