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Übernahmepläne : Ist Thyssen-Krupp bald ohne Stahl?

Angestellte der Stahlsparte von Thyssen-Krupp demonstrieren am Freitag in Düsseldorf für eine Beteiligung des Staates an dem Konzern. Bild: EPA

Der britische Konkurrent von Thyssen-Krupp, Liberty Steel, hat ein Übernahmeangebot vorgelegt. Die Arbeitnehmerseite kündigt Widerstand an. Sie findet, der Staat sollte helfen.

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          Der britische Stahlkonzern Liberty Steel will die komplette Stahlsparte von Thyssen-Krupp übernehmen. Am Freitag hat er ein erstes, noch nicht bindendes Angebot abgegeben. Es gebe großes wirtschaftliches Potential für den Zusammenschluss, weil sich die beiden Unternehmen mit Blick auf Werke, Produkte, Kunden und geographische Präsenz gut ergänzten, begründete Liberty die Offerte. Gemeinsam könnten Liberty und Thyssenkrupp den „Herausforderungen der europäischen Stahlindustrie besser begegnen“. Thyssen-Krupp kündigte eine sorgfältige Prüfung an. „Gleichzeitig werden wir die Gespräche mit anderen potentiellen Partnern in gleicher Weise wie bisher konsequent fortsetzen“, hieß es.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit dem Frühjahr sucht die Vorstandsvorsitzende Martina Merz nach Partnern oder Käufern für die notleidende Stahlsparte mit rund 27.000 Beschäftigten, rund ein Viertel der Gesamtbelegschaft. Kontakte soll es mit Tata Steel, dem schwedischen Anbieter SSAB und Baosteel aus China geben. Aber nur Liberty hat bisher tatsächlich ein Angebot vorgelegt. Wie es hieß, hatte Thyssen-Krupp dafür eine Frist bis zum Freitag gesetzt.

          Während die Börse jubelte und die Aktie von Thyssen-Krupp zeitweise fast ein Viertel an Wert gewann, kündigte die IG Metall Widerstand an und rief nach staatlicher Hilfe. „Wenn man uns dazu zwingt, bringen wir den gesamten Konzern auf die Straße“, sagte der Konzernbetriebsratsvorsitzende Dirk Sievers während einer seit längerem geplanten Demonstration auf der Rheinwiese in Düsseldorf. Rund 3000 Beschäftigte forderten dort eine Beteiligung des Staates am Stahlgeschäft.

          THYSSENKRUPP

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          Die Sparte steckt seit langem in einer tiefen Krise, die sich durch Corona verschärft hat. Allein in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres war ein Verlust von 700 Millionen Euro aufgelaufen. Besserung ist nicht in Sicht, auch deshalb, weil der gesamte Markt unter Überkapazitäten und hohen Einfuhren leidet. Merz hatte deshalb immer wieder betont, dass sich Thyssen-Krupp an einer Konsolidierungslösung beteiligen wolle.

          „Stahl ist systemrelevant“

          Das Unternehmen schaffe es nicht aus eigener Kraft, konstatierte der Stahl-Betriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol auf der Bühne. „Das ist die bittere Erkenntnis. Wir leiden seit Jahren unter Managementfehlern. Man hat uns im Stahl jahrelang wie Schmuddelkinder behandelt“. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kündigte auf der Veranstaltung finanzielle Hilfen für die Umstellung auf eine kohlendioxid-freie Stahlproduktion an, ließ sich aber nicht auf die Forderungen nach einer Staatsbeteiligung ein. „Thyssen-Krupp gehört zur DNA von Nordrhein-Westfalen, Stahl ist systemrelevant und wir können nicht akzeptieren, dass wir in Deutschland keine Stahlproduktion haben“, sagte Laschet. Zugleich mahnte er den Erhalt von Arbeitsplätzen und der Montan-Mitbestimmung an. „Thyssen-Krupp ist kein Ein-Euro-Geschäft, sondern beste Stahlqualität“, sagte Laschet. Das müsse jedem möglichen Partner im Ruhrgebiet klar sein.

          Liberty Steel macht nach eigenen Angaben jährlich Umsätze von rund 15 Milliarden Dollar (13 Milliarden Euro), beschäftigt etwa 30.000 Mitarbeiter an 200 Standorten in Europa, Asien, Nordamerika und Australien. Sanjeev Gupta, der Chef des Mutterkonzerns GFG Alliance, warb auf einer Pressekonferenz am Freitag um Unterstützung von Politik und Gewerkschaften für den Deal. Seine Unternehmensgruppe suche stets nach einem Ausgleich mit der Arbeitnehmerseite. Das Unternehmen habe gezeigt, dass es seiner Verantwortung für das lokale Umfeld und die Arbeitsplätze gerecht werde.

          Liberty verfolgt eine aggressive Expansionsstrategie

          Gemeinsam könnten Liberty und Thyssen-Krupp einen Marktführer für grünen Stahl in Europa schaffen. Der 49-jährige Gupta ist in Großbritannien und darüber hinaus schon seit Jahrzehnten als umtriebiger Stahlunternehmer bekannt. Er hat seit Jahren eine aggressive Expansionsstrategie verfolgt. 2017 kaufte er britische Spezialstahlfabriken von Tata für 100 Millionen Pfund dazu, die Stahl für den Flugzeugbau, Automobilhersteller und die Ölindustrie fertigen. Seinen Wunsch einer kompletten Übernahme der Stahlsparte von Tata Steel musste er zurückstellen. Damals hatte Thyssen-Krupp die Nase vorn, bevor die Fusion an Einwänden der EU-Kommission 2019 scheiterte. Stattdessen hat Gupta in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden in Australien investiert.

          Im nächsten Schritt will sich das Liberty-Management nun eingehend mit den Büchern von Thyssen-Krupp Steel beschäftigen. Nach dieser Due-Diligence sei potentiell ein verbindliches Angebot denkbar. In den Verhandlungen bekommt es der Essener Konzern mit einem alten Bekannten zu tun, der die eigene Stahlsparte bestens kennt: Deren früherer Chef Premal Desai wechselt Anfang 2021 als neuer Chief Operating Officer zur Liberty-Muttergesellschaft GFG Alliance. Wie GFG am Freitag mitteilte, soll er sich dort unter anderem um die weitere Geschäftsentwicklung und die Transformation zu grünem Stahl kümmern. Desai war erst Ende Februar bei Thyssen-Krupp ausgeschieden – angeblich im Streit über die künftige Stahlstrategie.

          Um wieder zur Konkurrenz aufzuschließen, hat der Konzern zusätzliche Investitionen von 800 Millionen Euro über die kommenden sechs Jahre in Aussicht gestellt. Unabhängig von einem Verkauf steht fest, dass 3000 Stellen gestrichen werden sollen. Bisher sind dafür sozialverträgliche Lösungen vorgesehen, betriebsbedingte Kündigungen schließt ein mit der Arbeitnehmerseite vereinbarter „Zukunftspakt Stahl“ bis zum Frühjahr 2026 aus. Zu einem möglichen Kaufpreis für die defizitäre Sparte wollten sich beide Seiten nicht äußern. Die Bewertung wird nicht zuletzt auch davon abhängen, was aus den hohen Pensionsverpflichtungen von derzeit rund 9 Milliarden Euro wird. Ein Teil davon soll mit Erlösen aus dem Verkauf der Aufzüge (17 Milliarden Euro) finanziert werden.

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