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Übernahmekampf um Alstom : General Electric geht auf die französische Regierung zu

GE-Energy-Chef Steve Bolze (rechts) trifft zusammen mit Konzernchef Jeff Immelt im Élysée-Palast in Paris ein Bild: AFP

Vor dem erwarteten Angebot von Siemens für Alstom setzt der amerikanische Konzern GE zur Offensive an. Die Rechnung der Franzosen scheint damit aufzugehen: Das gegenseitige Ausspielen der Rivalen stärkt ihre Verhandlungsposition.

          Der amerikanische Konzern General Electric ist offensichtlich bereit, im Übernahmekampf um das Industrieunternehmen Alstom Konzessionen gegenüber Frankreichs Regierung zu machen. So will GE unter anderem Investoren in den Geschäften Wasserkraft und Windkraft an Bord nehmen. Zu den vier derzeit schwerpunktmäßig mit der Regierung diskutierten Kernfragen gehören außerdem die Suche nach einer Lösung für die Transportsparte von Alstom. Neue Arbeitsplätze werden zugesichert. Die französischen Interessen im Nuklear-Turbinengeschäft sollen gewahrt bleiben.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Das hat erstmals offen Steve Bolze, Vorstandschef der Energiesparte von GE in einem Gespräch mit der F.A.Z. zum Ausdruck gebracht. Die am Donnerstagabend angekündigte verlängerte Frist für die Entscheidung über einen Zuschlag von Alstom in dem Übernahmepoker um drei Wochen geht über eine bloße Geste der Amerikaner hinaus. „Wir betrachten die Verlängerung der Frist als ein positives Signal“, sagt Bolze. „Wir haben jetzt eine Übereinkunft und Klarheit über die zeitliche Abfolge und den weiteren Prozess.“

          GE geht damit in die Offensive, zumal eine Offerte des deutsche Konkurrenten Siemens für Alstom unmittelbar bevor steht und in der nächsten Woche anstehen dürfte. Die Rechnung der französischen Regierung scheint derweil aufzugehen. Durch das gegenseitige Ausspielen der Rivalen kann sie ihre Position in den Verhandlungen stärken und mehr herausholen. Zufrieden gibt sich der Staat aber längst nicht und pokert weiter, indem er an einer dritten Option mit einer französischen Zukunftslösung der angeschlagenen Alstom arbeitet, genannt „Plan C“.

          „Wir machen Fortschritte“

          Bolze setzt dem entgegen: „Wir befinden uns in guten, konstruktive Gesprächen; wir machen Fortschritte.“ Beobachter rechnen damit, dass mit großer Wahrscheinlichkeit am 23. Juni eine Entscheidung fällt, wie immer sie auch ausfallen mag. GE ist nur am Energiegeschäft von Alstom interessiert, nicht an der Transportsparte mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV. Die Amerikaner bieten 12,65 Milliarden Euro in bar. Auch Siemens will nur die Energieaktivitäten mit Kraftwerksturbinen, Stromnetze und Windenergie. Die Deutschen legen einen Unternehmenswert von 11 Milliarden Euro zugrunde, wollen aber ihre eigenen Zugaktivitäten unter anderem mit dem ICE in eine neue Alstom als Tauschobjekt einbringen. Allerdings wird immer wieder daran gezweifelt, dass Siemens seine Offerte ernst meint und vielmehr taktiert, um die Amerikaner in Europa Außen vor zu halten.

          Steve Bolze kümmert das nicht. Er ist optimistisch, dass GE am Ende zum Zuge kommt – nicht zuletzt wegen des Entgegenkommen der Amerikaner gegenüber Frankreichs Regierung, die massiv in den Verkaufsprozess eingreift und die Präferenz von Alstom-Chef Patrick Kron für die Amerikaner durchkreuzt. Bolze kündigte an, dass GE auch im Interesse der Regierung auf der Suche nach Investoren für Alstom-Geschäfte ist. Zum einen soll die Wasserkraft offensichtlich abgetrennt werden, um einen Minderheitsanteil abzugeben. GE will allerdings das Sagen behalten. In der Windenergie sind alle Optionen für ein Investorenengagement möglich, bis hin zum Verkauf. „Wir suchen französische Investoren“, lädt Bolze zu Gesprächen ein und hat anscheinend schon Kontakte. „Bei der Wasserkraft bieten wir eine Minderheitsbeteiligung an; in der Windkraft können wir entweder verkaufen oder ebenfalls eine Minderheitsposition anbieten.“

          GE bringt die Signaltechnik ein

          In das Transportgeschäft von Alstom, an dem GE nicht interessiert ist, wollen die Amerikaner ihre Signaltechnik einbringen. „Wir helfen der Regierung, eine Lösung zu finden, um die Transportsparte zu unterstützen“, sagt Bolze. Die Signaltechnik gilt als ertragreicher als das „rollende Material“, wie Züge genannt werden. Deshalb ist Alstom-Chef Kron an der modernen Signaltechnik interessiert, um eine attraktive Bahngruppe als Nachfolgeunternehmen zu schmieden. Auch Gegenbieter Siemens erwägt offenbar, seine Signaltechnik einzubringen, obwohl dies zunächst nicht angedacht war.

          In einem die Franzosen besonders am Herzen liegenden Thema strebt GE eine Einigung mit dem Staat an: „Wir arbeiten an einer Lösung, die sicher stellt, dass die Interessen der Kunden bei den Kernkraftwerksturbinen gewahrt bleiben“, spricht der Amerikaner die Frage nach der Zukunft des Nukleargeschäftes von Alstom an. Da Atomkraftwerke eine große Bedeutung haben, handelt es sich hier um sensibles und politisches Thema. Allen voran der französische Stromversorger EDF und dem Atomkraftwerkbauer Areva geht es um Liefersicherheit. EDF ist als Kraftwerksbetreiber nicht an der Übernahme der Nuklear-Turbinen interessiert. Eine Option könnte der Erwerb durch Areva sein, damit dieses Geschäft in französischer Hand bleibt.

          Unter dem Strich mehr Arbeitsplätze

          Der vierte Kernpunkt der Gespräche mit der Regierung ist die Zukunft der Arbeitsplätze von Alstom, um die seit Bekanntwerden der Übernahmepläne von GE Mitte April große Sorge ausgebrochen ist. „GE wird unter dem Strich die Belegschaft in Frankreich weiter ausbauen“, versichert Bolze. Er wiederholt die Zusicherung, in Frankreich vier Zentralen für das weltweite Geschäft von GE in den Bereichen Wasserkraft, Stromnetze, Windkraft sowie für die Dampfturbinen anzusiedeln. Das erkläre sich schon daraus, dass Alstom im Dampfturbinengeschäft größer als GE sei, die ihre Stärken bei Gasturbinen habe. Die Franzosen seien zudem im Netzgeschäft wichtiger, während die Amerikaner in der Wasserkraft bislang nicht engagiert sind. Schließlich sei GE seit über 40 Jahren in Frankreich tätig und beschäftige 10 000 Mitarbeiter dort.

          Alstom und GE würden sich von den Produkten und den Technologien her sowie geographisch weitgehend ergänzen. Daher erwartet Bolze auch keine nennenswerten kartellrechtlichen Probleme. „Unser Angebot ist gut für Frankreich, gut für Alstom und gut für GE.“ Schließlich habe sich der globale Energiemarkt verändert, sich seit 2008 schwächer entwickelt als die Wirtschaftsleistung in den jeweiligen Märkten. Der Wettbewerb werde härter, das Umfeld schwieriger.

          Damit hatte der französische Übernahmekandidat zunehmend Probleme, verlor er doch immer mehr an kritische Größe. „Wir würden Alstom die richtige globale Größe geben, das notwendige breite Produktangebot und die richtige Technologievielfalt“, wirbt Bolze für das Anliegen der Amerikaner.

          Einfluss des Staates nicht überraschend gekommen

          Die erhebliche Intervention durch den französischen Staat muss der GE-Energiechef als gegeben akzeptieren: „Es gibt einen lebhaften Dialog mit der Regierung“, sagt er. „Wir sind von Anfang an von einem starken Engagement der Regierung ausgegangen.“ Alstom sei schließlich eine Institution in Frankreich, und Energie gehöre zu den strategisch wichtigen Branchen. Was Bolze nicht davon abhält, am Ende vom Erfolg überzeugt zu sein.

          Sollte der Zuschlag Ende Juni zugunsten von GE kommen: Die richtige Arbeit beginnt dann erst, nach dem Mitte 2015 erwarteten Vollzug der Übernahme. „Wenn der Deal abgeschlossen ist, wird die Integration noch viel Arbeit bereiten“, sagt Bolze. Er kennt sich damit aus. Der Manager leitete vor zehn Jahren schon die Integration des britischen Medizintechnikunternehmens Amersham, den GE vor zehn Jahren für damals 10 Milliarden Dollar gekauft hatte.

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