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Übernahmekampf gegen ACS : Qatar steigt bei Hochtief ein

  • -Aktualisiert am

Qatar springt Hochtief als „weißer Ritter” bei Bild: AP

Die Investmentgesellschaft des arabischen Emirates Qatar kauft neue Aktien des Baukonzerns und ist künftig mit gut 9 Prozent beteiligt. Der spanische Hauptaktionär von Hochtief, der Baukonzern ACS, war über die Transaktion nicht vorab informiert.

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          Mitten in der laufenden Übernahme durch den spanischen Bau- und Dienstleistungskonzern ACS präsentiert der Vorstand von Hochtief einen neuen Großaktionär. So steigt die Qatar-Holding LLC mit etwas mehr als 9 Prozent bei Deutschlands größtem Baukonzern ein. Der wohlhabende Wüstenstaat, der soeben den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 erhalten hat, zeichnet eine Kapitalerhöhung um rund zehn Prozent, die Hochtief unter Ausschluss des Bezugsrechts der Altaktionäre vornimmt. Die unter teilweiser Nutzung des von der Hauptversammlung im Mai geschaffenen genehmigten Kapitals erfolgende Kapitalaufstockung war am Wochenende vom Ad-hoc-Ausschuss des Hochtief-Aufsichtsrats genehmigt worden. In diesem Ausschuss ist der Großaktionär ACS nicht vertreten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Die Partnerschaft ist langfristig ausgelegt und bietet beiden Partnern weitreichende strategische Perspektiven“, bekräftigte der Vorstandsvorsitzende Herbert Lütkestratkötter am Montag in einer Telefonkonferenz. Schon früh in diesem Jahr habe man über eine mögliche Beteiligung gesprochen, trat er Vermutungen entgegen, es werde jetzt ein weißer Ritter im Abwehrkampf gegen ACS präsentiert. Dieser Schritt gehöre nicht in die Kategorie „Defense“, also Abwehr, sondern sei eine strategische Maßnahme im Sinne aller an dem Unternehmen Interessierten.

          Die Qatar Holding habe die Stärken und exzellenten Geschäftsaussichten von Hochtief erkannt und sehe die klaren Vorteile einer engen Zusammenarbeit, sagte er weiter. Stark geholfen hat nach seiner Überzeugung das hohe Ansehen, das Deutschland und seine Repräsentanten Angela Merkel und Christian Wulff in dem Emirat Qatar genießen. Der Hochtief-Chef bestätigte, dass er vor wenigen Wochen am Rande eines Besuches des Ministerpräsidenten von Qatar in Berlin die Gelegenheit hatte, mit Vertretern des Emirates zu sprechen, so wie es auch andere Vertreter der Wirtschaft getan hätten. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle wertete das Engagement aus Qatar am Montag als erfreulich. Es unterstreiche die Attraktivität und Offenheit Deutschlands als Investitionsstandort. „Die Nachricht bestätigt, dass wir goldrichtig damit gelegen haben, dass sich der Staat auch bei Hochtief zurückgehalten und nicht eingemischt hat“, erklärte er.

          ACS-Anteil wird sich verwässern

          Die Kapitalerhöhung, über die Hochtief bei einem Ausgabekurs von etwas mehr als 57 Euro je Aktie knapp 400 Millionen Euro zufließen, soll noch in diesem Jahr eingetragen werden. Ob die Staatsholding weitere Zukaufspläne hat, vermochte Lütkestratkötter nicht zu sagen. Es besteht aber die Ermächtigung zu einer weiteren Kapitalerhöhung um bis zu 20 Prozent. Der Kurs der Hochtief-Aktie sprang nach Bekanntwerden des Qatar-Einstiegs um fast 6 Prozent auf über 63,50 Euro. Nach der Kapitalerhöhung wird sich der Anteil von ACS an Hochtief von derzeit knapp 30 Prozent auf rund 27 Prozent verwässern. Die Spanier haben in der vergangenen Woche ihre Übernahmeofferte veröffentlicht und streben eine knappe Mehrheit an dem Baukonzern an.

          Hochtief will den Mittelzufluss für das angekündigte Wachstum unter anderem in Indien, Kanada und im Bereich Windkraft nutzen. Auch in Qatar wollen die Essener ihre Bauingenieurskunst weiter einbringen. Um die Fußballweltmeisterschaft ausrichten zu können, benötigt das Emirat Unternehmen, die den Bau der Stadien und der neuen Infrastruktur überwachen. Die Fußballstadien sollen emissionsfrei mit Solarpanelen gekühlt werden.

          Interesse an Hochtief wiederholt dementiert

          Qatar hatte in den vergangenen Wochen ein Interesse an Hochtief wiederholt dementiert. Der staatliche Immobilienentwickler Qatari Diar hat schon mit Hochtief ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das in der Hauptstadt Doha den neuen Stadtteil Lusail entwickelt. Dort sollen 200.000 Menschen wohnen und Fußballstadien gebaut werden. Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt ist die Barwa Commercial Avenue, eine mehr als acht Kilometer lange Einkaufs- und Geschäftsstraße in Doha.

          Die führenden Mitglieder der Herrscherfamilie Al Thani äußern sich begeistert über die deutsche Technologie und fahren meist Porsche. So hatte die Qatar Holding an Volkswagen 17 Prozent der Stammaktien erworben. Die Qatar Holding ist als Tochtergesellschaft der Qatar Investment Authority für langfristige strategische Investitionen zuständig. Dazu soll sie ein globales Investmentportfolio aufbauen. So hat sie an der London Stock Exchange 20 Prozent erworben, an der Credit Suisse 9,9 Prozent und an der brasilianischen Tochter der Banco Santander 5 Prozent. Für 1,5 Milliarden Pfund übernahm sie im Mai das Londoner Kaufhaus Harrods. Die QIA selbst hält 24 Prozent an der Immobiliengesellschaft Songbird Estates, der das Londoner Geschäftsviertel Canary Wharf gehört.

          Chronik des Übernahmeversuchs:

          21. März 2007: Die Gruppe Actividades de Construcción y Servicios (ACS) übernimmt für fast 1,3 Milliarden Euro knapp 25,1 Prozent an dem deutschen Konkurrenten. Das spanische Unternehmen bekräftigt, es strebe keine Übernahme von Hochtief an und wolle das Unternehmen als eigenständigen Konzern erhalten.

          22. August 2008: Erste Berichte über eine angeblich drohende Zerschlagung von Hochtief: ACS, das inzwischen 29,98 Prozent von Hochtief hält, interessiert sich demnach vor allem für die Töchter Turner und Leighton, in denen das amerikanische sowie das australische und asiatische Geschäft gebündelt ist. Andere Konzernteile sollen an den zweiten Hochtief-Großaktionär Deripaska gehen, der knapp zehn Prozent der Anteile hält. Die Hochtief- Großaktionäre weisen den Bericht zurück.

          16. September 2010: ACS-Chef Florentino Pérez kündigt ein Übernahmeangebot in Höhe von 2,7 Milliarden Euro an. Die Spanier wollen knapp über 50 Prozent von Hochtief übernehmen und den größten Baukonzern der westlichen Welt schmieden. Mit einem gemeinsamen Umsatz von annähernd 35 Milliarden Euro würden beide Unternehmen nur noch von zwei chinesischen Unternehmen übertroffen. Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter zeigt sich von der Offerte überrascht und wirft ACS mangelnde Absprachen des Angebots vor. Der Vorstand will gegen den als „feindlichen“ Übernahmeversuch vorgehen.

          6. Oktober 2010: Die in Bedrängnis geratenen Essener schalten die australische Börsenaufsicht Asic ein. Damit will Hochtief erreichen, dass ACS bei einer Übernahme von Hochtief auch ein Angebot für die vollständige Übernahme der australischen Hochtief-Tochter Leighton vorlegen müsste. Das könnte den ACS-Einstieg deutlich verteuern.

          15. Oktober 2010: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnt vor einer Zerschlagung des deutschen Baukonzerns. Nordrhein-Westfalens Landesregierung unter Führung von SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigt eine Gesetzesinitiative zur Abwehr feindlicher Übernahmeversuche an. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kritisiert Krafts Vorgehen. Die Gesetze seien „hinreichend“.

          25. Oktober 2010: Merkel bringt das Emirat Katar als Großaktionär ins Spiel. Die Bundeskanzlerin habe ein Gespräch zwischen Lütkestratkötter und dem Wirtschaftsminister des Emirats vermittelt, berichtet der „Spiegel“.

          8. November 2010: Neue Schlappe für Hochtief: ACS wird nicht zu einem Zwangsangebot für die australische Tochter Leighton verpflichtet. Die Übernahmeaufsicht in Sydney lehnt entsprechende Anträge von Hochtief und Leighton ab.

          11. November 2010: Im Abwehrkampf will Hochtief nun seine Bilanz aufpolieren, Töchter abstoßen und in neue Geschäftsfelder vordringen. Durch den Verkauf von Teilen der Infrastruktur-Tochter Concessions soll das Vorsteuerergebnis des Konzerns bereits 2011 um zwei Drittel auf rund eine Milliarde Euro steigen.

          29. November 2010: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gibt grünes Licht für eine Übernahme. Zwischenzeitlich hatte die BaFin Bedenken, ob das ACS- Angebot rechtmäßig ist. Sie hatte sich deswegen ungewöhnlich viel Zeit für die Prüfung gelassen. Die Spanier können nun - wenn sie genügend Verkäufer finden - ihren Anteil zunächst von knapp unter 30 auf über 30 Prozent ausbauen und sukzessive die Mehrheit übernehmen.

          1. Dezember 2010: ACS legt sein bereits bekanntes Übernahmeangebot offiziell vor. Die Annahmefrist läuft bis zum 29. Dezember.

          6. Dezember 2010: Das Emirat Qatar erwirbt im Rahmen einer Kapitalerhöhung zunächst 9,1 Prozent der Hochtief-Anteile. Das genügt zwar noch nicht, um die ACS- Übernahme abzuwehren, dürfte aber die Pläne der Spanier kräftig durcheinanderwirbeln.

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          Unser Autor: Cai Tore Philippsen

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