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Übernahmeangebot bei Hawesko : Aufruhr in Jacques’ Weindepot

Eine Filiale von Jaques´ Weindepot in Frankfurt. In ganz Deutschland gibt es rund 380 Depots. Bild: Eilmes, Wolfgang

Deutschlands größter Weinhändler wehrt sich gegen eine feindliche Übernahme. Der Angreifer kommt aus den eigenen Reihen. Was ist da nur los?

          Die Contenance zu wahren liegt Alexander Margaritoff im Blut, selbst angesichts des größten Anschlags auf seine berufliche Karriere. „Überrascht“ sei er gewesen über das völlig unerwartete Übernahmeangebot seines Mitgesellschafters Detlev Meyer, sagt der Vorstandsvorsitzende des Hanseatischen Wein & Sekt Kontors, besser bekannt unter dem Firmennamen Hawesko, und noch besser bekannt als Dach von Deutschlands größter Weinhandelskette Jacques’ Weindepot. „Überrascht“ darüber, dass der bisher zweitgrößte Aktionär aus heiterem Himmel ankündigte, die Kontrolle über „sein“ Unternehmen übernehmen zu wollen, das der ausgewiesene Weinkenner seit 33 Jahren führt - ohne Absprache mit ihm und selbstverständlich ohne sein Einverständnis. In der Sprache der Manager heißt so etwas „feindliche Übernahme“. Das Delikate an diesem Fall: Der Angreifer kommt aus der Mitte dieser feinen hanseatischen Gesellschaft - aus dem Aufsichtsrat des Unternehmens.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          In dieser Konstellation lediglich „überrascht“ zu sein, dürfte eine der größten Untertreibungen in Margaritoffs Leben sein. Doch viel spricht dafür, dass der Angriff vor einem Monat den 62-jährigen Unternehmenschef tief getroffen hat. Seitdem jedenfalls ist Hawesko im Ausnahmezustand. Alle Energie fließt nicht mehr in die Auswahl erlesener Tropfen, sondern in die Abwehr des öffentlichen Übernahmeangebots: Banken erstellen Gutachten, Anwälte prüfen die Rechtslage, Vorstand und Aufsichtsrat geben auf Dutzenden von Seiten sorgfältig ausformulierte Stellungnahmen ab. Das ist der Albtraum eines jeden Unternehmenslenkers. Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten, da hat man im Weingeschäft wahrlich Besseres zu tun.

          Vertrauensbruch, Enttäuschung und verletzte Eitelkeit

          Die Angelegenheit als skurrilen Machtkampf zweier Alphatiere abzutun wäre zu kurz gegriffen. Tatsächlich ist es ein Lehrstück über das Leben: Es hat nur bedingt mit Umsatzsteigerungen und Unternehmenszielen zu tun, sondern viel mit Vertrauensbruch und Enttäuschung, mit verletzter Eitelkeit und groben Missverständnissen. Das ist der Stoff, aus dem nicht nur Familiendramen gemacht werden, sondern auch Firmenkrisen. Nur selten lässt sich das so gut beobachten wie derzeit bei Hawesko.

          Was besonders schmerzt: Der Angriff kommt ausgerechnet von Meyer, mit dem man sich doch eigentlich ganz gut verstand. Seit knapp zehn Jahren ist er schon Gesellschafter im Unternehmen, hielt bisher fast 30 Prozent der Anteile und damit nur geringfügig weniger als Margaritoff selbst. Meyer ist ein offener Typ, ein wenig handfester als der freundlich-vornehme Herr Margaritoff. Einer, der viel lacht und optimistisch - geradezu vergnügt - in die Welt blickt. Beide haben eine innige Beziehung zu ihrem Verkaufsprodukt: Guter Wein trennt nicht, guter Wein verbindet.

          Das alles ergibt keinen Sinn. Wer nach dem Grund dieses Frevels suchen möchtet erntet in erster Linie eins: Ratlosigkeit. Denn Meyers Absichten sind alles andere als offensichtlich: Er zielt auf eine Änderung der Dividendenpolitik, die er schlicht zu großzügig findet. Bisher hat Hawesko fast seinen gesamten Gewinn an die Aktionäre ausgeschüttet. Das ist zu viel, findet Meyer, er will den Betrag halbieren und sorgt damit schon gleich für Stirnrunzeln. Was kann ein Großaktionär an fetten Dividendenausschüttungen auszusetzen haben?

          Das Problem ist die Nachfolgeregelung

          Klarer scheint da schon die zweite Forderung zu sein: Eine Nachfolgeregelung für Margaritoff, der inzwischen 62 Jahre alt ist und schon seit mehr als 30 Jahren die Geschicke des Unternehmens lenkt. Hier versucht also jemand, den Firmenpatriarchen unsanft vom Thron zu stoßen. Doch selbst das ist nicht stichhaltig: Einen eigenen Thronfolger hat der Widersacher noch gar nicht präsentiert. Er habe auch keinen, sagt er. Und schließlich hat Meyer selbst erst im Februar dem Vorstandschef eine Verlängerung seiner Vertragslaufzeit um fünf Jahre zugestanden. Und er würde es wieder tun. „Der Mann ist wahnsinnig wichtig.“ Margaritoffs Charisma öffnet die Türen zu den exquisiten Weingütern dieser Welt. Seine Verbindungen sind exzellent und für Hawesko unverzichtbar. Was also will dieser Meyer? Margaritoff jedenfalls weiß es nicht: „Die Gründe von Herrn Meyer sind für mich nicht schlüssig. Einfluss auf die Strategie hätte er schon im Aufsichtsrat nehmen können.“

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