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Übernahme von Continental : Warten auf die Hiobsbotschaft

In dieser Woche könnten die Weichen bei Schaeffler/Conti gestellt werden Bild: dpa

Im Ringen um staatliche Hilfen für Schaeffler und Conti kommt es an diesem Dienstag zu einem Rettungsgipfel in der Münchner Staatskanzlei. Vielleicht werden die Schaefflers die Karten auf den Tisch legen und benennen, wieviel Hilfe sie brauchen. Klar ist nur: Mit der Übernahme hat sich das Unternehmen völlig verhoben.

          Das Gerüst ist zusammengebrochen. Seit Monaten machen Maria-Elisabeth Schaeffler und Jürgen Geißinger, seines Zeichens Vorsitzender der Geschäftsführung des Automobilzulieferers Schaeffler KG, Garantieaussagen über die sichere Finanzierung der Übernahme der Continental AG. Und fast genauso lange gibt es in der Öffentlichkeit Zweifel über die Stichhaltigkeit solcher Versicherungen. Inzwischen ist klar: Sie sind wertlos.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Am Montag bestätigte ein Regierungssprecher der Bundesregierung in Berlin, dass es fortgeschrittene Gespräche gibt über Hilfen der Bundesländer Bayern und Niedersachsen, die am stärksten von einer Schieflage betroffen wären. Während in Hannover die „Gummisparte“ mit den Autoreifen und Schläuchen (Contitech) von Continental sitzt, liegen in Schweinfurt und in Regensburg die Geschäftsschwerpunkte von Schaeffler; hinzu kommt die Automobiltechnik in Frankfurt mit der früheren Siemens VDO. Die Unternehmen hingegen äußerten sich nicht zu den Berichten über geplante staatliche Hilfen. Die Bayerische Staatsregierung wiederholte gestern lediglich, dass es Gespräche gebe, die aber noch nicht zum Abschluss gekommen seien. Vereinbarungen oder Hilfszusagen gebe es nicht.

          Gipfeltreffen in Bayern, Vorfühlen in Berlin

          Ein Berliner Regierungssprecher machte klar, dass es keine Bitte um Bundeshilfe seitens der mit insgesamt 22 Milliarden Euro hoch verschuldeten Schaeffler/Conti-Gruppe gebe. Allerdings ist aus Unternehmenskreisen zu hören, dass Schaeffler angeblich schon in Berlin vorfühlte. Damit aber wird hochsensibles Terrain betreten. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat seinen Wahlkreis just dort, wo das industrielle Herz von Schaeffler - sprich die Produktion von Kugel- und Wälzlagern - schlägt: in Schweinfurt. Dem Berliner Regierungsmitglied werden freundschaftliche, ja persönliche Kontakte zu Maria-Elisabeth Schaeffler und Jürgen Geißinger nachgesagt. Jede Verbindung zu Staatshilfen würde zum Politikum werden.

          An diesem Dienstag spielen die Schaefflers zunächst einmal die bayerische Landeskarte: Frau Schaeffler und ihr Sohn Georg, die alleinigen Eigentümer der Gruppe, sowie Geißinger und sein Rechtsberater Rolf Koerfer treffen sich mit Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in der Bayerischen Staatskanzlei. Vielleicht legen die Schaefflers dann die Karten offen auf den Tisch und benennen Art und Umfang der Hilfe, die sie benötigen. Nur wenn klar ist, welches Konzept den erwünschten Bürgschaften zugrunde liegt, soll es am Donnerstagmorgen ein weiteres Gipfeltreffen geben, an dem neben den Schaeffler-Vertretern auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sowie Seehofer teilnehmen sollen.

          Staatshilfe für hoch verschuldete Conti verwundert

          Die geplante Unterstützung für Continental verwundert schon. Gerade erst hatte das Hannoveraner Unternehmen mit seinen Gläubigerbanken eine neue Schulden-Vereinbarung getroffen. Continental hat 12 Milliarden Euro Bankschulden, weil sie vor gut einem Jahr den Autozulieferer Siemens VDO übernommen und diesen Kauf größten Teils mit Krediten finanziert hatte.

          Die Schaeffler-Gruppe, so viel steht nun fest, hat sich mit der umkämpften Übernahme von Continental völlig verhoben. In den Hintergrund getreten ist der gerade erst am Samstag erzielte Burgfrieden zwischen Nord- und Süddeutschen, wonach Hubertus von Grünberg als Conti-Aufsichtsratsvorsitzender zurücktritt, aber noch Aufsichtsratsmitglied bleibt. Noch vor der Hauptversammlung am 23. April sollen die vier direkt entsandten Vertreter des fränkischen Familienunternehmens mitsamt Maria-Elisabeth Schaeffler einziehen. Dieser Einigung ging in der vergangene Woche ein unappetitlicher, öffentlich ausgetragener Schlagabtausch voraus.

          Die Krise platzte mitten in die Übernahme

          Das ist Schnee von gestern. Die Reaktion an der Börse mit einem Kurssturz von bis zu 28 Prozent am Montag zeigt die Betroffenheit über die nun nicht mehr zu bezweifelnde Notlage von Schaeffler. Die Franken haben den früheren Conti-Aktionären erst vor drei Wochen 75 Euro für ein Papier bezahlt, das gestern gerade einmal rund 14 Euro Wert war. Schaeffler hat schuldenfinanziert 10 Milliarden Euro ausgegeben für 90 Prozent eines Unternehmens, das heute an der Börse nur noch gut 2 Milliarden Euro auf die Waage bringt.

          Die Finanz- und die Absatzkrise der Autoindustrie platzten in die Übernahme, und die Probleme wuchsen in den vergangenen Monaten in den Himmel. Das Ergebnis ist desaströs: Wie zu hören ist, benötigt Schaeffler Eigenkapital in einer Größenordnung von 3,5 bis 4 Milliarden Euro; die mit den sechs kreditgebenden Banken - darunter Commerzbank, Dresdner Bank, Royal Bank of Scotland und Hypo-Vereinsbank - vereinbarten Verschuldungsgrenzen, so genannte Covenants, sollen bezogen auf das operative Ergebnis bereits gerissen, zumindest aber fast erreicht sein. Um aus dieser Not zu kommen, soll Geißinger seit acht Wochen nach Investoren suchen - unter anderem in Russland und im arabischen Raum. Offenbar ist das Unternehmen tatsächlich bereit, externen Investoren eine Minderheitsbeteiligung einzuräumen.

          Verzweifelte Rufe nach dem Staat

          Doch bislang hat keiner angebissen - daher ruft Geißinger nun verzweifelt nach der Hilfe des Staates. Gerüchte über die Investorensuche Geißingers gibt es schon länger. Das Unternehmen hat sie entweder nicht kommentiert oder dementiert. Am Montag lehnte es jeden Kommentar gegenüber der F.A.Z. ab: „Das sind Spekulationen, zu denen sich Schaeffler nicht äußert“, sagte ein Unternehmenssprecher.

          Am Montagabend kommt die Wende. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters gibt der von Herzogenaurach entsandte neue Conti-Aufsichtsratsvorsitzende Rolf Koerfer zu, dass das Familienunternehmen einen Investor sucht, der sich an dem Automotive-Geschäft von Conti und Schaeffler beteiligen soll. Damit ist die monatelang aufrecht erhaltene Fassade gefallen: Schaeffler steckt in einer tiefen Krise.

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