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Turkish Airlines im Steigflug : Erdogans Flugkapitän

Ahmet Bolat Bild: Turkish Airlines

Turkish Airlines fliegt von Erfolg zu Erfolg. Ahmet Bolat ist Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft, die für Ankaras Wirtschaftsstrategie eine besondere Rolle spielt.

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          Es herrscht Krieg in vielen Nachbarstaaten der Türkei, und der Energiepreisanstieg hat die Inflation im Land auf mehr als 85 Prozent getrieben. Doch die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines spürt keine Krise. Die Zahlen, die der Vorstandschef Ahmet Bolat unlängst für das dritte Quartal meldete, sind vielmehr eine Machtdemonstration: Der Nettogewinn nach neun Monaten übertrifft mit 2,3 Milliarden Dollar den der Lufthansa von 484 Millionen Euro fast um das Fünffache. Obwohl Lufthansa von Januar bis September mit mehr Maschinen und Personal fast doppelt so viel Umsatz wie Turkish Airlines verbuchte: 24 Milliarden Euro statt 13,7 Milliarden Dollar.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Über das Jahr gerechnet, erwarten die Istanbuler 75 Millionen Passagiere und 18 Milliarden Dollar Umsatz, was ein Rekord wäre. Die Luftfracht weist ebenfalls starke Zuwächse aus. Läuft das Geschäft wie geplant, könnte der Jahresgewinn gemessen an der Netto-Umsatzrendite von 16,5 Prozent am Ende 4 Milliarden Dollar betragen. Das freut Aktionäre und Beschäftigte. Jeder der 72.000 Mitarbeiter bekam vorige Woche einen Jahresbonus von 2800 Dollar ausgezahlt.

          Aus der Pandemie sind die vielfach für ihre Kundenfreundlichkeit ausgezeichneten Istanbuler gestärkt herausgeflogen: „Das ist wirklich eine Erfolgsgeschichte“, sagt Airline-Chef Ahmet Bolat gut gelaunt Besuchern aus Deutschland beim Abendessen in Istanbul. Und er hat noch viel mehr Appetit. „Nächstes Jahr werden wir unsere Kapazität weltweit um 17 Prozent ausweiten, die nach Europa um 20 Prozent.“ Eine Kampfansage an die Konkurrenz.

          Nachdem sich türkischstämmige Gäste in Deutschland über hohe Preise beschwerten, sind nun für 2023, das Wahljahr in der Türkei, Rabattangebote und mehr Flüge der Billigflugtochter Anadolu im Gespräch. Turkish Airlines nutzt dabei den Vorzug, in Deutschland so viele Flughäfen anfliegen zu können, wie man will. Aktuell sind es elf.

          Ein Maschinenbauer als Chefflieger

          Seit fast zehn Monaten ist der gelernte Maschinenbau-Ingenieur Ahmet Bolat Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft, von der 49 Prozent dem türkischen Staatsfonds gehören, den wiederum Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beaufsichtigt. Dass Bolat den Spitzenjob einmal bekommen würde, war alles andere als ausgemacht. Doch dann legte Vorgänger Mehmet Ilker Aycı überraschend (und, wie Eingeweihte wissen wollen, nicht ganz freiwillig) das Amt nieder. Auf den 50-Jährigen folgte der heute 63 Jahre alte Bolat. Nicht eben eine Verjüngungskur. Doch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan weiß, was er an ihm hat, fachlich und auch sonst. Seit 17 Jahren gehört Bolat zum Führungskreis der Turkish Airlines, seit 2012 als Chief Investment und Technology Officer. Sein Team hat 550 Flugzeuge für die Gesellschaft gekauft oder geleast. International war er unterwegs, um Allianzen zu schmieden – solange sie der Türkei vorteilhaft erschienen. Die vor zehn Jahren erwogene engere Kooperation mit der Lufthansa gehörte nicht dazu. Heute berichtet Bolat strahlend von guten Kontakten und Beziehungen zu Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Er ist ein netter Kerl.“

          Der schier unaufhaltsame Aufstieg des Star-Alliance-Mitglieds Turkish Airlines zu einer der größten Fluggesellschaften der Welt ist auch Bolats Werk. Keine Fluggesellschaft kennt mehr Ziele: 128 Staaten, 321 Städte, 326 Flughäfen. Trotz aller Weltläufigkeit erscheint Bolat als erdverbundener Typ, wenn er über Familie und Enkel berichtet oder von seiner großen Liebe zu Istanbul, wohin es den im zentralanatolischen Konya Geborenen in seinem ersten Lebensjahr verschlagen hat: „Ich bin sehr stolz auf Istanbul.“

          20 Jahre seines Lebens hat er dennoch im Ausland verbracht. Das waren jene Jahre, die Historiker heute als Zeit der Liberalisierung und der darauffolgenden politischen und wirtschaftlichen Stagnation beschreiben. Wie viele Topmanager der türkischen Wirtschaft hat Bolat in den Vereinigten Staaten studiert. Von 1985 bis 1988 verdiente er Geld und Meriten als Assistent und Assistenzprofessor an der Universität von Michigan.

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