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Präsident der TU München : „Die Welt wartet nicht mehr auf Deutschland“

Will München „im Bereich der Maschinenintelligenz ganz nach vorne bringen“: Thomas Hofmann Bild: Alexander Armbruster

Thomas Hofmann ist Präsident der Technischen Universität München. Er hält die deutsche Mentalität manchmal für zu zögerlich – und will das auch mit seiner Hochschule ändern.

          6 Min.

          Herr Professor Hofmann, wer an der Haltestelle des Campus Ihrer Universität in Garching aussteigt, erlebt derzeit ganz analogen Wandel – eine Baustelle. Was passiert dort gerade?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Garchinger TUM-Campus ist eine permanente Baustelle, und das ist gut so, weil die Universität natürlich einer ständigen Veränderung unterliegt und neue, zukunftsfähige Themen in Forschung, Lehre und Innovation aufgreift.

          Welches Thema beschäftigt Sie jetzt?

          Wir wollen Hürden abbauen, um einer kooperativen Arbeitskultur über Grenzen einzelner Disziplinen hinweg neuen Raum zu geben. Zum Beispiel in gemeinsam genutzten und missionsgetriebenen Forschungsgebäuden, um Interdisziplinarität zur neuen Disziplin zu machen.

          Warum?

          Das Innovationspotential ist am größten an den Grenzflächen der Disziplinen und nicht in den ausgetretenen Trampelpfaden einzelner Fächer. Diese neue Arbeitskultur, die tiefgehende Expertisen aus den einzelnen Disziplinen zu verknüpfen hilft, wollen wir nicht nur auf Ebene der Professorinnen und Professoren, sondern auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs – den Doktorandinnen, Doktoranden sowie den Post-Docs – nachhaltig implementieren.

          Was bedeutet das konkret?

          Nehmen wir das Beispiel der Quantentechnologien. In einem neuen Gebäude für Quantum-Engineering, welches gegenwärtig in Garching entsteht, wollen wir unsere langjährige Expertise in Physik, Mathematik und Chemie im Bereich der Quantenwissenschaften mit der Expertise der Elektrotechnik und Informationstechnik sowie der Informatik zusammenbringen, um die Erkenntnisse zu Quanten-Phänomenen in anwendbare Hochleistungstechnologien umzuwandeln – etwa im Bereich der Quantensensorik, der Quantenkommunikation oder des Quantencomputings. Und das erreichen wir nur, indem wir neue, tragfähige Brücken zwischen den Disziplinen bauen.

          Hat die deutsche Wirtschaft zu große Angst davor, Fehler zu machen?

          Wenn Sie mit existierenden Produkten oder Dienstleistungen erfolgreich sind, ist natürlich die Motivation gering, neue Pfade zu gehen – dem gegenüber steht die Mentalität eines Start-ups, das nichts zu verlieren hat und auf Teufel komm raus eine tolle Idee in ein transformatives Geschäftsmodell umsetzen möchte. Die Welt wartet nicht mehr auf Deutschland.

          Was fehlt unseren Start-ups?

          Einmal die Kraft und die Geschwindigkeit, schnell zu wachsen. Die Vereinigten Staaten, aber zunehmend auch Asien, haben den Vorteil, dass ihre Märkte wesentlich größer sind und nicht so fein zergliedert wie hier in Europa. Start-ups können dadurch wesentlich schneller skalieren und Marktanteile gewinnen. Zudem sind in den Vereinigten Staaten und Asien die Investoren mutiger und verfügen über eine deutlich größere Finanzkraft. Deren Hebelwirkung, um zukunftsweisende Ideen in neuen Produkten zu realisieren und diese schnell zu skalieren, ist in Deutschland kaum zu finden. Es heißt immer, wir brauchen mehr Start-ups, und das ist auch richtig. Aber viele Hochschulen, die wichtigsten Startrampen für Start-ups, machen das inzwischen sehr gut.

          Auch die TUM?

          An der TUM entstehen mittlerweile 70 bis 80 Tech-Start-ups pro Jahr, da sind wir fast gleichauf mit Stanford. Aber dort skalieren sie einfach viel schneller, sind mutiger, Investoren engagieren sich früher. Vielleicht ist es am Ende nur eine von fünf oder eine von zehn Ideen, die wirklich Erfolg hat. Aber dieses eine Start-up schafft es schnell an die Spitze, wie Google oder Amazon. Und diese Unternehmen verfügen inzwischen über enorme Finanzkraft, mit der sie in produzierende Sektoren eindringen, unsere Ingenieure einkaufen und der deutschen Wirtschaft beginnen, ernste Konkurrenz zu machen.

          Als zentrale Schlüsseltechnologie gilt die Künstliche Intelligenz. An der TUM gibt es die Munich School of Robotics and Machine Intelligence – ist das sozusagen das KI-Zentrum, mit dem Sie in Deutschland führend sein wollen?

          Ich möchte sogar noch weitergehen. Unser Ziel ist, unsere Stellung als eines der globalen KI-Kraftzentren im harten Wettbewerb auszubauen. Wer heute auf die Weltkarte schaut, sieht meines Erachtens vier Metropolregionen, die im Bereich Robotik und Maschinenintelligenz um die Führung konkurrieren. Das sind in den Vereinigten Staaten Stanford und das MIT, Tokio in Japan – und eben wir, die TUM.

          Was heißt das in Zahlen?

          Wir haben an der TU München mehr als 40 Professuren im Bereich der Robotik, und wenn wir die KI in sogenannten eingebetteten technischen Systemen dazunehmen, sind wir schon bei mehr als 60, also wirklich eine große Kohorte an exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

          Und nun?

          Die Kunst besteht jetzt darin, diese so zu orchestrieren, dass sie ein kohärentes Team, eingebettet in eine hervorragende Forschungslandschaft, bilden. Dazu braucht es einen System-Architekten, der über eine hohe internationale Reputation, wissenschaftlichen Tiefgang und Managementkompetenzen verfügt, um in der Lage zu sein, die Einzelspieler zu einem Team zusammenzuführen, welches auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet ist. Dazu haben wir vor zwei Jahren Professor Sami Haddadin berufen...

          ...der eigentlich schon auf dem Weg nach Stanford war.

          Der sowohl Stanford als auch das MIT ausgeschlagen hat, er bekam drei Rufe und entschied sich für München. Das zeigt, welche Kraft hier in München schon da ist. Aber jetzt wollen wir mit der Schubkraft der Hightech Agenda Bayern sowohl die Stadt München als auch Bayern insgesamt im Bereich der Maschinenintelligenz ganz nach vorne bringen. Damit wollen wir auf Bundesebene einen wichtigen Beitrag zur nationalen KI-Strategie leisten...

          ...die kaum vorankommt...

          ...deswegen geht Bayern jetzt erst mal voran. Aber langfristig muss Deutschland gut sortiert und unter Vernetzung der international sichtbaren Standorte in der Bundesrepublik sich schlagkräftiger aufstellen als bisher.

          Was schlagen Sie vor?

          Am besten wäre es, wenn die Bundesrepublik ihre KI-Kompetenz an drei wirklich führenden und komplementär aufgestellten Flagschiff-Standorten bündelt und diese miteinander so vernetzt, dass sie in Deutschland ein echtes Momentum in der Wirtschaft und weltweit generieren können, anstatt in fragmentierten Kleinstformaten vor sich hin zu forschen.

          Unternehmen wie Google und Facebook bieten Forschern höhere Gehälter, sie ermöglichen Grundlagenforschung und die Teilnahme an den wichtigsten Fachkonferenzen. Kommen Sie überhaupt noch an Spitzenkräfte?

          In der Informatik beziehungsweise dem ganzen IT-basierten Bereich stehen Universitäten auf der ganzen Welt derzeit vor einer großen Herausforderung: Was früher ihr Monopol war, nämlich Wissen und Technologie, das ist in vielen Feldern – besonders in der KI und dem maschinellen Lernen – durch die datengetriebenen Unternehmen eben nicht mehr ausschließlich dort.

          Welches Gehalt und wie viele Mitarbeiter könnten Sie maximal bieten?

          Die Universitäten haben heute schon andere Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren. Durch leistungsbasierte Zulagen können wir in den meisten Fällen wettbewerbsfähige Gehälter bieten. Diese liegen vielleicht nicht in der Höhe wie an vergleichbaren Top-Positionen in Unternehmen. Aber: Die Möglichkeit, den eigenen wissenschaftlichen Gedanken freien Lauf zu lassen, sich inspirierende Schwerpunkte zu setzen, die nicht vorgegeben sind, das macht Hochschulen schon sehr attraktiv für viele Spitzenwissenschaftler.

          Was tun Sie dafür noch?

          Wir haben zum Beispiel gerade das Munich Data Science Institute eingerichtet. Damit wollen wir maschinelles Lernen und KI in unterschiedliche Schwerpunktfelder der TUM integrieren, von denen wir durch die Datenwissenschaften eine besondere Hebelwirkung erwarten. So werden wir zum Beispiel von Material- und Katalyseforschung über Quanten- und Versicherungs-Technologien bis hin zu den Agrarwissenschaften fokussieren.

          Was bringt das einem Forscher?

          Wir werden in diesem Institut Algorithmen, Methoden des maschinellen Lernens, auf unterschiedlichen Größenskalen nutzen – in der Materialforschung im Bereich der molekularen Welt bis hoch in die Astrophysik. Diese vertikale Integration von Wissen über Größenordnungen hinweg in unterschiedlichste Anwendungsbereiche ist für Spitzenwissenschaftler hoch attraktiv. Das ist wissenschaftlich interessant und bekommen unsere Forscher in keinem Unternehmen.

          Gibt es schon Unternehmen, mit denen Sie dabei zusammenarbeiten?

          Wir bauen zum Beispiel ein Partnernetzwerk zur additiven Fertigung auf. Diese hat das höchste Potential, die produzierenden Industriesektoren grundlegend zu revolutionieren. Die digitale Transformation der industriellen Produktion funktionsoptimierter Bauteile mit komplexen Geometrien auf Basis von 3D-Konstruktionen wird die Automobilindustrie, die Luft- und Raumfahrt und die Bauwirtschaft langfristig verändern. In Bayern sitzen die Start-ups, die heute ungefähr 50 Prozent des Weltmarktes für Laser-Sintering-Systeme ausmachen. Da ist Potential da.

          Wer ist dabei?

          Wir arbeiten mit Unternehmen wie Linde, GE Additive und Oerlikon. Sie brauchen aber auch die Digitalisierung, da sind wir mit Siemens und SAP im Gespräch, und ebenso die Zertifizierung, da reden wir mit dem TÜV Süd. Es muss ein kohärentes Netzwerk entstehen, welches die komplette Wertschöpfungskette der additiven Fertigung abdeckt. Nur in so einem Kooperationsverbund werden wir es schaffen, dass diese Technologien irgendwann auch in großem Umfang industriell nutzbar werden. Vieles steckt noch in den Kinderschuhen, aber das braucht genau jetzt einen neuen Schub.

          Wieso?

          Für mich ist die Frage: Wird es uns gelingen, die bislang starken produzierenden Sektoren schnell genug zu transformieren unter Nutzung neuer Technologien? Oder werden die auf Daten und IT basierenden Unternehmen aufgrund ihrer Finanzkraft schneller neue produzierende Sektoren aufbauen, die dann übrigens vielleicht auch nicht in den Vereinigten Staaten oder Asien entstehen, sondern hier bei uns, siehe Tesla. Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wir brauchen dringend auch die Unterstützung der Politik.

          Aus Berlin müsste doch viel mehr kommen, gemessen an der Wirtschaftskraft Deutschlands, oder?

          Nehmen Sie nochmal die additive Fertigung, von der wir gerade gesprochen haben. Da wird unglaublich viel investiert in Asien und den Vereinigten Staaten – und auf dem Radar unserer Regierung ist das offenbar überhaupt nicht. Gerade für Deutschland, das Land der Ingenieure mit seiner produktionsstarken Wirtschaft, ist dies beschämend.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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