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Rückkehr zum Vorkrisenniveau : Tui peilt starken Urlaubssommer an

Große Hoffnungen für 2022: Werbung in einem TUI-Reisebüro Bild: dpa

Omikron-Variante, Verlust und Milliardenschulden – der Chef des Reise-Marktführers strotzt dennoch vor Zuversicht für 2022. Im kommenden Sommer soll es bei Tui Urlauberzahlen wie vor Corona geben.

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          Die Antarktis ist erreicht – besonders weit weg von der Tui-Konzern-Zentrale in Hannover befindet sich aktuell das Expeditionsreiseschiff Hanseatic Nature samt Urlaubern. Eisbaden am Ufer von Deception Island steht auf dem Programm, in Deutschland spricht der Tui-Vorstandsvorsitzende Fritz Joussen derweil von wärmerer Normalität: „Wir erwarten für den Sommer 2022 die Rückkehr zu einem Buchungsniveau in etwa wie vor Corona 2019.“

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das am 30. September beendete Geschäftsjahr brachte indes einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro, das erste Corona-Jahr endete aber mit einem Minus von 3,1 Milliarden Euro. Der Umsatz sank um 40 Prozent auf 4,7 Milliarden Euro. Vor zwei Jahren gab es fast 19 Milliarden Euro Einnahmen.

          Zu den Bildern aus der Antarktis, die Tui in einem Online-Adventskalender mit 24 Reiseimpressionen zeigt, fehlt derweil auch nicht der Hinweis, wie froh man sei, endlich wieder „zu Hause“ zu sein. Und das bedeutet bei einem Reisekonzern unterwegs zu sein. Für 2022 ist man bei TUI überzeugt, dass viel mehr Urlauber die Freude über das Zuhause in der Ferne teilen werden.

          Schon mehr als vier Millionen Buchungen für 2022

          Andere Tourismusmanager hatten hingegen schon die Sorge geäußert, frühestens 2023 frühere Reisendenzahlen zu erreichen. „Ich kann dieses negative Bild nicht sehen“, sagte Joussen. Für das neue Geschäftsjahr lägen schon jetzt 4,1 Millionen Buchungen vor, 2021 reisten im gesamten Jahr 5,4 Millionen Urlauber mit Tui. Und auf die Prognose, dass 2022 die Normalität zurückkehre, setzte Joussen noch einen drauf. Er rechnet damit, dass Tui sich besser entwickeln wird als der Tourismus insgesamt.

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          Mit seiner Prognose gemeint sei „das Vorkrisenniveau für uns, nicht das Vorkrisenniveau für den Markt“. Denn 2019 gab es mit Thomas Cook noch einen großen Wettbewerber, der damals zum Ende der Saison in der Insolvenz verschwand. „20 Prozent des Marktes werden neu verteilt. Und diese Marktanteile werden irgendwo hingehen müssen“, sagt Joussen. „Reisen ist ein Mega-Trend.“

          Dass langjährige, ältere Kunden in den nächsten Jahren weniger aufbrechen, werde dadurch wett gemacht, dass junge Neukunden große Urlaubslust haben. „Die demografische Entwicklung ist nicht gut für Versicherungen, aber sie ist gut für uns“, sagte Joussen.

          Urlauber geben mehr aus

          Aktuell bremsten zwar Berichte über die Omikron-Variante des Coronavirus etwas das Geschäft, doch dieser Effekt sei nicht besonders groß, beteuert Joussen. Stornierungen gebe es wenige. Der Spätherbst ist für Reisekonzerne traditionell eine Phase schwächeren Geschäfts. Für künftige Urlaube zahlten Kunden mehr – aber nicht wegen der Inflation. „Das Preisniveau ist nicht gestiegen, Urlauber buchen aber ein paar Tage mehr oder Fünf-Sterne- statt Vier-Sterne-Hotels“, sagte Joussen. Die Buchungswerte lägen für den Sommer im Durchschnitt um 23 Prozent höher als vor einem Jahr.

          Mit Staatshilfe und internen Sparrunden ist Tui durch die Pandemie gekommen. Die Verschlankung und mehr Buchungen als 2020 sorgten im abgelaufenen Sommer für Lichtblicke. Das Pauschalreisegeschäft in West- und Zentraleuropa – einschließlich der für Tui wichtigen Buchungen deutscher Kunden – war operativ profitabel, ebenso die Hotelsparte. Dass die drei Sommermonate dennoch mit einem bereinigten operativen Verlust vor Zinsen und Steuern von 97 Millionen Euro endeten, führt Tui vor allem auf Reisebeschränkungen in Großbritannien zurück. Dennoch sei der Sommer ein „erfolgreicher Neustart“ gewesen, so Joussen.

          „Sommer 2022 in etwa wie vor Corona“: TUI-Chef Fritz Joussen
          „Sommer 2022 in etwa wie vor Corona“: TUI-Chef Fritz Joussen : Bild: dpa

          Entscheidend für den Erholungskurs von Tui dürfte aber der nächste Sommer werden. Für das Winterhalbjahr liegen die Zahl der – im Durchschnitt zwar höherpreisigen – Buchungen um 38 Prozent unter dem angestrebten Normalniveau. Und trotz der Staatshilfen und zuletzt einer Kapitalerhöhung, für die ein Bruttoerlös von 1,1 Milliarden Euro brachte, ist das Eigenkapital mit minus 418 Millionen Euro negativ.  Joussen verwies lieber darauf, dass dem Konzern aktuell in Summe mit 3,5 Milliarden Euro mehr flüssige Mittel zur Verfügung stehen als im Sommer.

          Tui muss Guthaben an Kunden zurückzahlen

          Nach dem Jahreswechsel kommt auf Tui noch zu, dass Kunden gewährte Guthaben wegen in der Pandemie ausgefallener Reisen ausgezahlt werden müssen. In Deutschland durften Reiseveranstalter nur Gutscheine anstelle von Erstattungen gewähren, wenn sie zusagten, bei Nichteinlösung den Kunden bis Mitte Januar 2022 ihr Geld zurückzuzahlen.

          „Ein paar hundert Millionen Euro“ Guthaben seien noch nicht für neue Buchungen verwendet worden, sagte Joussen. „Wir werden aber nicht viel auszahlen müssen.“ Zahlreiche Kunden setzten aktuell ihre Guthaben für 2022 ein. Und ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag an Auszahlungen wäre bei 3,5 Milliarden Euro Liquidität auch „keine große Sache“ mehr, sagte Joussen.

          Eine größere Sache wird der Schuldenabbau und die Rückführung von Staatshilfe. Zwar konnte Tui die Nettoverschuldung senken, sie beläuft sich aber noch auf 4,9 Milliarden Euro. Wie die Deutsche Lufthansa will der Konzern auch stille Einlagen des deutschen Wirtschaftsstabilisierungsfonds in Höhe von rund einer Milliarde Euro zurückführen. Ein weiteres Mal Aktionäre im Zuge einer Kapitalerhöhung um Geld zu bitten, ist für den Konzern daher eine mögliche Einnahmequelle. 2021 hatte der Konzern schon Hotelimmobilien abgestoßen und die Reederei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, deren Schiff Hanseatic Nature gerade in der Antarktis kreuzt in ein Jount-Venture eingebracht, das Tui nur zur Hälfte gehört.

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