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Reisekonzern : TUI verhandelt über weitere Staatshilfen

Aktuell betreibt die deutsche Airline TUI fly eine Flotte von 35 Maschinen. Bild: Reuters

Erst Anfang April hat die TUI ein Darlehen über 1,8 Milliarden Euro erhalten. Das könnte nicht ausreichen.

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          Der angeschlagene Reisekonzern TUI treibt sein Krisenmanagement mit Hochdruck voran. Wie am Freitag bekanntwurde, hat das Unternehmen in Berlin schon vor gut zwei Wochen Gespräche über mögliche neue Finanzhilfen geführt. Dabei soll es um 1,2 Milliarden Euro gehen, die möglicherweise aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) an das Unternehmen fließen könnten. Mit dem WSF will der Bund die Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft abmildern. Anfang April hatte die staatseigene KfW-Bank der TUI schon ein Hilfsdarlehen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro gewährt. Um im eigenen Haus die Kosten zu senken, plant TUI jetzt unter anderem harte Einschnitte in seinen Fluggesellschaften. „Es wird bei TUI fly eine Veränderung der Flottenstruktur geben, leider wird das auch Auswirkungen auf die Beschäftigung haben“, sagte TUI-Deutschland-Chef Marek Andryszak der F.A.Z.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aktuell betreibt die deutsche Airline TUI fly eine Flotte von 35 Maschinen. Nach früheren Wachstumsplänen sollten es mehr sein. Doch die Zielgröße von 39 Flugzeugen wurde nicht erreicht, weil neue 737-Max-Jets von Boeing seit Monaten nicht starten dürfen. Das betrifft TUI, weil der Konzern etliche Maschinen dieses Typs bestellt hat. Die Folgen der Corona-Pandemie schränken die Perspektiven jetzt so stark ein, dass gegenüber dem aktuellen Stand eine Halbierung der Flotte erwogen wird. Konkrete Zahlen zu den Kürzungsplänen nennt Andryszak nicht. Man stehe am Anfang eines Prozesses für Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern, sagte er. Die Gewerkschaft Verdi stellt sich aber schon auf „harte Schnitte“ ein. TUI fly hat rund 2000 Mitarbeiter.

          Mit Verdi hatte sich die Airline erst im Dezember auf einen Tarifvertrag geeinigt. Laut dem Abkommen sollte es 2020 eine Nullrunde geben und Anfang 2021 eine Erhöhung um 2,5 Prozent mit einer Laufzeit von 24 Monaten. Im Gegenzug wurde den Beschäftigten eine Wachstumsperspektive gegeben, die jetzt hinfällig ist. Auch Pläne für eine Rückkehr zu Langstreckenflügen sind aufgeschoben. Sie sollten unter anderem dazu dienen, Kreuzfahrtkunden in die Karibik zu bringen, doch wann dort wieder die eigenen Schiffe der TUI fahren, ist offen. Zusätzlicher Druck entsteht dadurch, dass eine Vereinbarung mit Eurowings endet. Sie sah vor, dass TUI-Flugzeuge für die Tochtergesellschaft der Lufthansa im Einsatz sind. Hinzu kommt, dass die Flotte auf den Bedarf im Sommer ausgelegt sein dürfte. Im Winter hatte TUI fly Flieger an Drittkunden vermietet, deren Nachfrage wegen Corona gedämpft sein dürfte.

          Einigung mit Boeing

          Der TUI-Konzern betreibt auch in anderen europäischen Ländern Fluggesellschaften, in denen ebenfalls Einschnitte bevorstehen könnten. Um die Flotte von insgesamt 150 Maschinen zu reduzieren, kann das Unternehmen sich eine Vereinbarung mit dem Hersteller Boeing zunutze machen, die kürzlich bekanntgeworden war. Sie sieht unter anderem vor, dass TUI einen Teil seiner noch offenen Bestellung von 61 Maschinen über einen längeren Zeitraum streckt als ursprünglich geplant. Da gleichzeitig ältere Flugzeuge planmäßig aus der Flotte ausscheiden, werden die hauseigenen Airlines dadurch kleiner. Die Einigung ist Teil einer Kompensation für finanzielle Schäden durch Flugverbote der 737 Max, die außerdem eine Barzahlung und ein Guthaben für zukünftige Bestellungen der TUI vorsieht.

          Die Corona-Krise trifft die ganze Reisebranche und hat dazu geführt, dass auch andere Fluggesellschaften ihre Flotten verkleinern, Lufthansa plant gar mit 100 Jets weniger. Nach Informationen der F.A.Z. waren zusätzliche Staatshilfen für TUI schon vor einigen Wochen im Aufsichtsrat ein Thema. Allerdings hatten sich seither die Perspektiven aufgehellt, weil die Bundesregierung beschlossen hatte, Reisewarnungen für viele Länder aufzuheben. Der Druck ist jedoch weiter hoch, nicht zuletzt, weil Kunden viel Geld für ausgefallene Reisen zurückfordern. Der Deutsche Reiseverband geht davon aus, dass schon vor den Sommerferien Rückzahlungsforderungen von fast 7 Milliarden Euro aufgelaufen sind, von denen erst eine Milliarde Euro ausgezahlt wurde. Reiseveranstalter hoffen noch auf einen Rettungsfonds des Bundes, der entsprechende Erstattungen vorfinanziert.

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