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„Ernst der Lage wird verkannt“ : TUI Fly rügt Piloten im Krisenstreit

Wohin geht die Reise? Ein TUI-Fly-Flugzeug startet. Bild: Reuters

Die TUI-Airline soll schrumpfen, aber die Gespräche mit den Piloten enden im Krach. Die Folge: Sie können mit Lohn ohne Krisenabschlag rechnen – fliegen aber so gut wie gar nicht. Der TUI-Fly-Chef zeigt sich „fassungslos“.

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          Von Ferienflugstimmung keine Spur bei TUI Fly. Dass die georderten Boeing-737-Max-Jets, die die Fluggesellschaft des Reisekonzerns TUI ursprünglich vor anderthalb Jahren erwartete, nach dem Flugverbot bald doch starten dürfen, ändert daran nichts. In der Corona-Krise spitzt sich ein Konflikt mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) zu. Beide Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber, Gespräche sind abgebrochen. Falls sich daran nichts ändert, werden die TUI-Piloten von Dezember an wieder ihren vollen Lohn ohne Krisenabschlag erhalten, obwohl sie selten im Cockpit sitzen. In der vorletzten Woche soll es 163 Flüge gegeben haben – für mehr als 500 Kapitäne und Kopiloten.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Während sich alle bei der TUI in Deutschland solidarisch zeigen und zusammenhalten, sind unsere Pilotinnen und Piloten fortan die einzige Mitarbeitergruppe, die keinen finanziellen Beitrag zur Sicherheit des Unternehmens leisten wird“, schreibt TUI-Fly-Chef Oliver Lackmann nun in einem internen Rundbrief. Das Dokument, das der F.A.Z. vorliegt, ging nicht nur an Piloten, sondern an die gesamte Belegschaft, also auch an Flugbegleiter und Bodenpersonal. Er sei „fassungslos, wie fahrlässig hier der Ernst der Lage verkannt wird“, wettert Lackmann.

          Verärgert ist die Führung der Gesellschaft auch, weil die VC jüngst mitteilte, TUI Fly fliege mitten in der Corona-Krise „mit über 20 Flugzeugen“ fast ausschließlich auf die Kanarischen Inseln. So viele Flieger dorthin zu schicken sei „wirtschaftlich totaler Unsinn, weil es hierfür am Markt einfach keine Nachfrage gibt“, kontert TUI Fly im Rundbrief. Die Gästezahlen dort seien etwa halb so hoch wie vor einem Jahr. Und wegen der vielen Beschränkungen in der Pandemie würde gerade außer den Kanaren und der Insel Madeira gar nichts angeflogen.

          Die Flotte wird kleiner

          Der Mutterkonzern TUI aus Hannover sucht derzeit nach Wegen für eine dritte Finanzspritze in der Krise – möglicherweise über einen Staatseinstieg. TUI Fly hat einen Schrumpfkurs eingeleitet. Von ehemals 39 Flugzeugen – davon einst sieben in Langzeitvermietung an die Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings – sollen im Sommer 2022 nur noch 17 bleiben. Die ersten Jets sind bereits weg, sie wurden zurückgegeben, als Leasingverträge endeten, die TUI nicht verlängerte.

          Die Pilotengewerkschaft zweifelt aber am Sinn des Streichplans, Einsparungen würden sich frühestens in mehreren Jahren einstellen. Im Konzern heißt es dagegen, dass sich schon vor Corona - auch wegen der im Konkurrenzvergleich höheren Personalkosten – nicht alle Jets profitabel betreiben ließen. Nach der Krise würde das nicht einfacher. In Hannover beobachtet man, dass Lufthansa in der Geschäftsreiseflaute auch in den Ferienflug drängt.

          Knackpunkt Kündigungsschutz

          Gescheitert sind die Gespräche zwischen TUI Fly und VC am Streit um einen Kündigungsschutz. Die VC war nach eigenem Bekunden zu finanziellen Zugeständnissen bereit, allerdings unter der Voraussetzung, dass TUI Fly auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Das wollte die Gesellschaft nicht – angesichts des nötigen Sparkurses könne sie es nicht, heißt es im Unternehmen. Stattdessen wollte TUI Fly vom Ziel ablassen, sich auf 17 Flugzeuge zu verkleinern, und bis zu 22 Jets sowie mehr Piloten halten, falls das Cockpitpersonal einen größeren Sparbeitrag leiste.

          Doch auch dazu gab es Streitpunkte. TUI Fly sah eine Garantieverzinsung der Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge von 6 Prozent als zu hoch und nicht mehr zeitgemäß an. Unter Piloten wurde beklagt, dass zusätzlich Gehaltsstrukturen gesenkt werden sollten. Das Unternehmen hielt dagegen, kein Beschäftigter hätte weniger Lohn als aktuell bekommen sollen.

          So kam es zum Scheitern – nicht nur der Gespräche über Belange der Piloten in den nächsten Jahren, sondern auch der Verhandlungen zum aktuellen Corona-Sondertarifvertrag. In dem war eine Absenkung der Gehälter auf 80 Prozent vereinbart, befristet bis Ende November. Eine Verständigung auf Kurzarbeit für die Piloten gab es nicht. TUI hatte grundsätzlich eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes ausgeschlossen. Da die Zahlungen gesetzlich gedeckelt sind, hätten sich für höher bezahlte Piloten prozentual größere Einbußen als für andere Beschäftigte ergeben.

          Der Ausweg war die nun endende 80-Prozent-Regel. TUI Fly hatte vergeblich eine Verlängerung verlangt. Wegen der verhärteten Fronten und der Aussicht, in der Krise volle Grundgehälter zahlen zu müssen, rücken Entlassungen näher. Zwar gilt aus einer früheren Vereinbarung eine Stellensicherung bis Ende 2021. Um Kündigungsfristen zu halten, könnten erste Schreiben im März verschickt werden.

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