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Neuer Smoothie-Zoff : Politische Saftschlacht zwischen Edeka und True Fruits

  • -Aktualisiert am

Stein des Anstoßes: Die Parteien-Smoothies von True Fruits Bild: True Fruits

An Werbung an der Grenze des guten Geschmacks hat man sich beim Smoothie-Hersteller True Fruits gewöhnt. Nun springt aber Edeka darauf an – und macht keine gute Figur. Es geht um die AfD.

          3 Min.

          True Fruits, ein Smoothie-Hersteller aus Bonn, hat wenige Wochen vor der Bundestagswahl sechs seiner Saft-Geschmacksrichtungen nach den im Bundestag vertretenen Parteien benannt. Darauf gedruckt sind einzelne Aussagen aus den Wahlprogrammen, jeweils zwei der Forderungen hat sich das Unternehmen allerdings ausgedacht. Der FDP wird die Forderung, den gesetzlichen Mindestlohn abschaffen zu wollen, angedichtet, der Linkspartei ein gewünschter Ladenschluss ab 21 Uhr.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die AfD will der Fantasie folgend nur 1500 Migranten im Jahr einbürgern lassen und die CDU zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke stärker besteuern. Die Idee dahinter, laut der Kampagnenseite ist die „Qual der Wahl“, vermischt mit einem Bezug zum eigenen Unternehmensnamen – was davon ist wirklich wahr?

          Die Aktion wäre eine von vielen, mit denen Unternehmen versuchen, aktuelle Themen aufzugreifen. Doch bekommt die Marketingkampagne durch die Reaktion des Lebensmittelriesen Edeka eine politisch brisante Note. Der größte Lebensmittelhändler Deutschlands hat nämlich auf seinen Kanälen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram ein Bild gepostet, wo nur die AfD-Flasche abgebildet ist. „Rechts ist bei uns kein Platz im Regal“ steht darüber und der Hinweis, dass die AfD-Smoothies zurückgeschickt würden.

          Im Netz sorgt das freilich für alle Arten von Reaktionen: Neben Kritik an True Fruits, überhaupt AfD-Flaschen rauszubringen, wird auch Edeka dafür angefeindet, demokratisch gewählte Parteien aus seinen Läden raushalten zu wollen. Gleichzeitig gibt es für beide Seiten Lob, etwa mit Aussagen wie „Demokratiefeinde muss man nicht demokratisch behandeln“ an die Adresse von Edeka oder „Schade, dass es nicht mehr Unternehmen gibt, die so klare Statements von sich geben“, an True Fruits gerichtet.

          Für True Fruits dürfte die Reaktion von Edeka einen Werbeeffekt haben, der kaum zu bezahlen ist. Im Vergleich zu früheren Kampagnen des Bonner Saftunternehmens sind die politischen Parteienfläschchen jedenfalls inhaltlich noch harmlos. Die Reaktion auf Edeka hingegen ist es nicht.

          Unter der Überschrift „Für politische Aufklärung ist bei uns kein Platz im Regal“ hat True Fruits auf Instagram im Design einer Edeka-Werbung seine Flaschen abermals gepostet. „Liebe Edeka, ja, wir finden die AFD auch scheiße. Aber Aufklärung ist wichtiger als peinliches Social Signaling, wie ihr es hier versucht…“, schreibt das Unternehmen. Damit meint das Unternehmen, dass sich Edeka wiederum vor allem als Werbeeffekt von der AfD distanziere, um bei den anderen, vermeintlich wichtigeren Kundengruppen, positiv anzukommen. In den eigenen Instagram-Stories nimmt das Unternehmen den Handelspartner noch heftiger aufs Korn.

          Gelb statt blau: Der von Edeka abgewiesene AfD-Smoothie
          Gelb statt blau: Der von Edeka abgewiesene AfD-Smoothie : Bild: True Fruits

          True Fruits ist bekannt dafür, mit seinen Werbekampagnen immer so weit zu gehen, dass sich genug Leute finden, die die Aktionen des Unternehmens richtig fürchterlich finden. Provokation ist das Motto, egal ob es um mit Sonnencreme gemalte Penisse auf nackten Frauenrücken geht („Sommer, wann feierst du endlich dein Cumback?“, 2019),  einen schwarzen Smoothie mit dem Werbesatz: „Schafft es selten über die Grenze“ (2017) oder das Plakat für den Chiasamen-Saft mit dem Slogan „Bei Samenstau schütteln“, den die Stadt München neben zwei anderen Plakaten prompt verboten hatte (2016).

          Provokation als Werbeträger

          Eine Petition unter dem Stichwort #truediskrimierung forderte Handelspartner auf, die Produkte aus dem Sortiment zu nehmen und sammelte dabei mehr als 65.000 Unterschriften. Für das Unternehmen selbst sind die kalkulierten Aufreger gleichwohl häufig ein Segen. Die Bonner beschreiben das Phänomen sogar selbst in ihrem Jahresabschluss in der Risikobewertung: „Als Chance beziehungsweise Risiko kann auch die immer wieder aufkommende Diskussion bezüglich unserer Social-Media-Aktivitäten gesehen werden“, heißt es darin.

          Der Wirbel um die Provokation wird einkalkuliert. „Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Aufregung und daraus resultierende hitzige Diskussion förderlich für unseren Markt- und Umsatzwachstum ist“, heißt es in dem letzten öffentlich zugänglichen Geschäftsbericht zum Jahr 2019. Damals hatte True Fruits schon damit zu kämpfen, dass es inzwischen viele Nachahmerprodukte von den Smoothies gibt, häufig auch unter Eigenmarken zu deutlich günstigeren Preisen.

          Lag der Jahresumsatz von True Fruits im Jahr 2018 bei 39,6 Millionen Euro, konnte er im folgenden Jahr um 6 Prozent gesteigert werden. Die Bonner bezeichnen sich selbst Marktführer, der Anteil an Smoothies betrage fast zwei Drittel des Marktes hierzulande. Mit seinen rund 30 Mitarbeitern hat das Unternehmen zuletzt einen Jahresüberschuss von gut 7 Millionen Euro erzielt. Produziert wird nicht selbst, sondern von dem Baden-Württemberger Hersteller Streker Natursaft aus Aspach, das Logistikunternehmen Nagel bringt die Flaschen in den Handel. Gegründet wurde True Fruits von drei Studienfreunden im Jahr 2006.

          Durch die Corona-Krise mag sich der Absatz verstärkt haben, sind doch die Umsätze im Einzelhandel wegen geschlossener Restaurants stark gestiegen. Nach Angaben des Verbands der deutschen Fruchsaft-Industrie (VdF) kamen vor allem die teureren Produkte zuletzt gut an.  „Wir beobachten im Einzelhandel die Fortsetzung des Trends zu hochwertigen Direktsäften, so dass die Branche insgesamt einen Wertzuwachs bei den abgesetzten Säften von rund 13 Prozent verzeichnen konnte“, sagte VdF-Geschäftsführer Klaus Heitlinger. Dazu gehören aber freilich auch Klassiker wie Apfel- oder Orangensaft, insgesamt machen 332 Fruchtsafthersteller hierzulande rund 3,2 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.  Die pürierten Früchte in den Smoothies machen dabei weniger als 200 Millionen Euro aus.

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