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Rennstrecke in der Eifel : Scherbenkehren am Nürburgring

Ein Feuerwehrmann an der Unglücksstelle. Ein Mensch starb beim Unfall des Briten Mardenborough. Bild: dpa

Kein Formel 1-Rennen, kein Rockfestival, dazu noch ein tragischer Unfall. Die neuen Besitzer des Nürburgrings versuchen dennoch optimistisch zu bleiben.

          Ganz am Ende der Veranstaltung hat Carsten Schumacher noch einmal das Wort ergriffen. „Niemand muss sich Gedanken machen, dass am Nürburgring die Lichter ausgehen“, sagte er. Der Nimbus und die Bedeutung der Rennstrecken seien ungebrochen. Und es klang, als müsste sich der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft selbst Mut machen.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Drei Jahre nach der Insolvenz und ein Vierteljahr nach der Übernahme durch den russischen Oligarchen Viktor Charitonin steht es schlecht um die traditionsreiche Rennstrecke in der Eifel. Die Formel 1 ist weg, das imageträchtige Musikfestival „Rock am Ring“ ebenso. Das geplante Nachfolgefestival „Der Ring - Grüne Hölle Rock“ ist gescheitert. Die Tickets lagen wie Blei im Regal. Vergangene Woche hat der neue Kooperationspartner, die Deutsche Entertainment AG (Deag), die Veranstaltung in der Eifel kurzerhand abgesagt und unter dem neuen Etikett „Rock im Revier“ in die Fußballarena auf Schalke verlegt. Und schließlich verunglückte vergangene Woche auch noch ein Zuschauer tödlich.

          Carsten Schumacher war eigentlich nach Mainz gekommen, um gegen die Flut schlechter Nachrichten anzukämpfen und Optimismus zu verbreiten. Doch es fiel ihm schwer. Dass die Formel 1 verloren sei, sei zwar im Sinne der Region und aus Imagegründen ein Verlust, aber wirtschaftlich durchaus von Vorteil, sagte er. Schließlich seien die Veranstalter am Ring in den vergangenen Jahren wegen der hohen Lizenzgebühren an Formel 1 Chef-Ecclestone auf mindestens einer halben Million Euro Verlust sitzen geblieben. Ohnehin habe der Formel 1-Zirkus ein Problem. Zu Zeiten von Michael Schumacher seien mehr als 80.000 Zuschauer an die Rennstrecke gepilgert. Der Hockenheimring, der bislang das deutsche Rennen abwechselnd mit dem Nürburgring veranstalte, habe zuletzt nicht einmal 35.000 Karten verkauft. An diesem Punkt zeigte sich Schumacher kämpferisch.

          Die „Grüne Hölle“ floppte

          Es sei überhaupt kein Problem, die Flächen und den Ring an diesem Tag anderweitig zu vermieten. Diese Möglichkeit bleibt bei dem abgesagten Rockfestival nicht, schließlich sollte die Grüne Hölle Rock schon Ende Mai über die Bühne gehen. Niemand habe geglaubt, dass sich ein Rockfestival dieser Güte – die drei Hauptakteure Metallica, Faith No More und Kiss hätten zusammen 750 Millionen Tonträger verkauft – derart floppe. Der Vorverkauf sei katastrophal verlaufen. Kaum 20.000 Karten sind weg; das Ziel, 80.000 Zuschauer zu locken, nicht zu halten.

          Weil bis Weihnachten nicht wie üblich die Hälfte der Karten verkauft war, fehlte Geld in der Kasse, um die Künstler zu bezahlen. Es kam zum Streit. Schumacher sieht die Schuld alleine bei der Deag. Sie sei für den Ticketverkauf verantwortlich gewesen. Sie habe zwischenzeitlich nicht konsistente Zahlen geliefert. Ob vorsätzlich oder nicht, das wollte er nicht sagen. Aber sie sei gegen Vertragsbruch versichert, das sei schon auffällig. Der Streit mit der Deag wird vor Gericht landen.

          So wie der Streit um die Namensrechte „Rock am Ring“ mit dem langjährigen Veranstalter Marek Lieberberg. Der lässt Anfang Juni unter dem zugkräftigen Namen nur ein paar Kilometer neben dem Ring am Flugplatz Mendig rocken. Dass sich der Ring damals von Lieberberg getrennt habe – unter anderem, um einen größeren Anteil der Einnahmen zu bekommen – sei aus heutiger Sicht ein Fehler, sagte Schumacher. Ob es zu einer Wiederannährung kommen kann, dazu sagte er nichts. Aber ein Rockfestival werde es wieder geben, das sei klar.

          Es soll wieder ein Rockfestival geben

          Ansonsten hielt sich der Geschäftsführer mit strategischen Überlegungen zurück. Die Rennstrecke sei gut gebucht, der Kalender voll, weiteres müsse man nun überlegen. Die Betreibergesellschaft werde aber wie im Vorjahr – damals kamen 55 Millionen Euro Umsatz zusammen – vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen einen Gewinn erwirtschaften.

          Die politischen Altlasten sind unterdessen weiter ungeklärt. Die rheinland-pfälzische Landesregierung unter Führung von Kurt Beck (SPD) hatte die Rennstrecke mit einer halben Milliarde Euro Steuergelder subventioniert, um mehr Geschäfte in die strukturschwache Eifel zu bringen. Um der Opposition Wind aus den Segeln zu nehmen, baute Becks Nachfolgerin Malu Dreyer dann im November in einer spektakulären Aktion ihr Kabinett um und degradierte alle Weggefährten, die mit der Nürburgringaffäre in Beziehung gebracht werden konnten – darunter Carsten Kühl und Hendrik Hering, die als Finanz- und Wirtschaftsminister ein vom Landesrechnungshof scharf kritisiertes Rettungskonzept erarbeitet hatten.

          Kühls Vorgänger im Finanzministerium, Ingolf Deubel, wurde schon vor einem Jahr wegen der gescheiterten Privatfinanzierung vom Landgericht Koblenz zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Wenn seine Revision keinen Erfolg hat, muss er ins Gefängnis.

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