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Individualreisen : Auf eigene Faust im fremden Land

Freischwimmer: Der neue Trend zum Selbstbuchen geht auch an den Anbietern von Badeurlaub nicht vorbei. Bild: Reuters

Immer mehr Deutsche gestalten ihre Ferien ganz individuell - und liegen damit voll im Trend. Das zwingt die großen Pauschalreiseanbieter dazu, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Der maßgeschneiderte Urlaub kommt.

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          Der Jahreswechsel und die Tage nach Weihnachten haben doch mit Palmen zu tun. Wenn die Tage kurz sind und die Nächte kalt, dann schweifen die Gedanken in die Zukunft und in die Ferne. Es geht nicht nur um die guten Vorsätze für das neue Jahr, sondern auch um den nächsten großen Urlaub. Aufgebrochen wird, wenn die Vorsätze längst abgetan sind. Gebucht wird, wenn sie noch Bestand haben.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den Tagen nach Weihnachten schimmert das Meer besonders blau. Das gilt nicht nur für die übliche – nunmehr wohl letzte - Weihnachtsepisode der insolventen MS Deutschland auf der Traumschiff-Fahrt im ZDF. Wasser, Strand und Sonne gibt es auch in den Werbeblöcken der privaten Fernsehsender in Serie. Urlaub reiht sich dort an Urlaub. Zeitgleich mit den Weihnachtskerzen entflammt statistisch gesehen auch das Reisefieber. Zuletzt hat die Tourismusbranche Jahr für Jahr Rekordmarken im Frühbuchergeschäft gemeldet. Zu Ostern ist mehr als die Hälfte der Sommerreisen verkauft. Immer eher beginnt daher das Buhlen um die Kunden, deren Zahl aber kaum noch wächst.

          Neckermann macht's nicht mehr alleine möglich

          Zuletzt entschieden sich 43,6 Millionen Urlauber aus der Bundesrepublik für eine Tour aus einer Ferienfabrik der Tourismusindustrie – meist eine Pauschalreise. Eine stattliche Zahl, die aber seit 2012 stagniert. Denn das Geschäft mit den großen Ferien ist kein abgeschottetes Resort der klassischen Reiseveranstalter von TUI über Thomas Cook bis Alltours mehr. Einst schufen sie für Urlauberscharen die Möglichkeit, die Ferien im fremdsprachigen Ausland zu verbringen. Diese Rolle aus den sechziger Jahren, als Josef Neckermann den Grundstein für den Pauschalreisemassenmarkt legte, haben sie eingebüßt, „Neckermann macht’s möglich“ blieb als Werbeslogan.

          Trotzdem erreichen die Reiseveranstalter 2014 einen Rekordumsatz, den der Branchenverband DRV auf 25,8 Milliarden Euro schätzt. Urlauber geben nämlich immer mehr für ihre Ferien aus: Fünf-Sterne- statt Vier-Sterne-Quartiere, All-inclusive-Rundumverpflegung statt Halbpension, Wellness-Anwendungen statt schläfriger Stunden am Pool – so wird der Urlaub teurer, und so steigt der Branchenumsatz. Wachstum durch zusätzliche Neukunden gibt es im Veranstaltermarkt aber fast nur noch bei Kreuzfahrten. Vier der fünf größten Pauschalreiseanbieter in Deutschland haben 2014 Marktanteile verloren. Marktführer TUI meldet hierzulande für 2014 eine Rekordmarge von fast 3 Prozent. Dahinter steht jedoch, dass der Konzern in sieben Jahren ein Viertel seines Markteinflusses eingebüßt hat. Der Marktanteil rutschte nach Schätzungen des Branchenmagazins „FVW“ unter 17 Prozent. Dass Verfolger Thomas Cook sich mit 13,2 Prozent auf dem Niveau von 2008 hält, lässt sich damit erklären, dass der Konzern zwischenzeitlich den Türkei-Spezialisten Öger Tours übernommen hat.

          Für die internationalen Reisekonzerne ist Deutschland, das Land der langjährigen Urlaubsweltmeister, ein Umsatzbringer. Ein Sonnenmarkt ist es keineswegs. Auf den Verfolgerrängen lauern mit FTI und Alltours Wettbewerber, die im Rest Europas TUI und Cook kaum Konkurrenz machen. In Deutschland haben sie Marktanteile an sich gerissen. Als Nächstes steht hierzulande der Anbieter mit dem beschaulichsten Namen, aber den höchsten Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent auf dem Sprung in die Liga der Großen: Schauinsland-Reisen aus Duisburg – vor zwei Jahrzehnten bloß regional bekannt – peilt für 2015 an, erstmals Reisen im Wert von mehr als einer Milliarde Euro zu verkaufen.

          Urlaubsausgaben der Deutschen sollen steigen

          Auf die Herausforderer, die Ähnliches günstiger produzieren, weil sie sich große Verwaltungsapparate sparen, folgt die nächste Riege der Helfer bei der Urlaubsplanung. Sie macht den Reiseveranstaltern traditioneller und modernerer Prägung die Aufgabe streitig, überhaupt fertige Reisepakete mit Anreise, Unterkunft und anderen Extras schnüren zu müssen. Portale wie Booking.com werben damit, so viele Hoteladressen zu kennen wie niemand sonst. Seiten wie E-Domizil oder Fewo-Direct verhelfen den klassischen Ferienwohnungen zu einer Renaissance, die nicht mehr über regionale Tourismusbüros gesucht werden müssen. Für die Traumreise nach Maß lässt sich dann der Linienflug mit Menü über den Wolken oder der Billigflug in engen Sitzreihen mit der Fünf-Sterne-Wellness-Oase kombinieren. Der Urlauber kann mit Hilfe der Online-Spezialisten sein Ferienpaket selbst schnüren, die Reiseveranstalter kontern mit dem Ausbau von Konzepthotels für kinderlose Paare, für Familien, Naturbewusste oder aber für Reisende, die auch am Pool das Smartphone nicht zur Seite legen möchten. Der Urlauber wünscht es individueller, lautet der Trend, daheim bleibt er nicht.

          Allen Befürchtungen in einer alternden Gesellschaft zum Trotz – die Wissenschaftler der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) haben errechnet, dass bis 2025 die Zahl der Urlaubsfahrten, zu denen Deutschen aufbrechen, nicht sinken, sondern bei rund 70 Millionen verharren wird. Spanien, Italien, Türkei – auch die beliebtesten Auslandsziele bleiben die gleichen. 2015 werden die Urlaubsausgaben der Deutsche aller Voraussicht nach abermals steigen. Für das Geschäft der Pauschalreiseveranstalter hält sich der Branchenverband DRV aber noch mit einer Prognose zurück.

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