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Trekking : Das Wandern ist des Deutschen Lust

  • -Aktualisiert am

Immer schön mit Stöckchen: Etwa zwei Millionen Trekkingstöcke werden im Jahr verkauft Bild: ddp

Vorbei ist die Zeit, da man faul am Strand lag. Der moderne Deutsche geht jetzt wieder wandern. Ob er nach Santiago pilgert oder über die Alpen steigt: Die Ausrüster freut es. Wer von der deutschen Laufbegeisterung profitiert.

          Mit Hape Kerkeling fing alles an. Sein Buch „Ich bin dann mal weg“ über seine Reise - allein, zu Fuß - auf dem spanischen Jakobsweg war ein Zufallsprodukt. In einer Talkshow sprach er darüber, dass er vor einigen Jahren den Pilgerpfad gegangen sei und darüber Tagebuch geführt habe. Das sah ein Lektor des Piper Verlags - und meldete sich prompt bei Kerkeling. Ob man daraus nicht ein Buch machen könnte?

          Dieser Lektor klopft sich heute wahrscheinlich täglich zweimal selbst auf die Schulter. Das Buch ist ein Bestseller geworden, wie Deutschland sie selten sieht. Innerhalb von kaum mehr als einem Jahr wurde „Ich bin dann mal weg“ mehr als zwei Millionen Mal verkauft. „Das ist sehr selten. Das hat noch nicht einmal ,Das Parfüm' geschafft“, sagt Eva Brenndörfer, Sprecherin des Piper-Verlags. „Für uns ist es großartig.“ Dem kleinen Piper-Verlag beschert Kerkeling einen Schub. 2006 stieg der Umsatz um fast dreißig Prozent auf 51 Millionen Euro. Im Jahr zuvor waren es noch weniger als 40 Millionen Euro Umsatz gewesen.

          Nur von Schröder und dem Papst verdrängt

          Seit Monaten steht das Buch immer auf Platz eins der Sachbuch-Charts. Nur dreimal sei es verdrängt worden, heißt es im Piper-Verlag: Einmal vom Schröder-Buch, einmal vom Papst. Kerkeling soll dazu nur gemeint haben: „Für den Chef muss ich schon mal Platz machen.“ Immer wieder war Kerkelings Reisegeschichte ausverkauft. „Vor Weihnachten war eine regelrechte Hysterie ausgebrochen, weil das Buch bei vielen Händlern nicht mehr zu haben war“, sagt Brenndörfer. „Damit hat niemand gerechnet.“

          Doch wer weiß: Hätte Kerkeling das Buch schon vor fünf Jahren herausgebracht, nachdem er vom Jakobsweg zurückgekehrt war, es wäre vielleicht nie so erfolgreich geworden. „So einen Trend gibt es alle zehn, zwanzig Jahre einmal“, sagt Brenndörfer. „Und wir hatten ein glückliches Timing.“

          1970 nur 68 deutsche Pilger nach Santiago

          Kerkelings Buch hat noch mehr Deutsche auf den Pilgerpfad geschickt. Viele waren aber längst dort. Hatten im Jahr 1970 gerade einmal 68 Pilger die letzten hundert Kilometer nach Santiago de Compostela zu Fuß, Fahrrad oder Pferd zurückgelegt, waren es 1990 schon knapp 5000. 2006 kamen allein aus Deutschland 8097 Menschen. Insgesamt erreichten mehr als 100.000 Pilger das Ziel in Nordspanien.

          Wandern ist auch jenseits des Pilgerpfads im Aufschwung, zum Beispiel von Hütte zu Hütte in den Alpen oder einfach quer durch Deutschland. Immer mit dabei: Die Ausrüstung, die dem engagierten Wanderer nicht teuer genug sein kann. Wanderschuhe dürfen auch einmal 200 Euro kosten. Und Wanderstäbe sind nicht mehr knorrige Äste, die der Wandersmann am Wegesrand aufgabelt, sondern Hightech-Instrumente, die an Skistöcke erinnern.

          Wolfskin verdient am Wandertrend

          Es profitieren Firmen wie der Komplett-Ausrüster Jack Wolfskin, ein Unternehmen aus Idstein im Taunus. Es ist vor allem für seine Outdoor-Jacken bekannt, macht aber auch Schuhe, Zelte, Rucksäcke, Trinkflaschen. Der Umsatz von Jack Wolfskin in Europa stieg von 73 Millionen Euro 2004 auf 97,4 im folgenden Jahr und mehr als 129 Millionen im vergangenen Jahr. „Wir sind enorm gewachsen, denn wir verdienen am Wandertrend“, kommentiert eine Sprecherin des Unternehmens die guten Zahlen. Sehr starkes Wachstum erlebe man aber erst in den letzten beiden Jahren. „2003 hat es einen Riesensprung gegeben.“

          Klaus Lenhart, Geschäftsführer des Stöcke-Produzenten Leki, berichtet, dass sein Unternehmen mittlerweile schon mehr Sommerstöcke verkauft als Ski- und Langlaufstöcke. Er schätzt, dass derzeit weltweit etwa zwei Millionen Paar Trekkingstöcke pro Jahr verkauft werden. Vor zehn Jahren war es noch etwa die Hälfte. Damals war das Sommergeschäft für Leki noch ein Nebengeschäft, und Wanderer mit Stöcken wurden in den Alpen seltsam angeschaut. „Das war nichts für sportliche Berggeher“, sagt eine Firmensprecherin. „Mitte der neunziger Jahre hat sich das Blatt gewendet. Jetzt wird man eher komisch angeschaut, wenn man keine Stöcke hat beim Wandern.“

          Bayerischer Schuhproduzent macht Überstunden

          Das wichtigste Utensil der neuen Wandersleute ist jedoch - wie schon einst - der gute Schuh. Und wie früher kommt er manchmal sogar noch aus Deutschland. Der Wanderschuhproduzent Meindl aus Kirchanschöring in Bayern hat seit März dieses Jahres Lieferprobleme, weil die Deutschen plötzlich so gerne wandern. Überstunden sind die Regel. „Eine 40-Stunden-Woche haben wir schon lange nicht mehr gehabt“, sagt Lukas Meindl, der mit seinem Bruder Lars das Familienunternehmen in elfter Generation leitet. Ständig sind die Meindls deshalb auf der Suche nach qualifizierten Schuhmachern, die beim Ausbau der Produktion helfen.

          Wer die neue Begeisterung fürs alte Wandern begründet hat, ist indes umstritten. Die Sprecherin von Jack Wolfskin sagt, ihre Firma habe durch verstärkte Werbung einen Beitrag geleistet. Der Piper-Verlag glaubt, dass Kerkeling dem Boom einen Schub gegeben hat. Sicher ist, dass das neue Wandern anders ist als einst. Es heißt jetzt nicht nur Trekking, es bedarf auch einer teuren Hightech-Ausrüstung, an der viele verdienen. Dabei war Wandern doch einst das billigste Freizeitvergnügen.

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