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Traditionsbetriebe : Starke Familien sorgen für solide Geschäfte

Trotz Zeitgeist ein solides Geschäftsmodell: Werbekampagne des Preisträgers H&M in der Schweiz Bild: dpa

Unternehmen, die von Familien oder Großaktionären dominiert werden, nutzen ihr Kapital besonders effizient: Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von 1700 börsennotierten Firmen.

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          Kapital für Unternehmen ist oftmals knapp. Oder es ist teurer als es die Unternehmer gerne hätten. Deshalb gilt es, die vorhandenen finanziellen Ressourcen besonders effizient einzusetzen. Und wer die Entwicklung von Unternehmen über viele Jahre hinweg verfolgt, erkennt: Gesellschaften, die einen starken Familien-, Eigentümer- oder Gründerbezug haben, nutzen ihr Kapital besonders effizient.

          Das ist das wesentliche Ergebnis einer Analyse unter den größten rund 1700 börsennotierten Unternehmen Europas, die auch in diesem Jahr von einem Schweizer Beratungsunternehmen sowie Professoren von den Universitäten Zürich und Eichstätt-Ingolstadt begleitet wurde. Die Analyse, die in einen Wettbewerb um den „Corporate Excellence Award 2012“ mündet, dient dem Ziel, die Aufmerksamkeit in der Betrachtung von Unternehmen weg von den kurzfristigen Ergebniszahlen zu lenken, die die Berichterstattung in der Regel dominieren.

          Bei genauerer Betrachtung kein Wunder

          Unter den Top 100 der ausgewerteten Unternehmen werden knapp die Hälfte von Familien oder festen Großaktionären dominiert, unter den Top drei sind es 67 Prozent, und unter den Gewinnern der Auszeichnung sind es gar 83 Prozent. Wichtig sind hier Kategorien wie zum Beispiel die Verzinsung des eingesetzten Kapitals, Bilanzkennzahlen, die Qualität des Managements, das Marktumfeld und das Geschäftsmodell. Das Ergebnis, das als Anerkennung für eine historische Leistung den Börsenkurs außer Acht lässt und demnach auch keine Anlageempfehlung für die Zukunft darstellt, ist in Deutschland in diesem Jahr für den bayerischen Großküchenhersteller Rational AG besonders gut ausgefallen. Das in der breiten Öffentlichkeit nicht sehr bekannte Unternehmen findet sich in dieser länderspezifischen Auswertung 2012 auf dem ersten Platz.

          Bei genauerer Betrachtung ist das kein Wunder. Denn in jeder dritten Großküche steht schon ein Gerät von Rational. Für den Küchenausstatter gibt es nach eigener Einschätzung aber dennoch noch viel zu tun, um Köche in Betriebskantinen, Krankenhäusern oder Sternerestaurants zum Wechsel auf die Rational-Geräte zu überzeugen. „Das globale Marktpotential liegt bei mehr als 2,5 Millionen Profiküchen, Tendenz steigend“, sagte der Vorstandsvorsitzende Günter Blaschke zur Vorlage der jüngsten Jahresbilanz im Frühjahr.

          Der Kurs der Aktie des Großküchenherstellers Rational AG ... Bilderstrecke

          Schon heute ist Rational Weltmarktführer für Dampfgarer. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) zwar von 106 Millionen Euro auf 102 Millionen Euro. Auch der Jahresüberschuss sank um 1,3 Prozent auf 78,7 Millionen Euro. Weil sich neue Geräte mittlerweile auch außerhalb des europäischen Marktes gut verkaufen, kletterte der Umsatz aber um 12 Prozent auf 392 Millionen Euro.

          Was die Jury im Wettbewerb um den Excellence Award aber besonders überzeugte: Das im M-Dax notierte Familienunternehmen, das zu knapp 63 Prozent in der Hand des Gründers Siegfried Meister ist, weist eine Ebit-Marge von 26 Prozent aus. Und es wird viel ausgeschüttet. Die Aktionäre erhalten eine Dividende von 5,50 Euro, 50 Cent mehr als im Vorjahr. Dennoch bleibt viel Geld für Forschung und Entwicklung übrig, denn Rational will aus eigener Kraft und nicht durch Akquisitionen wachsen. Auch die Analysten der Commerzbank haben dem Unternehmen schon vor einiger Zeit bescheinigt, dass es einen dauerhaft hohen freien Mittelzufluss („Cash flow“) erwirtschafte. Es zeichne sich durch eine hohe Qualität seiner Produkte aus und verfüge über eine starke Marktposition. Allerdings hat die Börse das auch schon kräftig belohnt: für die vergangenen drei Jahre steht ein Kursplus von rund 130 Prozent zu Buche. „Offensichtlich wurde durch die Eigentümerstruktur nachhaltiges und zugleich erfolgreiches Wirtschaften befördert“, sagt Jury-Mitglied Philipp Weckherlin von der Schweizer CE Asset Management, und das gelte auch für das Abschneiden an der Börse.

          Erfolg auch in Spanien und Griechenland

          Die anderen Preisträger heißen für Gesamteuropa H&M, für die Schweiz ist es der Finanzdienstleister Partners Group, für Österreich die Mayr Melnhof Karton AG, für Norwegen TGS Nopec Geophysical (ein Dienstleister für die Öl- und Gasindustrie) sowie für Dänemark der Pharmakonzern Novo Nordisk. Auch ein Unternehmen wie zum Beispiel der Textilfilialist H&M werden dabei von einer Familie kontrolliert - und ein kleiner Rückschlag in den Zahlen des vergangenen Jahres ändere nichts an der grundsätzlichen Solidität von Bilanz und Geschäftsmodell des Unternehmens. Für die vergangenen vier Jahre ergibt sich hier ein Kursplus von 44 Prozent, auch wenn es zuletzt etwas schlechter aussah. Novo Nordisk wiederum wird von einem Stiftungsaktionär dominiert, der zugleich über 73 Prozent der Stimmrechte verfügt.

          Und noch etwas ist der Jury um Weckherlin aufgefallen: In Südeuropa, also in Ländern wie Spanien oder Griechenland, haben es sehr viel mehr Unternehmen in die Top 100 geschafft als angesichts der Berichterstattung über die Auswirkungen der Schuldenkrise auf diese Länder zuvor zu erwarten gewesen wäre. Für Weckherlin ist das ein klares Zeichen dafür, dass Kapitalknappheit Effizienz erzwingt und gut geführte Unternehmen auf diesem Weg sogar fitter macht. Für die Staaten, die die Heimat dieser Unternehmen sind, könnte das eine gute Nachricht sein: Wer vernünftiger mit seinem Geld umgeht, hat eine bessere Zukunft vor sich.

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