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Total und der Klimawandel : Man wusste Bescheid

Die Konzernzentrale von Total bei Paris Bild: AP

Ein Aufsatz von Wissenschaftlern bringt den Total-Konzern in Erklärungsnot. Er zeigt, dass das Unternehmen schon seit den 1970er Jahren von den Folgen für das Klima gewusst hat.

          3 Min.

          „Luftverschmutzung und Klima“ lautet der Titel eines Berichts, der im Jahr 1971 im Hausblatt des französischen Total-Konzerns erschien. Sein Inhalt könnte aktueller nicht sein. „Seit dem 19. Jahrhundert verbrennen die Menschen immer mehr fossile Brennstoffe. Dadurch werden enorme Mengen Kohlendioxid freigesetzt […] Die Gesamtmenge an Kohlendioxid in der Atmosphäre hat sich also deutlich erhöht. […] Der Anstieg betrug in den letzten 150 Jahren rund 15 Prozent, was nicht zu vernachlässigen ist.“ Und schließlich folgende Prognose: „Wenn der Verbrauch von Kohle und Öl in den kommenden Jahren im gleichen Rhythmus bleibt, wird die Kohlendioxidkonzentration um 2010 400 ppm erreichen […]“.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Es kam fast genauso. Im Jahr 2015 übersprang die durchschnittliche Kohlendioxidkonzentration erstmals in der Menschheitsgeschichte die Schwelle von 400 ppm, das heißt von einer Million Luftmoleküle waren 400 Kohlendioxid. Signiert wurde der Bericht im Total-Magazin, das der Mineralölkonzern intern wie extern publizierte, von François Durand-Dastès, zu der Zeit außerordentlicher Professor für Geografie in Paris. Die scharfe Zunahme der CO2-Konzentration nannte er „besorgniserregend“, denn zu befürchten sei ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur und infolgedessen potentiell „katastrophale Folgen“ für die Erde.

          Der Aufsatz von Durand-Dastès ist nur einer von einer ganzen Reihe an zeitgenössischen Berichten und Interviews aus den frühen 1970er Jahren und danach, die ein Forschertrio aus Frankreich und den USA nun ausgewertet hat. Ihr am Mittwoch in der Fachzeitschrift „Global Environmental Change“ veröffentlichter Aufsatz bringt den Total-Konzern, der damals noch unter den Namen TotalFina firmierte, in Erklärungsnot. Das gilt in gleicher Weise für den früheren Wettbewerber Elf Aquitaine, der im Jahr 2000 mit TotalFina fusionierte. Denn folgt man den Forschern, blieb es nicht bei Warnungen vor den Folgen der Erderwärmung. Vielmehr hätten sich die Unternehmen ab Ende der 1990er Jahre aktiv daran beteiligt, Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu lancieren. Eine wesentliche Rolle habe dabei die Industrievereinigung IPIECA gespielt, in der der amerikanische Wettbewerber Exxon den Ton angab.

          Total hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

          Für den „grünen“ Kurs der Total-Führung könnte der Zeitpunkt, zu dem der Aufsatz veröffentlicht wurde, ungünstiger kaum sein. Erst im Mai gab sich das Unternehmen abermals einen neuen Namen, der die Dualität von fossiler und erneuerbarer Energie illustrieren soll; nun heißt es TotalEnergies. Seit jeher habe der Konzern durch freiwillige Verpflichtungen und umweltbezogene Öffentlichkeitsarbeit versucht, Glaubwürdigkeit in Sachen Umweltschutz zu signalisieren, so die Wissenschaftler. Auch später sei er in puncto Glaubwürdigkeit kein Vorreiter gewesen. Zwar habe sich Total in den späten 1990er Jahren von der offenen Auseinandersetzung mit der Klimawissenschaft abgewendet, zugleich aber Investitionen in die vorgelagerte Öl- und Gasförderung ausgeweitet. Auch seien rhetorische Strategien angewandt worden, die auf die Streuung von Unsicherheit abzielten, die Dringlichkeit zum Handeln herunterspielten oder die Aufmerksamkeit von fossilen Brennstoffen als Hauptursache für die Erderwärmung ablenkten, schreiben die Forscher.

          Mitte der 2000er Jahre habe der Konzern dann nach Außen aktiv die Expertise der Klimawissenschaft betont – im gleichen Atemzug aber auch, dass es an der Wirtschaft liege, die Probleme zu lösen. „Dieser Rahmen ermöglicht es Total, sich als sozial verantwortliches Erdölunternehmen darzustellen, indem es die anhaltenden Investitionen in die Produktion fossiler Brennstoffe in eine attraktive „Energiewende“-Erzählung einhüllt“, so das Fazit des Forschertrios.

          Nicht nur auf linksliberaler Seite, auch in bürgerlichen französischen Medien wie Le Figaro wurde der Total-Bericht am Mittwoch heiß diskutiert. Aktivisten rieben sich die Hände und riefen zur Verbreitung der „Enthüllungen“ auf. Die Umweltschutzorganisationen 350.org und Notre Affaire à Tous starteten eine Kampagne mit dem Hashtag #TotalKnew. Der Konzern selbst bemängelte, schon in den vergangenen Tagen Anfragen erhalten zu haben, den Aufsatz aber nicht zur Verfügung gestellt bekommen zu haben. „Sie werden verstehen, dass es uns unter diesen Bedingungen noch nicht möglich ist, auf Anhieb präzise zu reagieren“, sagte ein Total-Sprecher der F.A.Z.

          Konzern verweist auf bisherige Fortschritte

          Dennoch wolle man die Anschuldigungen nicht unkommentiert lassen. Zumal der Aufsatz doch „vollumfänglich“ belege, dass sich das Wissen von Total über das Klimarisiko seit den 1970er Jahren in keiner Weise von den wissenschaftlichen Erkenntnissen und Veröffentlichungen der damaligen Zeit unterschieden habe. Auch erkenne das Forschertrio ja an, dass Elf und Total die Erkenntnisse aus der Klimawissenschaft schon vor 25 Jahren öffentlich und offen akzeptiert haben. Zu behaupten, dass das Klimarisiko von Total oder Elf in den 1970er Jahren oder danach unterdrückt worden wäre, nennt der Konzernsprecher „falsch“.

          Man bedauere, dass die Wissenschaftler nun mit dem Finger auf eine Situation vor mehr als 50 Jahren zeigten, „ohne die seither getätigten Anstrengungen, Veränderungen, Fortschritte und Investitionen zu unterstreichen“. Schließlich habe sich TotalEnergies seit 2015 zu einem tiefgreifenden Umbau seiner Aktivitäten verpflichtet, mit dem Ziel, bis 2030 einer der global fünf größten Spieler im Bereich erneuerbare Energie zu werden. Bis Mitte des Jahrhunderts wolle man CO2-neutral wirtschaften, und damit das gelingt, habe man sich schon für die mittlere Frist feste CO2-Reduktionsziele gegeben.

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