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Torlinientechnik aus Würselen : Tor ist, wenn die Kamera ein Signal gibt

Drin oder nicht drin? Die Computeranimation zeigt das Goalcontrol-Prinzip Bild: dpa

Der Weltfußballverband Fifa setzt beim Confed-Cup in Brasilien auf Torlinientechnik, um Schiedsrichtern die Entscheidung leichter zu machen. Ein Anbieter aus Nordrhein-Westfalen hat den Zuschlag dafür erhalten.

          Der Anruf erreichte Dirk Broichhausen mitten auf der Skipiste. „Ich habe erst einmal so lauthals gejubelt“, berichtet der Geschäftsführer und Mitinhaber von Goalcontrol, „dass die anderen Skifahrer mich ganz komisch angeguckt haben.“ Am Handy war ein Vertreter der Fifa. Der Weltfußballverband hatte dem kleinen Unternehmen aus Würselen in der Nähe von Aachen soeben den Zuschlag erteilt, die neue Torlinientechnik für den „Confederations Cup“ im Juni in Brasilien zu liefern. Damit hat Goalcontrol GmbH gute Chancen, auch für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr beauftragt zu werden.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Für den Rest des Osterurlaubs musste seine Familie bei den meisten Abfahrten deshalb auf Broichhausen verzichten. Der 45 Jahre alte Betriebswirt hing ständig am Telefon und konferierte - mit seinem Team, mit der Fifa, mit Journalisten. Auch knapp drei Wochen nach der Entscheidung ist das Interesse aus der ganzen Welt unvermindert groß. Unzählige Anrufe gehen in dem unscheinbaren, mitten in einem Gewerbegebiet gelegenen Firmensitz ein. „Dass das so eine Welle nimmt, war uns nicht klar“, sagt der Manager im Gespräch mit dieser Zeitung. Goalcontrol hatte erst Anfang März die Fifa-Lizenz erhalten und galt als Außenseiter in dem Verfahren. Überraschend setzte sich das Unternehmen dennoch gegen das im Tennis und Cricket erprobte „Hawk-Eye“ (Habichtsauge) aus Großbritannien sowie zwei weitere Mitbewerber durch.

          Die englische Profiliga hat sich für Hawk-Eye entschieden

          Das System von Goalcontrol basiert auf 14 Hochgeschwindigkeitskameras, die unter dem Stadiondach befestigt auf die beiden Tore ausgerichtet werden. Anhand der aufgenommenen Daten errechnen Computer die exakte Position des Balls auf dem Platz. Überquert er die Torlinie, erhält der Schiedsrichter ein Signal auf eine spezielle Armbanduhr. Die Genauigkeit des Systems beziffert Broichhausen auf fünf Millimeter. Als Vorteil führt er an, dass die vorhandenen Tore und Bälle weiter genutzt werden können. Auch ließen sich dank der Kameraaufnahmen jederzeit kritische Spielszenen wiederholen. Bei der erweiterten Version verbessern Kameras im Torrahmen die Genauigkeit auf zwei Millimeter.

          Mit einer Kameraüberwachung arbeitet auch der zum Sony-Konzern gehörende Entwickler Hawk-Eye. Für die Einführung von dessen System hat sich vor wenigen Tagen die englische Fußballprofiliga entschieden, was Broichhausen nicht als Rückschlag, sondern als Bestätigung für die neue Technik verstanden wissen will. Der Anbieter Cairos aus Ismaning und das vom Fraunhofer-Institut mitentwickelte System Goalref setzen dagegen auf eine Magnetfeldtechnologie in Kombination mit einem Funkchip im Ball. Dafür wären eine Umrüstung der Torgehäuse und spezielle Bälle nötig. Für die Benachrichtigung des Schiedsrichters über die Armbanduhr setzt Goalcontrol übrigens auf die Technik von Goalref.

          „Da haben wir in die Hände gespuckt“

          Die Idee zur elektronischen Torüberwachung kam dem Fußballfan Broichhausen vor drei Jahren, nachdem er sich während eines Zweitligaspiels über eine Entscheidung des Schiedsrichters geärgert hatte. Dieser hatte einen Treffer nicht anerkannt - zu Unrecht, wie die Zeitlupe beweis. Am nächsten Morgen ging Broichhausen zum Cheftechniker der Pixargus GmbH, für die er seit sechs Jahren als Marketingleiter tätig ist. Das 1999 gegründete Unternehmen bietet industrielle Bildverarbeitung an; dafür überprüfen Kameras Kunststoffteile auf Maßabweichungen und Fehler in der Oberfläche. Zum Einsatz kommen die Systeme von Pixargus etwa bei der Produktion von Gummidichtungen für Autotüren, von medizinischen Schläuchen oder Fensterprofilen.

          „Ich habe ihn gefragt, ob unsere Kameras eigentlich auch einen Ball erfassen und berechnen können“, rekapituliert Broichhausen jenes Gespräch mit dem Techniker. Die ersten Versuche erfolgten danach an einem mit Kunstrasen beklebten Tischchen, auf dem ein Minitor befestigt war. Rund um diesen Behelfskicker standen die Kameras auf Stativen, der kleine Ball wurde per Fingertipp ins Tor befördert. „Auf diese Weise haben wir die Software geprüft und erste Simulationen gerechnet.“ Später wurden Prototypen während des Trainings und der Spiele von Alemannia Aachen getestet. Mehrmals verbrachte das Goalcontrol-Team ganze Wochenenden im Stadion.

          Im Juli 2012 machte das für die Regeln im Weltfußball zuständige Gremium, das International Football Association Board, nach jahrelangen Diskussionen den Weg für die neue Torlinientechnik frei. „Da haben wir in die Hände gespuckt“, sagt Broichhausen. Im Dezember gründete er zusammen mit vier Mitstreitern Goalcontrol. Kapital steuerte auch ein privater Investor bei, der nicht genannt werden möchte. Die Lizenztests der Fifa fanden schließlich in den Stadien von Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 statt.

          Die Bundesliga hat noch nicht über die Technik entschieden

          Im Mai soll der Aufbau des Torliniensystems in Brasilien beginnen, dann wird das Team von Goalcontrol mit lokalen Dienstleistern zusammenarbeiten. In sechs Stadien müssen die Kameras installiert werden, für die Weltmeisterschaft kämen sechs weitere hinzu. Zwischen 200.000 und 250.000 Euro kostet die Ausstattung je Stadion. Auch eine Handvoll Profiligen haben schon ihr Interesse an dem System bekundet, wie der Geschäftsführer berichtet. „Wir führen momentan erste Gespräche.“ Das Marktpotential für die Torlinientechnik schätzt er als groß ein. Die Voraussetzung dafür sei, dass sich Goalcontrol in Brasilien und Hawk-Eye in der Premier League bewähren. „Ich drücke denen die Daumen“, sagt Broichhausen deshalb. Nichts fürchte er mehr, als dass das ganze System nochmals grundsätzlich in Frage gestellt wird. „Gelingt der Einsatz bei der WM, wird es danach massiv losgehen.“ Er halte es für denkbar, dass bis 2022 rund 1000 Stadien in aller Welt mit einer Torlinientechnik ausgerüstet werden.

          Die Bundesliga hat noch nicht über den Einsatz der Technik entschieden. Auch in den europäischen Pokalwettbewerben wird weiter auf die Torlinienrichter gesetzt. Unterdessen sieht Broichhausen nach eigener Auskunft den Zeitpunkt näher rücken, an dem er sich auf einen seiner beiden Arbeitgeber - Goalcontrol oder Pixargus - konzentrieren muss. Wer ihn mit seiner temperamentvollen Art über das neue Geschäftsfeld reden hört, hat wenig Zweifel, wofür er sich entscheiden wird.

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