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Top-Manager gegen Tüftler : Erste Runde ohne Winterkorn beendet

Von der Anklagebank im Verfahren vor dem Landgericht Braunschweig in der VW-Affäre. Bild: dpa

Am fünften Verhandlungstag sind die Fronten deutlich zu erkennen. Mit der Aussage von Heinz-Jakob Neußer endet die erste Runde des Braunschweiger Strafverfahrens.

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          Heinz-Jakob Neußer hat im Volkswagen-Konzern eine beachtliche Karriere hingelegt. Vom Projektleiter in der Porsche AG arbeitete er sich bis zum Chef der Motorenentwicklung in Wolfsburg hoch und rückte später in den Vorstand der Marke VW auf. Als der Dieselskandal ausbrach, fand der Aufstieg ein jähes Ende. Neußer galt schnell als Schlüsselfigur und wurde erst beurlaubt, später dann gekündigt, „ohne Begründung“, wie es von seinen Anwälten stets hieß. Jetzt ist er 61 Jahre alt und bestreitet mit aller Macht eine Mitschuld am Skandal. Vorwürfe anderer, früherer Mitarbeiter gegen ihn seien „von Widersprüchen dominiert“ und dienten allein dazu, die Verantwortung auf ihn abzuwälzen, lautet der Tenor seiner Aussage am Donnerstag vor dem Landgericht Braunschweig.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Es ist der fünfte Verhandlungstag im Betrugsverfahren, das mehr Klarheit darüber bringen soll, wer für die Manipulation der Abgaswerte von mehr als neun Millionen Dieselautos in Europa und Amerika verantwortlich war – aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein „gewerbs- und bandenmäßiger Betrug“. Unter den Angeklagten ist Neußer der höchstrangige Manager nach der Person, die eigentlich im Mittelpunkt des Verfahrens stehen sollte: Martin Winterkorn. Der Prozess gegen den früheren Konzern-Vorstandschef wurde wegen dessen Gesundheitszustand abgetrennt und soll erst später beginnen. Eine Beschwerde gegen diese Abtrennung hat das übergeordnete Oberlandesgericht in dieser Woche abgewiesen. Nun geht die Verhandlung mit der Aussage Neußers weiter, der erst im August 2015 kurz vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Skandals von einer illegalen Technik, dem Defeat Device, erfahren haben will.

          Zuvor hatte schon sein Vorgänger in der Motorenentwicklung, Jens Hadler, mehrere Tage lang einen Vortrag gehalten, in dem er eine Präsentation mit rund 2000 Powerpoint-Folien und etlichen technischen Details zeigte. Von einer verbotenen Steuerungssoftware in den Motortypen EA189 und EA288, die eine Basis für die vom Jahr 2007 an geplante Expansion in Amerika sein sollten, will auch er nichts gewusst haben. Um davon zu überzeugen, verwies Hadler unter anderem auf sein großes Aufgabenfeld. Als Chef der Aggregateentwicklung habe er ein Budget von einer Milliarde Euro im Jahr verantwortet und 2500 Mitarbeiter geführt. Die Themen, die im Prozess verhandelt werden, hätten weniger als ein Prozent dieser Tätigkeit ausgemacht. Hadler hatte VW 2011 verlassen und seinen Posten an Neußer abgegeben.

          Zwei Angeklagte aus niedrigeren Abteilungen, die Ingenieure Hanno J. und Thorsten D., haben dagegen an den bisherigen Verhandlungstagen die beiden einst weit über ihnen stehenden Manager schwer belastet. Damit ist die Konstellation im Strafverfahren nach der ersten Runde an Einlassungen der Angeklagten klar umrissen: Entwickler aus der zweiten Reihe, die nah an der Arbeitsebene waren, sehen die Schuld bei ihren früheren Vorgesetzten, die alles gewusst und abgesegnet haben sollen. Die höheren Manager streiten alles ab.

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