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TK-Chef Norbert Klusen : „Die Krankenkassen sollten privatisiert werden“

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Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, im Haupthaus der Versicherung in Hamburg Bild: Mutter, Anna

Wird zu viel über das Gesundheitssystem gejammert? Zumindest der Chef der Techniker Krankenkasse sagt: „Wenn, dann möchte ich am liebsten in Deutschland krank sein.“ Im Gespräch mit der F.A.S. spricht er auch über Prämienausschüttungen und den Abschied nach 20 Jahren im Dienst.

          Herr Klusen, die Patienten sind frustriert: langes Warten beim Arzt, immer höhere Beiträge und immer weniger Leistungen. Was läuft schief im Gesundheitssystem?

          Wir klagen auf hohem Niveau. Schauen Sie in andere Länder, da ist es viel schlimmer. Wenn, dann möchte ich am liebsten in Deutschland krank sein. Hier haben Sie freie Arzt- und Krankenhauswahl, wo gibt es das schon? Es kamen in der Vergangenheit ständig innovative Leistungen hinzu. Nirgends wird der Versicherte so als Kunde gesehen wie in Deutschland. In Amerika haben Sie eine hervorragende Versorgungsqualität, die sich aber ein Teil der Bevölkerung überhaupt nicht leisten kann.

          Klingt, als wären Sie mit Deutschland ganz zufrieden.

          Auch hier gibt es noch viel zu tun. Unser System krankt daran, dass zu viele Interessen mitspielen, wobei die Wünsche der Patienten am wenigsten Beachtung finden. Zum Beispiel sind Maßnahmen zur Qualitätssteigerung oft an Ärztefunktionären gescheitert. Ich bedauere, dass die Politik keine Versorgungs- und Qualitätsziele setzt wie in Großbritannien. So sind wir in der Breite gut, aber nicht immer in der Versorgungsqualität. Stattdessen ändert die Politik ständig die Rahmenbedingungen des Systems, so dass man kaum verlässlich arbeiten kann. Gleichzeitig werden unrentable Einrichtungen, etwa einige Krankenhäuser, durchgeschleppt, weil Lokalpolitiker Angst um die Arbeitsplätze haben.

          Das Nebeneinander von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen kritisieren Sie nicht?

          Doch. Die Privaten machen das Gesundheitswesen nicht gerechter und bringen ihm keinen Mehrwert.

          Naja, sie arbeiten effizienter und können ihre Beiträge am Kapitalmarkt anlegen, sind also besser auf die alternde Gesellschaft vorbereitet als die gesetzlichen Kassen.

          Wie gut das funktioniert, sehen Sie ja gerade an den zum Teil saftigen Beitragserhöhungen bei den Privaten. Die Folgen merken wir: Heute kommen mehr von der Privatversicherung zur TK, als wir an sie verlieren. Im Übrigen arbeiten die Privaten keineswegs effizienter als die Gesetzlichen.

          Privatversicherungen werden doch vor allem deshalb teurer, weil sie die Ärzte viel besser entlohnen müssen als gesetzliche Kassen.

          Es stimmt, das ist auch eines ihrer Probleme. Aber sie mussten sich auch nicht ständig reformieren wie wir. Unsere Verwaltungen wären nie so effizient geworden, wenn die Politik nicht den Wettbewerb zwischen den Kassen eingeführt hätte. Die Privaten hingegen saßen in einem warmen Nest und erschrecken jetzt, weil es kühler geworden ist.

          Also am besten nur noch gesetzliche Kassen.

          Ich will die Privaten nicht abschaffen, sie sind ja sogar durch das Grundgesetz geschützt. Aber wir sollten langfristig nur noch ein System haben. Warum können die gesetzlichen Kassen nicht eine private Rechtsform haben?

          Sie wollen sich selbst abschaffen? Das ist ein mutiger Vorschlag.

          Einspruch. Ich rede nicht davon, dass wir uns abschaffen wollen. Aber warum werden die Kassen nicht zu Gesellschaften privaten Rechts ohne Gewinnorientierung? Das waren viele schon einmal, bis in die 30er Jahre, auch die Techniker.

          Was bringt das?

          Alle Versicherer hätten endlich die gleichen Voraussetzungen im Wettbewerb. Wir Kassen könnten zum Beispiel eigene Zusatzversicherungen etwa für Zahn- oder Chefarztbehandlung anbieten, die voraussichtlich günstiger wären als die heute verfügbaren, weil wir keine Provisionen an die Vermittler zahlen müssten. Wir könnten sogar mit den jetzigen privaten Konkurrenten fusionieren. Wir könnten noch wirtschaftlicher arbeiten.

          Warum?

          Allein deswegen, weil uns die Aufsicht nicht ständig in jedes Detail hineinreden und uns übertriebene Dokumentationspflichten auferlegen würde. Die finanzielle Lage der Kassen würde transparenter, sie müssten strengere Rechnungslegungsstandards erfüllen und die Unternehmen langfristig besser absichern, als es heute unter staatlichem Einfluss üblich ist. Allerdings dürfte keine Versicherung einen potentiellen Kunden wegen einer Vorerkrankung ablehnen, wie das jetzt bei den Privaten möglich ist.

          Klingt interessant, aber das Hauptproblem sind doch die höheren Honorare, die Privatversicherer den Ärzten zahlen müssen.

          Das ginge natürlich in einem einheitlichen System nicht mehr. Wir bräuchten eine gemeinsame Gebührenordnung.

          Die Ärzte verzichten bestimmt nicht auf ihre höheren privatärztlichen Honorare.

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