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Tierpark Hagenbeck : Eine Eisbombe für die Bären

Nichts geht mehr: Einigen Tierparkbewohnern hilft nur noch, sich gar nicht zu bewegen Bild: Johannes Ritter

Die Sommerhitze drückt so manchem tierischen Bewohner im Hamburger Zoo aufs Gemüt. Zumindest die zerstrittenen Gesellschafter des Tierparks Hagenbeck täten gut daran, einen kühlen Kopf zu bewahren.

          Der Höhepunkt lauert gleich hinter dem Eingang. Wer das Tropen-Aquarium im Tierpark Hagenbeck betritt, findet sich unvermittelt auf dem Dorfplatz eines weit entfernten tropischen Landes wieder. Bunte Papageien (Gebirgsloris) jagen durch die Luft und landen laut zeternd auf den Drähten eines alten Telegraphenmastes. Ins Auge fällt dem Besucher aber zuallererst die Horde kleiner Affen. Genaugenommen sind es Halbaffen. Acht Kattas, eine Lemurenart aus Madagaskar, schmusen miteinander, tollen durch den Raum, nagen an Karotten, pflücken Weidenblätter. So mancher lässt sich sogar für einen Augenblick auf dem Rücken eines Besuchers nieder, und sei es nur, um von dort mit einem Satz in die höheren Etagen des Geheges zu gelangen. Kattas sind von Natur aus zutraulich und gesellig; hübsch sind die grau-weißen Tiere mit den dunklen Karos um die Augen und den langen, gestreiften, buschigen Schwänzen sowieso.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Laie kann sie nicht auseinanderhalten. Jörg Walter indes kennt jeden Katta mit Namen. Auf Zuruf klettert ihm Medongi, Joku, Hannes oder Kaspar auf den Rücken. Walter ist seit acht Jahren der Herr der Lemuren, er hat sie alle in sein Herz geschlossen. „Das hier ist meine Familie“, sagt der 48 Jahre alte Tierpfleger. Vor seinem Leben im Zoo war Walter Schlachter. In diesen Beruf sei er hineingerutscht, weil sein Vater eine Schlachterei hatte. Gefallen hat ihm diese Arbeit nie. Aber der Umgang mit den liebenswerten Kattas und den begeisterten Besuchern, denen er in vier Sprachen freundlich, aber bestimmt die Verhaltensregeln – „nicht streicheln, kein Blitzlicht“ – erklärt, macht ihm Spaß. Und Walter glaubt, dass es den Äffchen auch gefällt: „Die haben einen eigenen Angestellten, der sie den ganzen Tag bespaßt. Das ist doch der Wahnsinn!“

          Tierpfleger Jörg Walter schwitzt bei der Arbeit im Tropenhaus, hier mit einem Katta. Bilderstrecke

          Es ist halb zehn an einem heißen Sommertag im Juli. 29 Grad wird das Thermometer später anzeigen. Draußen im Schatten. Hier drinnen, im Tropen-Aquarium, ist es schon am frühen Morgen mollig warm. Walter läuft der Schweiß über die Stirn. Ob ihm die Hitze denn nichts ausmache? Nein, sagt er, daran gewöhne man sich. „Ich habe hier meinen Traumjob gefunden.“ Hitze? Ach was. Hagenbeck ist „Hamburgs coolster Ort“ – so zumindest wirbt der Tierpark auf Plakaten in der Hansestadt, um die Hamburger zu einem Besuch zu bewegen.

          Der Aufruf kommt nicht von ungefähr: Der heiße Sommer ist nicht gut für das Geschäft. Wenn es sehr warm und sonnig ist, zieht es die Leute eher an den Elbstrand oder an die Küsten von Nord- und Ostsee als in den Zoo. Im Winter wiederum sorgen Schnee und Eis für Verdruss. So fällt es mitunter schwer, die Betriebskosten von 41000 Euro am Tag durch die Eintrittsgelder zu decken.

          Im Großen und Ganzen scheint das aber zu gelingen: Der vor mehr als 100 Jahren gegründete Tierpark Hagenbeck, in dem heute fast 1900 Tiere wohnen, ist der einzige Großzoo in Europa, der ohne regelmäßige staatliche Zuschüsse auskommt. Daher liegen die Eintrittspreise allerdings auch deutlich höher als in Hannover, Berlin und München. Für Sonderprojekte wie das 20 Millionen Euro teure Eismeer-Gelände und das Tropen-Aquarium sind die privaten Eigentümer freilich auf öffentliche Zuschüsse angewiesen. Außerdem können sie auf Gelder des Fördervereins und der Stiftung Hagenbeck zurückgreifen.

          Hitze macht den Eisbären zu schaffen

          Auch wenn sie es im neuen Eismeer-Gelände deutlich frischer haben als die Lemuren im Tropenhaus, nehmen die Eisbären die Hitze nicht wirklich cool hin. Ihr Körper ist auf zweistellige Minus-Temperaturen eingestellt. Kein Wunder also, dass Victoria und Blizzard, die beiden Eisbären im Tierpark Hagenbeck, an diesem heißen Tag besonders schlapp herumliegen. Dabei ist das Wasser in ihrem Bassin auf 16 Grad heruntergekühlt. Und ab und an bekommen sie von ihren Pflegern eine dicke Eisbombe. Diese besteht aus Fischen und anderen Leckereien, die in einem Eimer Wasser tiefgefroren wurden. An dieser kalten Kost können sich die Eisbären eine Weile lang gütlich tun. Auch die Kamtschatka-Braunbärenfamilie, die zweihundert Meter entfernt in ihrem Wassergraben herumtollt, hat ihre Freude an dem Fischlutscher.

          Der kälteste Platz im Zoo ist der höhlenartige Raum, in dem die Königs- und Eselspinguine untergebracht sind. Hier misst die Wassertemperatur weniger als 9 Grad, die Luft ist noch etwas kühler. Hier könnten auch die Hitzköpfe aus den verfeindeten Lagern der Eigentümerfamilie ihr Mütchen etwas kühlen. Der Tierpark liegt bis heute in den Händen der Nachfahren des Gründers Carl Hagenbeck. Lange schien es so, als wäre er dort gut aufgehoben. Doch seit gut zwei Jahren tobt ein bizarrer Streit unter den Familiengesellschaftern. Diese sind in zwei Lager gespalten, die jeweils mit 50 Prozent an allen Geschäften beteiligt sind und traditionell jeweils einen der Ihren in die Geschäftsführung des Zoos entsenden.

          Die Hagenbecks im Familienstreit

          Im Jahr 2012 putschte sich der damals 70 Jahre alte Carl Claus Hagenbeck zurück in die Doppelspitze des Parks und entmachtete seinen Schwiegersohn Stephan Hering-Hagenbeck. Dagegen wehrte sich der zweite Geschäftsführer Joachim Weinlig-Hagenbeck auf dem Rechtsweg. Die erbitterte Auseinandersetzung der beiden verfeindeten Gesellschafter und Geschäftsführer sollte Mitte Juli vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in die nächste Runde gehen. Doch die Streithähne ließen den Termin in letzter Minute platzen, weil sie sich nun doch lieber außergerichtlich einigen wollten. Einfach wird das nicht, schließlich reden die Herren offenbar nicht mehr miteinander.

          In gewisser Weise ähnlich schweißtreibend wie der Familienstreit ist auch die Arbeit im Elefantengehege. Die Dickhäuter allerdings sind als notorisch gutmütige Wesen bekannt. Sie zählen zu den heißesten Attraktionen im Zoo. Nicht nur, weil sie per se imposant sind. Wer zuvor gleich hinter dem Eingang zum Zoo gegen eine kleine Spende geschnittenes Obst und Gemüse eingesammelt hat, darf diese gewaltigen Tiere damit sogar eigenhändig füttern. Die scheinbar nimmersatten Elefanten recken ihre Rüssel den Apfelstückchen, Orangen und Karotten entgegen, die ihnen die sichtlich beeindruckten Kinder vor die Nase halten. Dabei balancieren die gierigen Dickhäuter geschickt am äußersten Rande des Grenzgrabens und der Schwerkraft.

          Zwei Tierpfleger, die mit ihren beigefarbenen Hosen und Hemden aussehen, als kämen sie direkt aus der amerikanischen Tierfilmserie „Daktari“, überwachen das Treiben. Wenn einer ihrer Schützlinge beim großen Fressen aus der Reihe tanzt, sorgen sie mit kurzen Rufen für Ordnung. Die Elefantenhüter stehen in der prallen Sonne. Schatten gibt es auf dem sandigen Areal nicht. Und als wäre das nicht hart genug, fegt regelmäßig eine dicke Staubwolke über sie hinweg. Denn die Elefanten lieben es, mit dem Rüssel eine dicke Ladung Sand aufzusaugen und sich das Gestreu zur Hautpflege auf den Rücken zu pusten.

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