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Tiere testen Tierfutter : Gourmets auf vier Beinen

Futtervergleich: Jede Katze bekommt zwei Sorten zur Wahl - in diesem Fall schmeckt offenkundig die linke Variante besser
          3 Min.

          Erwartungsfroh blickt Xaro seinen obersten Dienstherrn an. Hält dieser doch einen Futternapf in jeder Hand. Da freut sich der Schäferhund. Eine kleine Extramahlzeit am Nachmittag ist doch eine feine Sache. Doch kaum hat er die Näpfe vor der Nase, rümpft er dieselbige. Xaro schnüffelt links und schnüffelt rechts, erst einmal, dann zweimal - aber fressen will er partout keines dieser beiden Trockenfutter, die doch extra für ihn und seine Artgenossen entwickelt worden sind. Er legt den Kopf zur Seite. Ratlos, fast ein wenig enttäuscht, schaut der Rüde den Hundetrainer an. Könnte Xaro sprechen, würde er sagen: "Das ist nicht dein Ernst, oder? Wie kannst du mir so etwas anbieten?" Hundetrainer Marcus Wolff ist sehr zufrieden. Genau diese Disziplin sollten seine Vierbeiner möglichst beherrschen: Nicht jedes Futter einfach sogleich runterschlingen, sondern zunächst prüfen, ob es mundet. "Wir verziehen die Hunde zu kleinen Gourmets", sagt Wolff.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Im niedersächsischen Verden an der Aller hält der Tierfutterhersteller Mars Petcare 65 Hunde und 120 Katzen. Als Testfresser entscheiden die Vierbeiner über Wohl und Wehe eines neu entwickelten Produktes. Da können die Produkt- und Marketingspezialisten noch so sehr von dem Markterfolg eines neuen Wunderfutters (wahlweise für glänzendes Fell, starke Knochen, gesunde Zähne oder langes Leben) überzeugt sein. Wenn es den kläffenden oder maunzenden Gesellen im "Pet-Center" nicht schmeckt, hat sich die Sache erledigt. "Von zehn Produktentwicklungen schaffen es nur zwei auf den Markt. An dieser Auslese haben unsere Hunde und Katzen einen entscheidenden Anteil", sagt Pet-Center-Leiter Thomas Brenten.

          Mars ist vielen Menschen vor allem als Hersteller von Schokoriegeln (Mars, Milky Way, Bounty, M&M's) ein Begriff. Doch mit Süßwaren erwirtschaftet das amerikanische Familienunternehmen nur rund 37 Prozent seines Umsatzes von 30 Milliarden Dollar. Den größten Anteil (47 Prozent) trägt die Heimtiernahrung mit Marken wie Whiskas, Sheba, Kitekat, Frolic, Chappi und Pedigree. Im globalen Tierfuttergeschäft zählt Deutschland zu den wichtigsten Märkten. Jeden Tag wollen hier 8 Millionen Katzen und 5,5 Millionen Hunde gefüttert werden. "Der Markt ist genauso groß wie der für Tiefkühlkost und Kosmetik", sagt Mars-Deutschland-Geschäftsführer Loic Moutault. Futter im Wert von 2,4 Milliarden Euro haben die Deutschen 2009 allein für ihre Hunde und Katzen eingekauft. Binnen zehn Jahren, so schätzt Moutault, wird der Markt um rund 500 Millionen Euro wachsen.

          Gerade weil es ein wachsender und obendrein krisenfester Markt ist, ist er besonders umkämpft. Das bekam auch Marktführer Mars zu spüren. Einst hatten die Amerikaner im deutschen Lebensmitteleinzelhandel einen Marktanteil von 70 Prozent, heute sind es "nur" noch 50 Prozent. Neben aggressiven Wettbewerbern wie Nestlé (Purina), Colgate (Hill's) und Procter & Gamble sind es vor allem die Eigenmarken der Handelsketten, die Mars Petcare schwer zu schaffen machen. Bezogen auf den Gesamtmarkt, also einschließlich der Discounter wie Aldi und Lidl, haben die Handelsmarken mittlerweile einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent - und Mars nur noch einen Anteil von 30 Prozent. Der Verdrängungswettbewerb drückt auf die Margen. Bei Dosenfutter, so gibt Moutault zu, herrsche ein regelrechter Preiskrieg.

          Mars Petcare versucht sich dem Preisdruck durch Neuentwicklungen zu entziehen. 2,5 bis 3 Prozent des Deutschland-Umsatzes von zuletzt 724 Millionen Euro fließen in Forschung und Entwicklung. In der Petcare-Europa-Zentrale in Verden basteln 140 Spezialisten, darunter Lebensmittelchemiker, Tierärzte und Ernährungswissenschaftler, an neuen Rezepturen. Dabei kommen Zahnpflege-Sticks für Hunde oder Vitamin-Snacks für Katzen heraus, die deutlich höhere Margen als Standardfutter versprechen, im Erfolgsfall freilich bald Nachahmer im Markt finden. "Belohnungsprodukte laufen derzeit besonders gut", sagt Moutault.

          Die Bedeutung des Tierfuttergeschäfts spiegelt sich häufig nicht in der Positionierung im Handel. Oft liegen die Produkte versteckt in einer Ladenecke neben den Putzmitteln. Der Grund ist klar: Impulskäufe gibt es in diesem Geschäft nicht. Nur wer ein Schoßhündchen oder Schmusekätzchen zu Hause hat, sucht nach der entsprechenden Regalwand. Moutault will die Einzelhändler zu einer besseren Positionierung bewegen. Dabei wirbt er mit der Kaufkraft seiner Kunden: "Tierbesitzer geben im Laden durchschnittlich 18 Prozent mehr aus als Nicht-Tierhalter."

          Zur Ertragslage äußert sich das verschwiegene Familienunternehmen traditionell nicht. Mars hält sogar geheim, welches Mitglied der Eigentümerfamilie an diesem Donnerstag nach Verden reist, um am Festakt zum 50-jährigen Bestehen des dortigen Werkes teilzunehmen. Für die 1000 Mitarbeiter wird es dann am Samstag auf dem Werksgelände ein großes Jubiläumsfest geben. Manche von ihnen werden zwischendurch hinüberlaufen zum benachbarten Pet-Center, um dort nach "ihren" Tieren zu schauen. Denn jeder Testhund hat einen Paten aus dem Unternehmen, der mit ihm spielt und Gassi geht.

          Wenn die Hunde nach drei bis vier Jahren ihre Luxus-Pension verlassen müssen, landen die meisten von ihnen ganz im Hause ihrer bisherigen Paten. Auch viele Katzen werden nach dem Ende ihrer Testmission in die Belegschaft vermittelt. Der private Umgang mit den kleinen Gourmets auf vier Beinen ist freilich nicht ohne Tücken, wie eine Mitarbeiterin berichtet: "Meine Katze ist sehr wählerisch. Sie will jeden Tag ein anderes Futter, sonst frisst sie nicht."

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